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MechWarrior Trilogie

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Year:
2001
Edition:
1.
Publisher:
Heyne
Language:
german
Pages:
1011
ISBN 10:
3453179412
ISBN 13:
9783453179417
Series:
Battletech 50
File:
PDF, 2.21 MB
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1

Die erste

Year:
2011
Language:
german
File:
EPUB, 404 KB
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2

MechWarrior Trilogie

Year:
2011
Language:
german
File:
EPUB, 726 KB
0 / 0
Die
Mechwarrior
Trilogie

Stephen Kenson
Väterchen Frost
Blaine Lee Pardoe
Triumpfgebrüll
Blaine Lee Pardoe & Mel Odom
Blutsverrat

Fünfizgster Band
im BATTLETECH™-Zyklus

WILHELM HEYNE VERLAG
MÜNCHEN

HEYNE SCIENCE FICTION & FANTASY
Band 06/6250
Besuchen Sie uns im Internet:
http://www.heyne.de

Titel der Originalausgabe
GHOST OF WİNTER
ROAR OF HONOR
BY BLOOD BETRAYED
Übersetzung aus dem Amerikanischen von
REINHOLD H. MAI

Umwelthinweis:
Scanned by: PacTys
Corrected by: Hobbite

Redaktion: Joern Rauser
Copyright © 2001 by FASA Corporation
Copyright © 2000 der deutschen Ausgabe und der Übersetzung
by Wilhelm Heyne Verlag GmbH & Co. KG, München
Printed in Germany 2001
Umschlagbild: FASA Corporation
Umschlaggestaltung: Atelier Ingrid Schütz, München
Technische Betreuung: M. Spinola
Satz: Schaber Datentechnik, Wels
Druck und Bindung: Presser Eisnerdruck, Berlin
ISBN 3-453-17941-2

Stephen Kenson

VÄTERCHEN FROST

1
Kore Peripherie
11. April 3060

Die Sensoren kreischten ihre Warnung, als die Rake­
ten herabstürzten. Sturm Kintaro riß den Steuer­
knüppel zurück. Der über das vereiste Gelände Kores
rennende Mech flog herum und wich dem Angriff
aus. Die Servomotoren des fünfzig Tonnen schweren
Centurion heulten auf, als der riesige Kreiselstabili­
sator im Rumpf gegen die Schwerkraft ankämpfte,
um die humanoide Kampfmaschine aufrecht zu hal­
ten. Die Raketen schossen knapp einen Meter vorbei,
krachten in den Boden und schleuderten eine Wolke
aus Schmutz, Schnee und zu Staub zerblasenem Ge­
stein auf. Sturm kämpfte gegen die Druckwelle des
Beinahetreffers an, schaffte es, den Mech auf den
Beinen zu halten, und drehte ihn dem neuen Angrei­
fer entgegen.
Er nutzte die Staubwolke als Deckung und schätz­
te den Neuankömmling ab. Es war natürlich ein
ClanMech, eine Maschine des Typs, dem man in der
Freien Inneren Sphäre nach dem nordischen Gott der
Bogenschützen den Codenamen Uller gegeben hatte,
während er bei den Clans als Kit Fox lief. Dieser Ul­
ler schien entsprechend einer der Alternativkonfigu­
; rationen mit Langstreckenraketen bestückt zu sein.

Verglichen mit dem schlanken, humanoiden Centu­
rion erinnerte der feindliche Mech mit seinem tief
gebeugten Torso an eine Krabbe.
Mit nur dreißig Tonnen Masse war der Uller
leichter als Sturms Centurion, aber zugleich auch
schneller und beweglicher. Zudem gaben ihm die
Raketenlafetten auf größere Distanz einen Vorteil.
Sturms Kampfkoloß war mit einer Autokanone und
einer einzelnen LSR 10er-Lafette bestückt. Wenn
Sturm auf Distanz zu dem Uller blieb, konnte er da­
mit rechnen, daß der schnellere Mech den Angriffen
auswich und den Centurion mit seinem Raketenbe­
schuß in einen Haufen Altmetall verwandelte. Er ent­
schied sich, vorzurücken und die überlegene Größe
und Nahgefechts-Feuerkraft seines BattleMechs zu
nutzen.
Diese Gedanken nahmen nur den Bruchteil einer
Sekunde in Anspruch. Kaum hatte Sturm den Gegner
erkannt, als bereits kampfgestählte Reflexe die Kont­
rolle übernahmen und den Steuerknüppel nach vorne
stießen. Der Centurion rannte mit nahezu maximaler
Geschwindigkeit auf den feindlichen Mech zu und
erreichte auf der gefrorenen Tundra fast sechzig
Stundenkilometer.
Während er sich seinem Ziel näherte, preßte Sturm
den Feuerknopf der LSR-Lafette und sandte eine
kreischende Salve Raketen, weiße Rauchbahnen hin­
ter sich herziehend aus dem Torso des Centurion auf
ihren Weg. Wie erwartet, war der Pilot des Uller
schnell genug, rechtzeitig auszuweichen. Die meisten

Raketensysteme der Freien Inneren Sphäre waren
ungelenkt, und Treffer waren mehr vom Können und
Glück des Schützen abhängig als von Elektronik.
Sturm nutzte den gefrorenen und von einer weißen
Schneedecke bedeckten Boden aus, die sich unter
den wuchtigen Schritten der Metallgiganten rapide in
braugraunen Schlamm verwandelte. Auf dem eisigen
Untergrund war man ständig in Gefahr, auszurut­
schen, aber diesmal legte Sturm es sogar darauf an.
Im Vertrauen auf das Gyroskop seines Mechs und
unter beträchtlichen Anstrengungen, die Kontrolle
über den Steuerknüppel nicht zu verlieren, schlitterte
er über den Rest der Distanz zu seinem Gegner wie
ein spielendes Kind auf winterlichem Gehsteig. Das
Manöver war darauf angelegt, den Uller-Piloten zu
überraschen, und es funktionierte.
Die Beine des Centurion trafen unter dem Quiet­
schen protestierenden Metalls und dem Scheppern
von Panzerplatten auf das linke Bein des Uller. Auf­
flackernde gelbe Lichter auf dem Schadensdiagramm
meldeten kleinere Schäden an der Beinpanzerung des
mittelschweren Mechs, aber keine ernsthaften Be­
schädigungen der internen Systeme. Das Titanstahl­
skelett der gigantischen Kampfmaschine war unver­
sehrt. Der Uller hingegen wedelte auf eine sehr men­
schliche, beinahe komische Weise mit den Armen,
bevor er mit einem donnernden Krachen umkippte,
das im Innern des Cockpits nur gedämpft an Sturms
Ohren drang.
Kintaro verlor keine Zeit damit, sich am Anblick

des wie eine von einem Lausebengel auf den Rücken
gedrehte Schildkröte strampelnden ClanMechs zu
weiden. Er packte die Kontrollen fester und richtete
den Centurion so schnell er konnte auf ein Knie auf,
um ihn in Schußposition zu bringen. Der Pilot des
Uller versuchte dasselbe, aber wie die meisten nicht­
humanoiden Mechs ließ sich auch seine Maschine
nur unter Mühe wieder aufrichten.
Der Pilot hob den rechten Mecharm und versuch­
te., die LSR auf den Centurion zu richten. Sturm
grinste. Langstreckenraketen hatten auf kurze Ent­
fernung eine notorisch schlechte Trefferquote, und
der feindliche Krieger konnte froh sein, wenn er den
Planeten nicht verfehlte.
Laut röhrend jagten die LSR auf Feuerzungen auf
den Centurion zu. Mehrere schlugen in den linken
Arm und Torso ein. Warnsignale meldeten heulend
einen Schaden an der Raketenlafette der Maschine.
Der Abschußmechanismus war schwer beschädigt
und ausgefallen. Verdammt!
Mit einem geknurrten Fluch hob Sturm den rech­
ten Mecharm und richtete die schwere LuxorAutokanone auf die Unterseite des Uller-Torsos. Mit
der anderen Hand zog er das Fadenkreuz des mittel­
schweren Laser über das Zentrum des gegnerischen
Mechrumpfs. Dann stieß er die Feuerknöpfe durch.
Ein dumpfes Wummern hallte durch die Kanzel,
als die AK/10 Feuer spuckte und einen Strom von
80mm-Granaten abschoß, unter deren Aufprall die
Kompositpanzerung des Uller zerbarst. Gleichzeitig

zuckte eine smaragdgrüne Lichtlanze aus dem mittel­
schweren Laser, verwandelte die Panzerung zu Wol­
ken aus superheißem Dampf und schnitt in die über­
lebenswichtigen internen Systeme der ClanMaschine.
Ein greller Lichtschein flammte in den Tiefen des
Uller auf, als Sturms Laser den Fusionsreaktor des
gegnerischen Mechs fand. Sturm brachte den Centu­
rion vollends auf die Beine und zog sich hastig zu­
rück, als der beschädigte Reaktor außer Kontrolle
geriet. Ein dumpfes Wummern aus der Richtung des
beschädigten Mechs zeigte an, daß der Pilot die Ret­
tungsautomatik ausgelöst hatte. Sturm konnte nicht
sehen, ob es dem Clanner gelungen war, aus dem am
Boden liegenden Mech auszusteigen. Dann leuchtete
der Uller wie eine winzige Sonne auf, und die un­
kontrollierte Fusionsreaktion verzehrte die internen
Systeme. Als sie verblaßte, ließ sie nur noch einen
schwarzen Krater und etwas zerschmolzenes Metall
zurück.
Aber Sturm erhielt keine Gelegenheit, seinem Sieg
zu genießen. Gerade als er sich die Schäden des Cen­
turion noch einmal näher ansah und das Schlachtfeld
nach anderen Mechs abzutasten begann, hatte er auch
schon den nächsten Feindkontakt. Die Sensoren hat­
ten kaum Gelegenheit, warnend aufzuheulen, bevor
eine Raketensalve in die mittelschwere Maschine
einschlug. Das Schadensdiagramm leuchtete auf und
zeigte Panzerverluste entlang der rechten Rumpfsei­
te. Den Raketeneinschlägen folgten zwei feuerrote

Energiebündel. Laserstrahlen zerkochten die Panze­
rung an Torso und Arm des Centurion. Sturm wirbel­
te zu seinem neuen Gegner herum, riß alle verfügba­
ren Waffen hoch... und erstarrte.
Es war ein Mad Cat, einer der tödlichsten ClanOmniMechs überhaupt. Mit fünfsiebzig Tonnen
hochmoderner Waffen- und Panzertechnik verfügte
er über die anderthalbfache Masse des Centurion.
Der gebeugte Rumpf ähnelte der Konstruktion des
Uller, wirkte aber weit bedrohlicher. Der Mad Cat
war mit schweren und mittelschweren Lasern in bei­
den wuchtigen, an Keulen erinnernden Armen be­
stückt, je einer Langstrecken-Raketenlafette auf bei­
den Schultern und einer Phalanx Maschinengewehre
und Laser unter dem spitz vorstehenden Bug des
granatenförmigen Torsos. Die breiten, gespaltenen
Mechfüße wuchteten über den gefrorenen Boden und
verliehen dem Metallriesen in Verbindung mit den
nach hinten abknickenden Beinen beinahe das Aus­
sehen eines gigantischen Raubvogels.
Sturm zögerte nur einen Augenblick, bevor er mit
allem gegen den Mad Cat losschlug, was er hatte. Die
Autokanone des Centurion brüllte, und sein mittel­
schwerer Laser sang. AK-Granaten zerschellten auf
schwerer Ferrofibritpanzerung, und der Lichtwerfer
hinterließ eine schwarze Narbe auf dem rechten Bein
des Clan-Mechs, aber die schwerere Kampfmaschine
rückte unbeeindruckt weiter vor und feuerte ihre Waf­
fen ab, während sie näher wuchtete. Der Centurion
versuchte auszuweichen, aber es war zu spät.

Verdammt! dachte Sturm. Das Ding ist nicht nur
größer als ich, sondern auch noch schneller. Die ru­
binroten Laserstrahlen des Mad Cat peitschten über
den Centurion wie glühende Klingen, schnitten die
Panzerung in großen Brocken weg und legten Myo­
mermuskeln und empfindliche interne Strukturen
frei. Wieder kreischte eine Wand aus Raketen heran
und krachte ins Bein des Mechs. Warnlichter flamm­
ten auf und meldeten den Verlust wichtiger Panze­
rung. Der Schaden war allerdings nicht allzu bedroh­
lich ... noch nicht. Aber es gab keinen Zweifel, daß
der mittelschwere BattleMech einem derartigen Be­
schuß nicht lange standhalten konnte.
Das Cockpit des Centurion war erstickend heiß,
und Sturms nur in Stiefel, Shorts und eine Kühlweste
gekleideter Körper triefend naß von Schweiß. Seine
Hände waren so glitschig, daß er Probleme hatte, die
Steuerknüppel zu fassen. Er legte die Stirn auf die
Innenseite des Neurohelms und ging hastig seine Op­
tionen durch.
Das Problem ist, dachte er, wenn ich diesem Bur­
schen den Rücken kehre, kann ich mich einsargen
lassen. Der Centurion gehörte zu den wenigen
Mechs mit Bewaffnung im Rücken, aber Sturm hatte
arge Zweifel, daß ein einzelner mittelschwerer Laser
einen Mad Cat beeindrucken würde. Die Waffen des
ClanMechs hingegen würden seine dünne Rücken­
panzerung schon mit der ersten Breitseite durch­
schlagen und die internen Systeme des Centurion
pulverisieren, so wie Sturm es kurz zuvor an dem

Uller vorexerziert hatte. Aber er konnte sich auch
nicht rückwärts zurückziehen, nicht auf so trügeri­
schem Untergrund und gegen einen so schnellen Ge­
gner. Seine einzige Chance bestand darin, den größe­
ren Mech auszumanövrieren, in seinen Rücken zu
kommen und dann zu rennen wie der Teufel, bevor
der Mad Cat sich wieder fing und ihn abschoß.
Sturm duckte den Mech nach links, als der nächste
Raketenhagel anflog und ihn nur knapp verfehlte. Er
biß die Zähne zusammen und rammte den Steuer­
knüppel nach vorne, trieb den Centurion auf
Höchstgeschwindigkeit, als er in einem Zickzack­
kurs, von dem er sich die größte Chance erhoffte,
den gegnerischen Waffen zu entgehen, beinahe direkt
auf den Clanner zustürmte. Der Pilot des Mad Cat
ließ sich vom Anblick des auf ihn zu rennenden
Fünfzig-Tonnen-Mechs keine Sekunde beeindrucken
und bewegte seinen Kampfkoloß beinahe schlen­
dernd weiter vor.
Sturm feuerte die Autokanone des Centurion ab
und zog eine Kraterlinie am linken Bein des Mad Cat
hoch über den Torso, während er vorpreschte, und
schaffte es, den anfliegenden Raketen und dem größ­
ten Teil der Laserschüsse auszuweichen. Ein einzel­
ner mittelschwerer Laser erwischte ihn links am
Mechtorso, und das Schadensdiagramm meldete in­
terne Schäden.
»Komm, Baby, halt durch«, murmelte Sturm, als
der Mad Cat auf dem Sichtschirm immer größer
wurde und die Zahlen auf der Distanzanzeige der

Sichtprojektion immer kleiner. Verdammt, ist der
groß. Nur noch ein paar Meter ...
Als der Centurion dicht genug an die titanische
Clan-Kampfmaschine heran war, zog Sturm den
Steuerknüppel hart nach links und änderte die Rich­
tung. Fast wie ein Matador, der sein Cape schwang,
drehte der Mad Cat den Torso und schwenkte einen
der immensen Me-charme wie eine Keule. Sturm sah
den Schlag kommen, aber er konnte nicht schnell
genug reagieren, um ihm auszuweichen. Der riesige
Metallarm schoß auf seinen Mech zu und füllte fast
den gesamten Sichtschirm aus.
Ein ohrenbetäubendes Krachen hallte durch das
Cockpit, als der Schlag den Centurion außer Kontrol­
le nach hinten warf. Sturm kämpfte mit der Steue­
rung, um die Maschine aufrecht zu halten, aber Ko­
res Schwerkraft hatte die fünfzig Tonnen humanoi­
des Metall fest im Griff, und der Mech kippte wie ein
k. o. geschlagener Preisboxer aus den Pantinen. Das
ganze Cockpit erzitterte, als die Schockabsorber bis
zum Äußersten belastet wurden, und Sturm wurde
hart in die Gurte geschleudert.
Aber er dachte nicht daran, aufzugeben. Beinahe
reflexartig warf er den Centurion in eine seitliche
Rolle, um dem nächsten Angiff zu entkommen. Aber
statt wie erwartet mit dem anderen Arm zuzuschla­
gen, trat der Mad Cat mit einem seiner breiten Kral­
lenfüße aus. Der Aufprall brachte das ganze Cockpit
wie eine Glocke zum Hauen, Panzerung und interne
Systeme zerbarsten, und auf der Schadensanzeige

flammten rote Warnlichter auf. Als Sturm versuchte,
die Autokanone auf seinen Gegner zu richten, blickte
er zum Sichtschirm hoch und sah den Mad Cat einen
seiner riesigen Arme senken. Sturm griff nach den
Kontrollen. Dann füllte ein höllisch rotes Licht den
Sichtschirm, die Temperatur im Innern der Kanzel
schoß nach oben, und plötzlich wurde es dunkel.

2
Trainingszentrum der Kore-Lanciers, Niffelheims,
Kore Peripherie
11. April 3060

Die Tür der Kapsel öffnete sich mit einem Zischen,
und kühle Luft strömte ins Innere, während Sturm
die Sitzgurte löste und die Arme hob, um den Neuro­
helm abzunehmen, damit der Luftzug den Schweiß
trocknen konnte, der von seinem Gesicht tropfte und
seine Haut wie ein Film bedeckte. Er stellte den
Helm beiseite, wobei er sorgfältig darauf achtete,
sich nicht in den Kabeln zu verheddern, und kletterte
aus der Luke, um sich seine Standpauke abzuholen.
Er fuhr sich mit einer Hand durch das nasse dunkle
Haar, das in einem unter MechKriegern verbreiteten
Stil oben länger, aber seitlich extrem kurz geschoren
war, um den Kontakt mit den Neuropflastern des
Helms zu erleichtern.
Sturm grinste den draußen auf ihn wartenden
Mann keck an, aber es war deutlich zu sehen, daß
Stabsfeldwebel Aaron Krenner nicht in der Stim­
mung für Witzeleien war.
Der Stabsfeldwebel der Kore-Lanciers war über
zwei Meter groß. Sein gesamter Körper war eine ein­
zige wuchtige Muskelmasse, die er mit unerbittlichen
Trainingssitzungen zu unchristlich frühen Morgen­

stunden stahlhart hielt. Das Neonlicht des Trainings­
hangars glänzte auf seiner ebenholzschwarzen Haut
und dem billardkugelglatten Kopf. Krenner rasierte
sich täglich den gesamten Schädel mit Ausnahme
eines sauber getrimmten Kinnbarts, der ihm in den
Augen mancher seiner Schüler ein etwas unheimli­
ches Aussehen verlieh. Vermutlich hat er ihn genau
deshalb, dachte Sturm. Er trug die Standarddienst­
montur der Lanciers mit dem grauweißen Tarnsche­
ma, das sich sowohl für arktisches Gelände wie für
Stadteinsätze eignete, und andere Geländearten gab
es auf Kore nicht. Der Unteroffizier hatte die kräfti­
gen Arme vor der Brust verschränkt und einen Aus­
druck von mühsamer Geduld aufgesetzt. Sturm er­
kannte auf den ersten Blick, daß ihm eine Predigt
bevorstand.
»Feldwebel ...«, setzte er an, aber Krenner fiel ihm
mit seiner tiefen Baritonstimme ins Wort, so, als ha­
be er nur darauf gewartet, daß der junge MechKrie­
ger etwas sagte.
»Das war erbärmlich, Kintaro.«
»Aber, Spieß, ich ...«
»Nichts ›aber, Spieß‹, MechKrieger! Ich bin hier,
um Sie auszubilden. Sie sind vielleicht kein Anwär­
ter mehr, aber wenn Sie jemals einen wirklichen Ein­
satz erleben wollen, müssen Sie noch verdammt viel
lernen. Mit so einer Darbietung wären Sie in einem
echten Gefecht inzwischen tot!«
Fast hätte Sturm den Kopf geschüttelt. Als ob er
hier draußen jemals erwarten könnte, in ein echtes

Gefecht verwickelt zu werden, auf einer Bergwerks­
kolonie am äußersten Rand des erforschten Welt­
raums, Lichtjahre entfernt vom Geschehen in der In­
neren Sphäre. »Es war nur ein Trainingskampf«, pro­
testierte er zaghaft. Krenner hatte recht, wenn er fest­
stellte, daß er sich nicht gerade berauschend geschla­
gen hatte, aber dafür gab es einen Grund. »Außer­
dem«, erklärte Sturm weiter, »war es nicht fair. Ich
meine, ein Centurion gegen einen Mad Cat?«
»Fair?« explodierte Krenner. Sturm zuckte zu­
sammen und erkannte, daß er genau das Falsche ge­
sagt hatte. »Wir reden hier von Krieg, Kintaro! Das
ist kein Spiel. Da draußen in der Wirklichkeit werden
Sie in einem echten Mech sitzen, und echte Men­
schen werden versuchen, Sie umzubringen. Und
manche davon werden in größeren Mechs als dem
Ihren sitzen, kapiert? Wenn Sie gegen die versagen,
gibt es keinen ›Neustart‹-Knopf. Wenn dieser Mad
Cat echt gewesen wäre, dann wären Sie jetzt tot. Das
ist der Grund für diese Ausbildung. Sie sollen lernen,
am Leben zu bleiben.«
Sturm setzte zu einer Entgegnung an, überlegte es
sich dann aber anders. Er senkte den Kopf, dann sah
er wieder zu Feldwebel Krenner hoch. Schließlich
hatte der Spieß ja recht. Wie üblich. »Tut mir leid,
Kren. Nächstes Mal mach ich's besser.« Einen Mo­
ment hellte Krenners düstere Miene sich auf. Bei all
seiner Grimmigkeit betrachtete er Sturm fast wie ei­
nen Adoptivsohn. Er hatte sich entschlossen, auf
Jenna Kintaros Sohn aufzupassen, nachdem sie vor

zehn Jahren gefallen waren, und er dachte nicht dar­
an zuzulassen, daß Sturm sich bei seinem ersten
wirklichen Kampfeinsatz gleich über den Haufen
schießen ließ.
»Tut mir leid bringt's nicht, Sturm«, erklärte er
streng. »Bessere Leistung, das bringt's. Deswegen
mußt du üben, und deswegen mußt du lernen, wenn
du ein MechKrieger sein und die Erfahrung auch
überleben willst.«
Sturm nickte. Er hatte verstanden.
Jetzt trat Kenner an die Steuerkonsole neben der
Kapsel und rief die Aufzeichnung von Sturms Sit­
zung auf. Er ließ sie ein Stück weit durchlaufen,
dann drückte er den Pausenknopf. »Na schön, dann
fangen wir mal damit an, wie du dich gegen den Ul­
ler benommen hast.«
»Was war daran falsch?« protestierte Sturm. »Mit
dem bin ich doch gut fertig geworden. Ich hab' ihn
abgeschossen, oder etwa nicht?«
»Ja, hast du, aber du warst nachlässig. Die Rutsch­
partie war ziemlich gut, und gegen einen Mech der In­
neren Sphäre hätte sie auch perfekt funktioniert. Aber
du hast vergessen, daß Clan-LSR nicht mit denselben
Schwierigkeiten über kurze Distanz zu kämpfen haben
wie unsere. Indem du auf den Uller zugestürmt bist,
hast du dir einen geringeren Vorteil verschafft, als du
dachtest. Der Uller-Pilot hat das ausgenützt und dabei
deinen Raketenlafette zerstört. Du hattest Glück, aber
beim nächsten Mal könnte das schon anders aussehen.
Lerne deine Feinde kennen, MechKrieger!«

Sturm nickte. Verdammt, diese Eigenheit der
Clan-Raketen hatte er völlig vergessen. Er war wirk­
lich überrascht gewesen, als der Uller ihn auf so ge­
ringe Entfernung getroffen hatte.
»Und was den Mad Cat angeht: Der Versuch, ihn
auszumanövrieren, war purer Schwachsinn.«
»Was hätte ich denn machen sollen?« fragte
Sturm. »Mich zu Klump hämmern lassen?«
»Nein. Du hättest umdrehen und rennen sollen,
weg, so schnell du konntest, und daß sofort, als du
ihn gesehen hast.«
Sturms Miene mußte sich verhärtet haben, denn
Krenner schien genau zu wissen, was jetzt in ihm
vorging.
»Du hast ganz richtig gehört, ich habe gesagt ren­
nen. Das ist keine Feigheit, Sturm. Nur ein Vollidiot
bleibt stehen und stellt sich zu einem Kampf, von
dem er weiß, daß er ihn nicht gewinnen kann. Du
hast selbst gesagt, daß ein Kampf zwischen einem
Mad Cat und einem Centurion nicht gerade fair ist,
also weißt du auch, wovon ich rede. Der ClanMech
war deinem um mehr als zwanzig Tonnen überlegen.
Er hatte mehr Panzerung, mehr Waffen und war
schneller als du. Es war völlig ausgeschlossen, gegen
ihn zu gewinnen. Im Augenblick, als du ihn gesehen
hast, hätte dein erster Gedanke sein müssen, wie du
so schnell wie nur möglich Land gewinnst, ohne völ­
lig zerblasen zu werden.«
»Ich dachte nicht, daß ein MechKrieger den
Schwanz einkneifen sollte, wenn's mal haarig wird.«

»Soll er auch nicht. Von einem MechKrieger wird
erwartet, daß er für die Einheit sein Leben riskiert,
wenn die Situation das erfordert. Aber es wird auch
von ihm erwartet, zu wissen, wann er sich selbst und
seiner Einheit einen größeren Dienst erweist, indem
er den Rückzug antritt. Ein Krieger, der erkennt,
wenn es an der Zeit ist, bis zum Tod zu kämpfen,
und dann auch dazu bereit ist, hat Mut. Ein Krieger,
der grundsätzlich nicht bereit ist, zurückzuweichen,
ist einfach nur dumm, und wahrscheinlich ziemlich
schnell tot. Du hattest die Gelegenheit, dich aus dem
Staub zu machen, und die hättest du ergreifen müs­
sen.«
Sturm sah Krenner einen Moment in die dunklen
Augen, und in seinen Gedanken formte sich eine
unausgesprochene Frage. Er starrte seinen Ausbilder
eine Weile stumm an, dann nickte er. »Ich verstehe,
Spieß.«
Krenner erwiderte das Nicken und drehte sich
wieder dem Bildschirm zu. »Gut, dann wollen wir
uns mal ansehen, wie du von da hättest abhauen und
deinen Mech intakt halten können, und möglicher­
weise sogar das Blatt wenden und auf dem Abmarsch
etwas Schaden anrichten.« Er zeigte es Sturm, be­
nutzte das Wrack des Uller als Deckung vor den
Waffen des Mad Cat und betonte erneut, wie wichtig
es war, Clan-Taktik und -Gedankengänge zu studie­
ren, um den Gegner ebensogut kennenzulernen wie
sich selbst.
Sturm hörte sich Krenners Ratschläge und Kritik­

punkte an und überlegte sich, wie er die Situation
hätte anders angehen können. Und er dachte darüber
nach, was Krenner gesagt hatte. Früher oder später,
dachte er, kann ein MechKrieger sich nicht mehr zu­
rückziehen. Mama hat das herausgefunden. Manch­
mal muß man sich einfach stellen, selbst wenn man
weiß, daß man es nicht überleben wird.
Die Nachbesprechung ging ziemlich schnell zu
Ende, und Sturm hatte noch etwas Zeit, bevor er sich
für die Ankunft des Landungsschiffs Tammuz fer­
tigmachen mußte. Er verschwand unter die Dusche
und zog sich um, und die ganze Zeit spulte er in Ge­
danken immer wieder die Analyse seiner Simulato­
rübung ab.
Krenner hatte recht. Teufel, der Stabsfeldwebel
hatte immer recht. Sturm hatte seine Anwärterzeit
zwar absolviert und es zum vollwertigen MechKrie­
ger der Kore-Lanciers gebracht, aber er hatte immer
noch eine Menge zu lernen. Ihm wurde jetzt erst all­
mählich deutlich, wie viel.
Solange er denken konnte, hatte Sturm davon ge­
träumt, ein MechKrieger zu werden. Anfangs war es
nicht mehr als ein Kindertraum gewesen. Wahr­
scheinlich gab es im ganzen bekannten Weltraum
kein Kind, das nicht später einen Mech steuern woll­
te, und vorerst mit Mechfiguren spielte, wie Sturm es
getan hatte. Später war es der Wunschtraum eines
Jungen geworden, der seine Mutter angebetet hatte:
Jenna Kintaro, die Kommandeurin der KoreLanciers. Die schneidige MechKriegerin. Nicht un­

bedingt das Bild einer Mutter, das die meisten Leute
mit diesem Begriff verbanden, aber Jenna hatte ihren
Sohn geliebt und sich immer gut um ihn gekümmert.
Sturm erinnerte sich immer noch gerne daran, wie
sie ihn mit in die Zentralbasis der Lanciers genom­
men und ihm die riesigen BattleMechs gezeigt hatte,
die ehrfurchterweckenden, zehn bis zwölf Meter gro­
ßen stummen Metallkolosse in ihren Wartungsko­
kons. Sturm erinnerte sich daran, wie er aus der Fer­
ne die Gefechtsmanöver verfolgt und gesehen hatte,
wie die Männer und Frauen in den Cockpits, seine
Mutter eine von ihnen, den gewaltigen Mechs Leben
eingehaucht hatten. Vom ersten Moment, in dem er
einen Mech in Aktion gesehen hatte, wollte Sturm
selbst eine dieser Kampfmaschinen steuern. Jenna
hatte sein Interesse immer gefördert, ihn mit Spielen
und Mechfiguren versorgt. Für den jungen Sturm
waren BattleMechs genau das gewesen: ein riesiges
Spielzeug.
Seit Jahrhunderten war der BattleMech die ultima­
tive Kampfmaschine des gesamten von Menschen
besiedelten Weltraums. BattleMechs kämpften um
die Vorherrschaft unter den Nachfolgerstaaten, den
Erben des alten Sternenbunds, der in einem schier
endlosen Krieg auseinandergebrochen war, in dem
die verschiedenen Fraktionen versuchten, die Kont­
rolle über die ganze, auf eine riesige Sphäre von
hunderten Lichtjahren Durchmesser verteilte,
Menschheit zu gewinnen. Das Kriegsglück hatte sich
erst dieser, dann jener Seite zugeneigt, Schlachten

wurden gewonnen oder verloren, aber die Nachfol­
gekriege hatten weiter getobt, über Jahrhunderte
hinweg. MechKrieger auf ihren mechanischen Streit­
rössern waren die neuen Ritter des modernen
Schlachtfelds. Das Bild des heldenhaften MechKrie­
gers hatte etwas Romantisches, besonders für einen
kleinen Jungen am Rand des bekannten Weltraums,
einen Jungen, der die Schrecken des Krieges nie
selbst erlebt hatte. Jedenfalls nicht, bis die Clans ge­
kommen waren.
Als der Sternenbund zerbrach und die verschiede­
nen Fürsten der Inneren Sphäre versucht hatten, sich
gegenseitig niederzuwerfen, war das Sternenbundmi­
litär gezwungen gewesen, sich zu entscheiden. Der
von Menschen besiedelte Weltraum war unter den
zerstrittenen Nachfolgerstaaten aufgeteilt worden,
und die mächtigen BattleMechs und sonstigen Streit­
kräfte des Sternenbunds konnten sich dem Krieg
nicht entziehen. Statt sich für eine Seite zu erklären
oder von widerstreitenden Loyalitäten zerrissen zu
werden, hatten viele der Truppen eine dritte Mög­
lichkeit gewählt.
Unter dem Befehl General Aleksandr Kerenskys
hatten die Sternenbund-Verteidigungsstreitkräfte sich
zu einer gewaltigen Armada von Sprungschiffen
formiert die ihre BattleMechs und übrige militärische
Ausrüstung transportierte. Dann waren sie in den
Hyperraum eingetaucht und in den unerforschten
Weltraum weit jenseits der Peripherie menschlich
besiedelter Systeme gesprungen.

Für Jahrhunderte hatte man nichts mehr von ihnen
gehört. Der Exodus der SBVS war zu einem Mythos
geworden, zur Legende. Die Menschen in der Inne­
ren Sphäre hatten darüber geredet, daß General Ke­
rensky und seine Sternenbundarmee eines Tages zu­
rückkehren würden, wenn die menschliche Zivilisa­
tion ihre Hilfe benötigte. Sie hatten keine Ahnung
davon gehabt, wie sich diese Prophezeiung tatsäch­
lich bewahrheit sollte.
Vor zehn Jahren waren plötzlich aus dem Welt­
raum jenseits der Peripherie geheimnisvolle BattleMechs aufgetaucht. Sie hatten Grenzsysteme ohne
Vorwarnung angegriffen, ihre Planeten erobert, und
waren sofort weitergezogen. Niemand hatte gewußt,
wer diese Angreifer mit ihren seltsamen neuen
Mechkonstruktionen waren, nur, daß sie gnadenlos
effizient vorgingen und ihre BattleMechs allem weit
überlegen waren, was man seit den Zeiten des Ster­
nenbunds in der Inneren Sphäre gesehen hatte. Es
waren die Erben Kerenskys gewesen, die Nachkom­
men der Militärstreitmacht, die Jahrhunderte zuvor
aus der Inneren Sphäre aufgebrochen war. In Genera­
tionen des Kriegs und Konfliktes hatten sie sich zur
ultimativen Kriegerkultur entwickelt, deren Lebens­
ziel die Eroberung war. Sie waren zurückgekehrt,
wie die Legenden versprochen hatten, aber nicht, um
der Inneren Sphäre zu helfen, sondern, um sie zu
erobern und das Erbe zu beanspruchen, das ihre Vor­
fahren zurückgelassen hatten. Sie nannten sich die
Clans.

Kore, zehn Parsek von der äußeren Grenze der Ly­
ranischen Allianz entfernt, lag am Rand des riesigen
Keils, den die Clanner in die Innere Sphäre getrieben
hatten. Er war ein abgelegener Planet, kaum von
Interesse für angehende Eroberer, nur auf Grund sei­
ner Rohstoffe und Bergbauoperationen von Wert.
Aber die Clans kümmerte das nicht. Ihre Truppen
eroberten jede bewohnte Welt, die sie fanden, und
marschierten danach weiter. Clan-BattleMechs waren
auf Kore gelandet, um den Planeten zu beanspru­
chen, und nur die Kore-Lanciers hatten ihnen Wider­
stand geleistet.
Von der Schlacht auf der Eiswüste der Tundra hat­
te Sturm nicht viel mitbekommen. Er war damals erst
elf Jahre alt gewesen und hatte sich mit seinem Vater
in einem Bunker versteckt gehalten, zusammen mit
Dutzenden anderer Zivilisten, während von draußen
der Schlachtlärm hereindrang. Sturm hatte gewußt,
daß seine Mutter und ihre Lanciers die Invasoren
aufhalten würden. Schließlich gab es nichts, was sie
nicht vollbringen konnten. In dieser Beziehung hatte
er sich keine Sorgen gemacht, auch wenn der Lärm
der Kämpfe ihm Angst gemacht hatte. Sein Vater
hatte die ganze Zeit blaß und krank ausgesehen. Er
hatte Sturm zu beruhigen versucht, daß alles gut
werden würde, aber der Junge hatte gespürt, daß sein
Vater ihn belog. Da hatte er es dann auch mit der
Angst zu tun bekommen. Er hatte seine Mutter nie
wiedergesehen.
Inzwischen wußte er, daß der Kampf damals vor­

bei gewesen war, bevor er begonnen hatte. Die Trup­
pen der Lanciers waren den überlegenen ClanMaschinen nicht gewachsen gewesen.
»Ein Krieger, der erkennt, wenn es an der Zeit ist,
bis zum Tod zu kämpfen, und dann auch dazu bereit
ist, hat Mut. Ein Krieger, der grundsätzlich nicht be­
reit ist, zurückzuweichen, ist einfach nur dumm«,
hatte Krenner erklärt. Was sagte das über seine Mut­
ter? fragte sich Sturm, während er sich die Schweiß­
schicht vom Körper wusch. War Jenna Kintaro eine
mutige Heldin gewesen, die bei der Verteidigung ih­
rer Heimat und Familie gegen eine überwältigende
Übermacht ihr Leben geopfert hatte, oder nur zu ver­
bohrt zu erkennen, daß sie nicht gewinnen konnte?
Vielleicht ein wenig von beidem. Sturm hielt den
Kopf unter die Dusche und ließ sie seine quälenden
Zweifel davonspülen. Er zog es vor, seine Mutter als
Heldin zu sehen. Es war ihr Mut gewesen, der seinen
Wunsch, ein MechKrieger zu werden, gefestigt hatte.
Die Clanner hatten sich nicht lange auf Kore auf­
gehalten, nur ein paar Monate. Sie waren auf einem
Eroberungszug, und eine einzelne kleine Peripherie­
welt war für sie kaum von Interesse. Nachdem sie die
planetare Bevölkerung befriedet und ihre Stellung
abgesichert hatten, war der größere Teil der ClanTruppen ins Herz der Inneren Sphäre weitergezogen.
Nur eine symbolische Garnison von Mechs und In­
fanteristen in hydraulischen Rüstungen, die sich
Elementare nannten, war zurückgeblieben, um die
unterworfenen Koren zu bewachen.

Sturm erinnerte er sich noch gut an seinen Haß auf
die Clanner, wenn sie ihm in den Straßen Niffel­
heims begegnet waren. Besonders die Elementare
waren beängstigend gewesen. Die durch Genmanipu­
lation für die Anforderungen gezüchteten Infanteri­
sten, die das Steuern einer der Clan-Rüstungen stell­
te, waren gute zwei Meter siebzig groß und muskel­
bepackt. Sie ähnelten Ogern und Riesen der Sagen­
welt. Und wie alle Clan-Krieger waren sie überheb­
lich und selbstgefällig gewesen und hatten auf die
Bevölkerung, die sie unterworfen hatten, herabgese­
hen wie Wölfe auf eine Schafsherde.
Sturm hatte diese kalte Arroganz gehaßt. Wie hatte
er sich gewünscht, einfach einen Stein zu packen und
eine dieser höhnischen Fratzen damit einzuschlagen.
Aber er hatte sich beherrscht. Ein elfjähriger Knabe
konnte gegen einen ausgebildeten Soldaten und
Mörder nichts ausrichten. Möglicherweise war das
seine erste Lektion im besseren Teil der Tapferkeit
gewesen, dachte Sturm, als er das Wasser abdrehte.
Er tapste über den kühlen Fliesenboden, zog ein Ba­
detuch vom Ständer und trocknete sich ab.
Irgendwann hatte sich das Schlachtglück gewen­
det. Kore wurde von keiner der Herrscherdynastien
der Inneren Sphäre kontrolliert, sondern gehörte
komplett der Alfin-Bergwerks-AG, und während es
den mächtigen Sternenreichen trotz ihrer riesigen
Militärapparate schwerfiel, den Clans effektiven Wi­
derstand entgegenzusetzen, hatte Alfin ironischer­
weise die bei der Firma unter Vertrag stehenden

Söldner in Marsch setzen können, um den Tod ihrer
Lancier-Kameraden zu rächen und Kore zu befreien.
Damals hatten die Sturmreiter bereits fünfzehn Jahre
im Dienst des Konzerns verbracht, und ihre MechKrieger waren entschlossen gewesen, die Clanner für
das, was sie sich geleistet hatten, teuer bezahlen zu
lassen.
Die Sturmreiter hatten Kore massiert angegriffen.
Diesmal waren es die Stahlviper-Truppen gewesen,
die in der Unterzahl waren, von der Front isoliert und
mit einem übermächtigen Feind konfrontiert. Die
ClanKrieger hatten verwegen und bis zum Tod ge­
kämpft, um zu verteidigen, was sie erobert hatten,
aber der Sieg hatte den Konzernsöldnern gehört. Ko­
re war befreit und eine neue Mecheinheit unter dem
alten Namen Kore-Lanciers aufgestellt worden, um
die Welt zu verteidigen. Die Sturmreiter hatten,
nachdem sie bei der Befreiung des Planeten schwere
Verluste erlitten hatten, von Alfin die Erlaubnis er­
halten, in der Bevölkerung der Kolonie Rekruten zu
werben, und einer dieser Rekruten war Sturm Kinta­
ro gewesen, inzwischen ein vollwertiger MechKrie­
ger und Mitglied der Sturmreiterlanze der KoreLanciers.
Er warf das Badetuch beiseite und hob die dünne
Lederschnur auf, die er abgelegt hatte, bevor er unter
die Dusche gestiegen war. Ein kleines, an den Kan­
ten verkohltes Metallstück hing an einem an einer
Seite hineingefrästen Loch davon herab. Andächtig
hängte er sich das Bruchstück vom BattleMech sei­

ner Mutter wieder um den Hals. Der neue Komman­
deur der Sturmreiter hatte es ihm nach der Befreiung
Kores geschenkt, und er hatte es während der gesam­
ten Ausbildung getragen, so, wie er es jetzt ständig
trug, wenn er im Dienst war. Es war eine ständige
Erinnerung daran, warum er hier war.
Er stand einen Moment in dem dunstgefüllten Ba­
desaal und hielt das kühle Stück Metall in der Hand.
Dann zog er eine saubere Uniform an und kämte
sich. Er hatte gerade noch Zeit, zuhause vorbeizu­
schauen, bevor er zur Basis mußte. Für Nostalgie
blieb ihm später Gelegenheit.
Die Pflicht ruft, dachte Sturm und machte sich auf
den Weg.

3
Niffelheims, Kore
Peripherie
11. April 3060

Sturm fuhr in einem Lanciers-Jeep von Ausbildungs­
zentrum zu dem kleinen Haus in der Nähe des Plane­
tographischen Forschungszentrums, in dem sein Va­
ter arbeitete. Es war später Nachmittag, und in den
Straßen Niffelheims herrschte reger Verkehr. Die
Menschen hatten es eilig, durch die kalte Stadt zu
kommen. Kores bleiche Sonne badete den frierenden
Planeten in blassem Licht. Selbst in der wärmsten
Jahreszeit stieg die Temperatur hier im Siedlungsge­
biet nur wenige Grade über Null. Für den weitaus
größten Teil des Jahres lag ein strenger Winter über
der ganzen Welt. Sturm hatte Geschichten von Plane­
ten mit erkennbaren Jahreszeiten gehört, und grüner
Vegetation. Er hoffte, sie eines Tages mit eigenen
Augen sehen zu können. Mit etwas Glück konnte
sich die Mitgliedschaft bei den Sturmreitern irgend­
wann als sein Ticket ins All und in die Innere Sphäre
erweisen.
Durch die konzerneigene Uniformjacke mit den
Aufnähern und Rangabzeichen eines LancierMechKriegers auf Schultern und Kragen spürte er
dem frostigen Wind kaum. Er war daran gewöhnt.

Kälte machte ihm nichts aus. Wie die meisten Koren
hatte er »dickes Blut«, selbst wenn ihm das aufge­
schossene nordische Aussehen der meisten Koloni­
sten abging.
Kore war von der Lyranischen Allianz aus besie­
delt worden, die sich erst vor kurzem wieder aus dem
größeren Vereinigten Commonwealth gelöst hatte.
Viele Welten der Allianz besaßen größere Bevölke­
rungsteile nordisch-germanischer Abstammung.
Auch Sturms Mutter Jenna hatte zu ihnen gehört:
großgewachsen, blond und blauäugig, von muskulö­
ser, robuster Statur. Sturms Vater dahingegen war
von nahezu reiner japanischer Abstammung. Seine
Verwandschaft reichte bis ins Draconis-Kombinat,
und Hidoshi Kintaro war stolz auf sein asiatisches
Erbe.
Sturm teilte den Stolz seines Vaters nicht. Es war
nicht leicht gewesen, mit einem sichtbar abweichen­
den Aussehen auf einer so isolierten Kolonialwelt
wie Kore mit einer so kleinen Bevölkerung aufzu­
wachsen. Sturm war eines der wenigen Kinder nicht­
europäischer Herkunft gewesen, auch wenn deren
Zahl inzwischen mit jedem weiteren Kolonisten­
schiff zunahm, das die Alfin-AG schickte.
Sturm war größer als die meisten Japaner, und
manche fanden, seine eurasischen Züge unter der
weitgehend bleichhäutigen, blond und braunhaarigen
Bevölkerung des Planeten würde ihm ein exotisches
Flair verleihen. Er hatte das dunkle, fast raben­
schwarze Haar seines Vaters. Sturm band sich das

lange Haar häufig auf der Schädeldecke zu einem
Knoten zusammen, ähnlich den Frisuren der alten
Samurai Terras.
Aber seine Augen hatte er von der Mutter, eisb­
laue Pupillen, wie ein Bergsee zwischen den Gipfeln
der Jotunberge. Sie waren leicht mandelförmig unter
dünnen, leicht gebogenen Brauen. Sein Gesicht als
Ganzes war schmal und lief unter einem kleinen
Mund zu einem spitzen Kinn zu. Sturm betrachtete
sich kurz im Rückspiegel des Jeeps und lächelte. Er
gefiel sich in Uniform, und er hatte sich noch immer
nicht wirklich daran gewöhnt, besonders nicht an das
Donnerkeilemblem der Sturmreiter auf seiner Schul­
ter. Er war erst seit wenigen Monaten vollrangiges
Mitglied der Einheit.
Er plante, bald in die Kaserne des Stützpunkts um­
zuziehen, jetzt, da dort ein Platz für ihn frei war. Im
Grunde wohnte er jetzt schon in der Basis oder dem
Trainingszentrum und ließ sich häufig genug zwi­
schen den Schichten und Trainingssitzungen irgend­
wo auf eine freie Pritsche fallen, um zu schlafen. Sein
Zuhause besuchte er nur noch gelegentlich, um irgend
etwas zu holen, oder kurz einen Bissen zu essen, weil
das Haus zwischen der Basis und einigen der anderen
Attraktionen Niffelheims lag, die er regelmäßig be­
suchte. Und er machte sich normalerweise zur Regel,
tagsüber kurz vorbeizuschauen, so wie jetzt.
Er stellte den Jeep vor den Reihenhäusern ab, in
denen ein Teil der Wissenschaftler und Verwalter der
Alfin-AG untergebracht waren. Mit ihren stumpf­

grauen Stahlbetonwänden und den hohen, schmalen
Fenstern, die das fahle Sonnenlicht bei geringstmög­
lichem Wärmeverlust einfingen, wirkten sie sehr
funktional. In Gedanken verglich Sturm sie häufig
mit Bunkern, und damit lag er gar nicht einmal so
falsch. Bei der Clan-Invasion Kores hatten die mei­
sten Gebäude in Niffelheims keinerlei Schaden ge­
nommen. Sie sahen vielleicht nicht gerade einladend
aus, aber sie waren für die Ewigkeit gebaut.
Außerdem verbrachte ohnehin niemand mehr Zeit
als nötig im Freien, so daß es überflüssig war, die
Außenfassaden zu verschönern. Diese Anstrengung
hob man sich meistens für das Innere auf. Sturm
kannte Häuser in der Kolonie, die von außen wie
eingefrorene graue Felsbrocken wirkten, im Innern
aber warm und heimelig waren. Nicht, daß sein Va­
terhaus dazugehört hätte.
Wie üblich herrschte drinnen eine gewaltige
Unordnung. Tisch und Arbeitsflächen in de Küche
waren übersät mit Ausdrucken und Projektionsfolien,
die von den verschiedensten Gewichten an ihrem
Platz gehalten wurden, hauptsächlich Datenchips und
diversen Elektronikwerkzeugen. Sie enthielten plane­
tologische Meßkarten der planetaren Oberfläche, von
kleinen Satelliten erstellt, deren Aufgabe es war, aus
der Umlaufbahn die reichsten Konzentrationen ab­
baubarer Metall- und Mineralvorkommen festzustel­
len. Abgesehen von den reichen Bodenschätzen be­
saß Kore wenig, was diese Welt attraktiv machte.
Der ganze Planet war eine einzige Erzader, deren

Abbau Alfin auf Jahrzehnte einen steten Zufluß an
profitabler Verkaufsware garantierte. Es war keines­
wegs unwahrscheinlich, daß dieses ganze System
aufgegeben werden würde, sobald die Bodenschätze
komplett ausgebeutet waren. Andererseits konnte es
natürlich sein, daß sich auf Kore bis dahin andere
Industrien angesiedelt haben würden. Möglicherwei­
se würde die Kolonie in hundert Jahren den größten
Teil der Planetenoberfläche umfassen. Sturm küm­
merte das wenig. Er hatte nicht vor, hierzubleiben
und es abzuwarten.
Er ging in direkter Linie zum Kühlschrank und
holte eine Flasche Wasser heraus. Bei den Trainings­
sitzungen vergoß er regelmäßig literweise Schweiß,
was bei der extremen Hitze im Innern eines Mech­
cockpits beim Kampf auch kein Wunder war. Hin­
terher plagte ihn immer der Durst. Ein Bier wäre ihm
lieber gewesen, aber sein Dienst fing gleich an, und
da sein Vater grundsätzlich kein Bier trank, brauchte
er auch gar nicht danach zu suchen.
Er nahm einen langen, tiefen Schluck direkt aus
der Flasche, schloß die Kühlschranktür und hätte sich
vor Überraschung fast verschluckt. Er schaffte es, die
Flasche abzusetzen, ohne etwas von dem kalten
Wasser zu verschütten, und wischte sich mit dem
Handrücken über den Mund.
»Sturm«, sagte die Gestalt im Türrahmen.
»Vater!« erwiderte Sturm. »Ich hatte nicht erwar­
tet, dich hier zu sehen. Ich dachte, du wärst auf der
Arbeit.«

Hidoshi Kintaro war kein großer Mann. Sturm
überragte ihn um mindestens sieben Zentimeter, und
an den nordischen Standards gemessen, die auf Kore
galten, war er selbst nicht gerade groß. Trotzdem er­
schien Sturms Vater ihm in seiner Vorstellung immer
als ein Riese. Dr. Kintaros Gesicht war ausgeprägt
kantig, mit hohen Wangenknochen und schwarzen
Augen unter engen, dunklen Brauen, Augen, die
unablässig zu beobachten, analysieren und beurteilen
schienen. Sturm selbst fühlte sich nur selten freund­
lich oder beifällig beurteilt. Das graumelierte Hauptund Barthaar seines Vaters war sauber gestutzt und
wie üblich so kurz geschnitten, daß es kaum Pflege
brauchte. Über seiner Kleidung trug er den allge­
genwärtigen Laborkittel, dessen Taschen sich unter
Instrumenten, Datenchips und ähnlichen Berufsuten­
silien bauschten.
Dr. Kintaro war Wissenschaftler und Gelehrter. Er
hatte kaum Zeit für die Welt außerhalb seiner Arbeit.
Wohl zum millionsten Mal fragte sich Sturm, was
seine Mutter an diesem Mann angezogen haben
mochte. Jenna Kintaro schien der einzige Mensch
gewesen zu sein, dem es gelungen war, den Panzer
aus Formalität und kühler Höflichkeit zu durchbre­
chen, der ihren Gatten umgab. Und wie auch immer
ihr das gelungen war, Sturm teilte ihr Geheimnis
nicht.
»Ich bin bei der Arbeit«, erwiderte der Doktor mit
einem Tonfall, aus dem hervorging, daß ihn die An­
deutung, er könne seine Pflichten jemals vernachläs­

sigen, zutiefst beleidigte. »Ich habe mich entschlos­
sen, einen Teil der Meßkarten und Untersuchungser­
gebnisse hier zu Hause durchzusehen, wo ich mehr
Ruhe habe.«
Solange ich nicht hier bin, dachte Sturm. Sein Va­
ter war gegen Sturms Eintritt in die Kore-Lanciers
und seinen Umzug gewesen, aber jetzt, nachdem es
einmal geschehen war, schien er die Situation gera­
dezu zu genießen. Plötzlich fühlte Sturm sich wie ein
Eindringling.
»Na, ich muß gleich zum Dienst«, meinte er und
stellte die Wasserflasche auf den Tisch. »Ich bin nur
vorbeigekommen, um mir ein paar Sachen zum
Wechseln und etwas zu Trinken zu holen.«
»Natürlich«, antwortete Dr. Kintaro mit einem
Nicken. Er trat an Sturm vorbei in die Küche zu den
auf dem Tisch ausgebreiteten Meßkarten und Daten­
ausdrucken. Sein Stuhl schrammte kurz über den
Boden, als er sich setzte und den kleinen Stoß Aus­
drucke, den er mitgebracht hatte, auf den Stapel leg­
te, der sich schon auf der Tischplatte erhob. Ohne
Sturm einen zweiten Blick zu gönnen, machte er sich
an die Arbeit, las die Karten und suchte nach Hin­
weisen auf neue Mineralvorkommen oder andere
planetologische Phänomene für die Berichte an seine
Vorgesetzten in der Alfin-Zentralverwaltung, neue
Gelegenheiten für Profit und Fortschritt.
»Wir haben ein paar interessante Meßwerte in den
Jotunbergen erhalten«, stellte der Doktor in beiläufi­
gem Ton fest, ohne aufzusehen. »Die Hitzeschlote

und hohen Erzkonzentrationen erschweren genaue
magnetische und Infrarotabtastungen, aber es gibt
Anzeichen auf reichliche natürliche Lavaschlote und
Tunnel. Ein Teil davon dürfte interessante metallok­
ristalline Formationen beherbergen, die eine nähere
Untersuchung wert wären. Kannst du Oberleutnant
Holt mitteilen, daß ich in den nächsten Tagen Unter­
stützung von seinen Maschinen bei der Durchfüh­
rung einer Oberflächenerkundung benötigen werde?«
Hidoshi nannte BattleMechs niemals bei ihrem Na­
men oder auch nur der gebräuchlichen Abkürzung
Mech. Für ihn waren sie nur die »Maschinen«, gele­
gentlich auch die »verdammten Maschinen«, als wä­
re ihre bloße Existenz obszön. Es behagte ihm abso­
lut nicht, irgend etwas mit ihnen zu tun zu haben,
aber die auf Kore stationierten Mechs blieben die
robustesten und geländegängigsten Fahrzeuge des
ganzen Planeten, was sie zu einem nützlichen Hilfs­
mittel für manche wissenschaftliche Untersuchung
machte, insbesondere, da es auf einer so isolierten
Welt wie Kore für die Mechpiloten sonst kaum etwas
zu tun gab.
»Sicher, sag' ich ihm.« erwiderte Sturm. Holt würde
nicht gerade jubeln. Keiner der MechKrieger auf Kore
riß sich darum, an wissenschaftlichen Expeditionen
teilzunehmen. Es war eine langwierige, schwierige Ar­
beit, und Dr. Kintaro war ein harter Expeditionsleiter,
dem man es nie recht machen konnte.
Sein Vater reagierte nur mit einem kurzen Brum­
men auf Sturms Antwort und blickte nicht einmal

von seinem Datenstudium hoch. Ohne ein weiteres
Wort drehte Sturm sich um und ging den Flur hinab
in sein Zimmer.
Er schloß die Tür hinter sich und blieb einen Mo­
ment nur stehen und starrte geradeaus. Wieso lasse
ich mich von ihm immer so in Wut bringen? fragte
Sturm sich. Wobei das Schlimmste war, daß es sein
Vater wahrscheinlich gar nicht darauf anlegte, Sturm
zu ärgern, sondern sich nur einfach so verhielt, wie er
es gewohnt war. Sturm wußte, daß er nicht erwarten
durfte, auch nur einen Funken Interesse an seiner
Laufbahn oder seinen sonstigen Aktivitäten von sei­
nem Vater zu erwarten. Das war schon so, seit seine
Mutter im Kampf gegen Clan Stahlviper gefallen war
Hidoshi hatte sich in seiner Arbeit vergraben und ließ
sich von nichts mehr aus seinem selbstgewählten in­
neren Exil holen, auch nicht von seinem Sohn. Sturm
war sich klar darüber, daß dies die Art seines Vaters
war, mit seiner Trauer fertigzuwerden, aber das ging
jetzt schon zehn Jahre! Zehn Jahre ohne ein einziges
aufmunterndes Wort, ohne ...
Nein, dachte Sturm und strich sich mit einer Hand
durchs Haar und über den Knoten. Ich werde mich
nicht aufregen, nicht heute. Ich bin es satt. Er ging
zu der kleinen Kommode an einer Wand des kleinen
Raums und suchte sich mehrere saubere Hemden und
Hosen heraus, die er in seinen Seesack stopfte. Lang­
sam beruhigte er sich.
Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis er endgül­
tig in sein Quartier in der Lanciersbasis umzog, und

danach würde er sich damit nicht mehr herumschla­
gen müssen. Er würde seinen Vater nur noch zu offi­
ziellen Anlässen sehen müssen, wenn der For­
schungsstab für irgendeine Untersuchung die Unter­
stützung der Lanciers anforderte oder ähnliches. Da­
von abgesehen würde Sturm seinem Vater aus dem
Weg gehen und ihn mit seinen geliebten Daten und
Forschungsmaterialien allein lassen können. So wie
es Hidoshi am liebsten zu sein schien.
Irgendwann würde Sturm, wenn alles gut ging,
diesem isolierten, frostklirrenden Felsbrocken Lebe­
wohl sagen und eine Position auf einer der anderen
Welten ergattern können, mit deren Schutz die
Sturmreiter beauftragt waren. Vielleicht würde er
sogar an der Grenze der Clan-Besatzungszone ein
paar echte Gefechte miterleben. Jedenfalls würde er
ganz sicher nicht den Rest seines Lebens damit ver­
schwenden, über verpaßte Möglichkeiten zu brüten.
Er würde nicht so werden wie sein Vater, ein einsa­
mer, verbitterter alter Mann, der nichts kannte als
seine Arbeit. Das stand fest.
Er hob seinen Seesack auf und sah sich noch ein­
mal in seinem Zimmer um. Ein großer Teil der Ein­
richtung war immer noch die eines Kinderzimmers,
mit BattleMechmodellen auf dem Regalbrett über
dem Bett und ringsum verstreuten Kleidern und Da­
tenchips. Sturm trat ans Bett und hob ein eingerahm­
tes Bild seiner Mutter auf, in Uniform, auf einem
Fuß eines riesigen BattleMechs stehend. Es war eines
der wenigen Bilder von ihr, die Sturm hatte.

Wie bist du mit ihm fertiggeworden, Mama? fragte
er sich. Er sah das Bild lange an, bevor er es auf sei­
ne Kleider in den Seesack legte und die Verschlußkordel festzog. Er warf sich den Sack über die Schul­
ter und atmete tief durch, bevor er zurück in die Kü­
che ging. Sein Vater saß noch am Tisch, so, wie er
ihn verlassen hatte.
»Ich bin weg«, meinte Sturm, als er zur Tür ging.
»Mmmh«, bestätigte Dr. Kintaro. »Denk daran,
Oberleutnant Holt meine Nachricht auszurichten.«
»Ja.« Sturm hatte Mühe, die Tür nicht hinter sich
zuzuschlagen.
* * *
Als die Tür sich schloß, blickte Dr. Kintaro von den
Karten auf. Er starrte zu der Tür, durch die sein Sohn
gerade das Haus verlassen hatte, und der Ausdruck
seiner dunklen Augen wurde etwas sanfter. Draußen
heulte ein Motor auf, als der Lancier-Jeep in Rich­
tung Mechbasis davonbrauste.
»Sturm ...« sagte der Doktor mit einer Stimme
kaum lauter als ein Flüstern. Er schüttelte traurig den
Kopf, dann wandte er sich wieder der vor ihm lie­
genden Arbeit zu. Sein Sohn war fort.

4
Kore-Lanciers-Basis, außerhalb Niffelheims, Kore
Peripherie
11. April 3060

Die Basis der Kore Lanciers lag wenige Kilometer
vor den Stadtgrenzen von Niffelheims auf der weiten
offenen Tundra Kores, auf deren Permafrostboden
eine glitzernde Schnee- und Eisdecke funkelte. Nur
eine Straße führte von der Stadt zur Basis. Sie war
breit genug für Bodenfahrzeuge und wurde durch
immerwährende Räumarbeit des Lancier-Personals
für den Verkehr freigehalten. Der Streu- und Räum­
dienst gehörte zu den unangenehmeren Erinnerungen
Sturms an seine Zeit als Anwärter. Er hatte ihn ken­
nen und hassen gelernt, wann immer Feldwebel
Krenner das Gefühl gehabt hatte, der Junge brauche
eine Bestrafung oder etwas mehr Zeit, über die Feh­
ler nachzudenken, die er sich beim Training geleistet
hatte.
Die Basis selbst war ein grauer Betonbau wie die
meisten Gebäude auf Kore. Den größten Teil des Ge­
ländes beanspruchte ein breiter, eingefaßter Stahlbe­
tonplatz, der als Landefeld für die riesigen Lan­
dungsschiffe diente, die den Planeten bei ihren Besu­
chen mit Lebensmitteln und sonstigen Bedarfsgütern
versorgten und im Austausch gefeinte Erzlieferungen

luden. Die Basis fungierte als Hauptraumhafen der
Kolonie, da es hier draußen in der Peripherie kaum
Raumverkehr gab. Nahezu die einzigen Schiffe, die
Kore besuchten, gehörten Alfin. Gelegentlich traf
neues Sturmreiterpersonal ein, aber auch das benutz­
te meistens Konzernschiffe.
Das mehrstöckige Zentralgebäude enthielt alle für
die Raumflugkontrolle benötigten Instrumente und
koordinierte den Landeanflug der Schiffe aus der
Umlaufbahn um Kore. Von hier aus wurde auch der
Funkkontakt mit den interstellarflugfähigen Sprungschiffen aufrechterhalten, die an den Sprungpunkten
des Systems blieben, Millionen Kilometer über den
Polen der Sonne, knapp außerhalb ihrer Schwerkraft­
senke. Sprungschiffe warteten grundsätzlich an den
Sprungpunkten und luden ihre Kearny-FuchidaTriebwerke für die Transition zurück zu den besie­
delten Systemen der Inneren Sphäre auf.
Sturm sah zum fahlblauen Himmel hinauf, auf
dem nur ein paar weiße Federwolken zu sehen war­
en. Irgendwo dort oben flog ein Landungsschiff des
Konzerns gerade mit einem konstanten Schub von 1
g in Richtung Kore, beladen mit Nachrichten und
Nachschub aus der fernen Inneren Sphäre.
An einer Seite des Zentralgebäudes lag der Hangar
für die vier BattleMechs der Einheit. Er ähnelte einer
gigantischen Höhle, in der die metallenen Riesen
zwischen Kränen und Gerüsten standen, während
Teams von Techs sie warteten. Jeder BattleMech war
ein Stück modernster Militärtechnologie des einund­

dreißigsten Jahrhunderts, und trotz des beträchtlichen
Alters der Kore-Lancier-Mechs waren die Maschinen
noch immer von einem unglaublichen Wert und
wurden mit großer Sorgfalt instandgehalten. Zusätz­
lich beherbergte der Hangar auch noch die verschie­
denen Bodenfahrzeuge und Jagdmaschinen der Lan­
ze, die allerdings weit öfter bei Erkundungsmissio­
nen für Alfins kartographische Abteilung zum Ein­
satz kamen als im Gefecht, nicht viel anders als die
Mechs.
Eine steife Brise blies weiße Schneefahnen über
den grauen Stahlbeton, als Sturm den Jeep auf die
Basis steuerte. Die Posten winkten ihn nach einem
kurzen Blick durch. Die Sicherheitsmaßnahmen der
Basis waren an den Maßstäben der Inneren Sphäre
gemessen reichlich lax, aber das lag daran, daß es auf
Kore kaum politische Probleme mit irgendwelchen
Auswirkungen auf dessen Verteidiger gab. Die ge­
samte planetare Bevölkerung bestand aus Konzern­
angestellten und deren Familien, die Lanciers inbeg­
riffen, und Terroristen, Dissidenten oder Kriminelle
waren praktisch unbekannt. Zu stehlen gab es nicht
viel, und wer, zum Teufel, hätte sich denn auch für
Kore interessieren sollen? Krenner murrte gelegent­
lich, daß der Aufenthalt auf dieser Welt im Vergleich
zu anderen Garnisonen, die er kannte, ein Urlaub
war, aber selbst er wußte, daß es keinen Sinn machte,
hier auf der strikten Disziplin zu bestehen, die man in
Basen in der Inneren Sphäre benötigte. Und so lief
hier draußen alles etwas entspannter ab.

Als Sturm den Mechhangar erreichte, kamen meh­
rere Techs in Parkas durch das offene Hangartor. Ei­
ner von ihnen winkte, als er den jungen MechKrieger
aussteigen sah.
»Da sind Sie!« brüllte ihm JuniorTech Tom Flan­
nery zu. »Sie sollten besser einen Zahn zulegen, Kin­
taro! Die Zentrale hat durchgegeben, daß das Lan­
dungsschiff bald aufsetzt, und man braucht euch mu­
tige, große MechKrieger für die schweren Hebearbei­
ten!«
Sturm zeigte dem Tech den Finger, und Flannery
kehrte lachend an die Arbeit zurück. Er hatte zwar
einen Witz gemacht, aber was er sagte, war die trau­
rige Wahrheit. Oberleutnant Holt bestand darauf, daß
alle MechKrieger der Lanze Dienst taten, wann im­
mer ein Landungsschiff in die Atmosphäre von Kore
eintrat.
Angeblich ging es dabei um die Sicherheit der Ba­
sis und der Stadt. Aber Sturm hatte schon jede Men­
ge Landungsschiffe ankommen sehen, seit er ein
Kind gewesen war, während seiner Anwärterzeit und
später als MechKrieger. Die Konzernschiffe trafen
regelmäßig alle paar Monate ein, und es gab nie ir­
gendwelche Probleme. Mit Ausnahme des kurzen
Zeitraums, als Kore von den Stahlvipern besetzt ge­
wesen war, verlief der Landungsschiffverkehr schon
jahrzehntelang ohne den geringsten Zwischenfall.
Die zehn Meter großen Stahlriesen der Mechlanze
fungierten in aller Regel schnell als glorifizierte
Lastkräne zur schnellen und effizienten Aus-und

Einschiffung schwerer Ladungen. Unter den Lanciers
waren Witzeleien darüber an der Tagesordnung, aber
trotzdem spürte Sturm, wie ihm Flannerys Kommen­
tar die Röte ins Gesicht trieb. Wozu sich überhaupt
anstrengen, ein MechKrieger zu werden, wenn man
anschließend nichts Gefährlicheres zu sehen bekam
als das Laderauminnere eines Frachtschiffes?
Wieder einmal mußte Sturm sich an die Chance
erinnern, sich mit guten Leistungen eine Versetzung
von Kore in die Freie Innere Sphäre zu verdienen,
wo die anderen Sturmreiter operierten, vielleicht in
eine der Konzernniederlassungen im lyranischen
Raum oder sogar zu einem der anderen Auftraggeber
der Einheit, in der Nähe der Clanbesatzungszonen
oder an der Grenze zur Liga Freier Welten. Sturm
dachte an all die zahllosen Orte in der Unendlichkeit
des Alls, an denen er lieber wäre, während er in die
hallende Weite des Hangars ging. Er blieb am Ein­
gang stehen und sah voller Stolz zu seinem Mech
hoch.
Mein Mech, dachte er stolz. Meiner. Trotz all der
erniedrigenden Hilfsarbeiten verspürte Sturm immer
noch ein Schaudern, wenn er den riesigen Kampfko­
loß betrachtete und sich bewußt wurde, daß er ihm
gehörte.
Der Thorn war kein großer Mech. Ganz im Gegen­
teil sogar. Mit einer Masse von nur zwanzig Tonnen
war er als leichter ScoutMech klassifiziert, obwohl er
schwerer war als viele Panzerfahrzeuge. Die etwa
neun Meter große Kampfmaschine war entfernt hu­

manoid, bis auf den rechten Arm, an dessen Stelle sie
ein Langstrecken-Raketenlafetten vom Typ Zeus-5
besaß. Der linke Arm verfügte allerdings über eine
vollmodellierte und funktionsfähige Hand, und nicht
zu vergessen einen mittelschweren Hellion-Laser.
Ein zweiter mittelschwerer Laser befand sich unter
dem »Kinn« des Metallriesen, knapp unterhalb der
Pilotenkanzel. Soweit es Sturm betraf, hätte er es
vorgezogen, wenn die Konstrukteure seines Mechs
diesen zweiten Lichtwerfer irgendwo anders angeb­
racht hätten, zum Beispiel weiter unten am Torso. So
heizte der Laser dem Mechpiloten durch die große
Nähe zum Cockpit gehörig ein, wenn er abgefeuert
wurde.
Der ganze Mech war in dem typischen grauweißen
Polartarnschema der Lanciers lackiert, und auf den
Bein- und Schulterplatten prangte das Donnerkeil­
symbol der Sturmreiter. Sturm warf sich den Seesack
über die Schulter und marschierte durch den Hangar
zum Umkeideraum der Piloten, wo er seine dicken
Wintersachen auszog und eine dem Inneren eines
Mechcockpits angemessenere Bekleidung anlegte,
soll heißen, so wenig wie möglich.
Eines der größten Probleme der BattleMechtech­
nologie war die Abwärme. Da sie von eingebauten
Fusionsreaktoren angetrieben wurden, verfügten
Mechs über einem beinahe endlosen Energievorrat.
Aber jede Bewegung der Myomermuskeln und erst
recht das Abfeuern der zahlreichen schlagkräftigen
Waffensysteme baute Abwärme auf, die sich in der

internen Struktur und im Cockpit des BattleMechs
staute. An der Außenhaut der Maschine waren Wär­
metauscher installiert, leistungsstarke Kühlsysteme,
die sich abmühten, die gestaute Wärme abzuleiten
und die Innentemperatur des Kampfkolosses inner­
halb der von den dort installierten technischen Sy­
stemen vorgegebenen Betriebsgrenzen zu halten, und
in eisigen Außentemperaturen, wie sie auf Kore
herrschten, gelang ihnen das sogar besonders gut.
Aber trotzdem fühlte man sich im Innern eines akti­
ven BattleMechs häufig genug wie in der Bratröhre.
Deshalb trugen MechKrieger im Einsatz kaum Klei­
dung. Sturms Montur bestand aus gepolsterten Shorts
aus dehnbarem, atmungsaktivem Synthetikmaterial
und flachen Schuhen mit Gummisohlen. Über den
nackten Oberkörper zog er die Kühlweste, ein spe­
zielles Kleidungsstück aus Hunderten von dünnen
Plastikschläuchen. Durch diese Schläuche zirkulierte
Kühlflüssigkeit und half, den Träger abzukühlen,
wenn die Kanzeltemperatur stieg. Schon mehr als ein
MechKrieger hatte ein Gefecht nicht etwas deshalb
verloren, weil die Bewaffnung oder Panzerung seines
Mechs der Aufgabe nicht gewachsen gewesen wäre,
sondern weil er mitten im Kampf durch Überhitzung
und Erschöpfung ohnmächtig geworden war. Die
Weste hatte einen gepolsterten Kragen für den Neu­
rohelm, der dem Piloten half, den humanoiden Stahl­
koloß zu kontrollieren.
Sturm steckte ein Fahrtenmesser in eine um den
rechten Knöchel geschnallte Scheide und eine

schlanke Laserpistole in ein Holster am linken Ober­
schenkel. Diese Waffen waren hauptsächlich als
Vorkehrung für den Fall gedacht, daß ein Pilot in
feindlichem Territorium gezwungen war, den
Schleudersitz auszulösen und seinen Mech zu verlas­
sen. Von den Lanciers konnte man zwar kaum be­
haupten, daß sie sich hinter den feindlichen Linien
befanden, aber Krenner drillte alle Anwärter solange,
bis diese Vorbereitungen reflexartig abliefen. Das­
selbe galt für die Überprüfung der Notfallreserven
und sonstigen Sicherheitsvorkehrungen, die Sturm
im Cockpit seiner Maschine vornehmen würde, be­
vor er deren Systeme hochfuhr.
»Diese Routine könnte euch eines Tages das Le­
ben retten«, erklärte Krenner regelmäßig. »Dann
werdet ihr mir für den Drill dankbar sein.«
»Warum so eilig, Kleiner?« riß eine Stimme Sturm
aus dessen Gedanken. »Die Tammuz braucht noch über
eine Stunde, bis sie hier ist.« Sturm drehte sich um und
sah Lon Volker, den anderen neuen MechKrieger der
Lanze. Volker lehnte mit einem breiten Grinsen auf
dem bärtigen Gesicht an der Tür des Umkleideraums.
Sturm erwiderte das Lächeln in dem Versuch, höflich
zu sein, aber so sehr er sich auch anstrengte, er schaffte
es einfach nicht, Volker zu mögen.
»Oberleutnant Holt hätte sicher nichts dagegen,
wenn wir pünktlich zum Dienst erscheinen, Volker.«
Der andere MechKrieger grinste immer noch.
Volker war kaum ein Jahr älter als Sturm und hatte
es als erster der Kore-Anwärter geschafft, vollwerti­

ger MechKrieger zu werden. Jetzt benahm er sich
wie ein Veteran und behandelte Sturm wie einen nai­
ven kleinen Bruder, den er necken und reizen konnte,
wann es ihm gerade gefiel. Und es gefiel ihm ziem­
lich häufig. Volker war ein guter Mechpilot, so gut,
daß er manchmal damit durchkam, die Verhaltensre­
geln im Dienst und außerhalb zu beugen. Während
Sturm sich bemühte, militärische Disziplin aufrech­
tzuerhalten, nutzte Volker die laxe Atmosphäre bei
der Handhabung der Vorschriften hier auf Kore dazu
aus, in seiner Freizeit über die Stränge zu schlagen.
Aber wenn er einmal im Dienst war, erledigte er sei­
ne Aufgaben so gut, daß niemand sich beschweren
konnte, nicht einmal der pingelige Stabsfeldwebel
Krenner. Manchmal war Sturm regelrecht neidisch
auf die lockere Art seines Kameraden.
»Ja, dem Leutnant würde es auch mal guttun, sich
zu entspannen. Wir sind hier nicht an der Front,
Kleiner. Wir laden hier nur Fracht aus. Es ist nicht,
als müßten wir eine Clan-Invasion zurückschlagen.
Holt stellt sich bei allem an, als wäre es eine Sache
von Leben und Tod.«
»Es bleibt unsere Pflicht«, erwiderte Sturm zag­
haft.
Volker trat an seinen Spind und zog sich um. Er
war in vielerlei Hinsicht ein typischer Vertreter der
nordischen Mehrheit unter den Siedlern Kores: hoch
aufgeschossen, breitschultrig, muskulös. Sein dun­
kelblondes Haar trug er kurzgeschoren, aber er hatte
einen buschigen blonden Vollbart, den er sorgfältig

stutzte. Blondgelocktes Haar bedeckte seinen Brust­
korb wie eine schützende Decke. Er behauptete re­
gelmäßig, seine nordische Abstammung erlaube ihm,
mit der Kälte zu leben wie ein Eisbär. Sturm hinge­
gen hatte kaum Bartwuchs, und die wenigen Haare,
die ihm im Gesicht wuchsen, waren so spärlich, daß
er sie lieber abrasierte. Auch seine Brust war nackt,
was Volker ab und an zu der Bemerkung veranlaßte,
eigentlich brauche Sturm gar keine Kühlweste, weil
er nichts hatte, was ihn hätte wärmen können.
»Ja ja, unsere Pflicht. Weißt, woraus unsere Pflicht
besteht, Kleiner? Unsere Pflicht ist es, so schnell wie
möglich einen Weg zu finden, wie wir von diesem
öden Felsen weg und irgendwo hinkommen, wo die
Post abgeht. Du weißt das, ich weiß es, und selbst
Ober-Scheiß-Leutnant Holt weiß es. Kore ist eine
Sackgasse. Hier schicken die Reiter ihre abgehalfter­
ten MechKrieger her, damit sie die Zeit bis zum Ru­
hestand absitzen, und die Unruhestifter, damit sie
sich abkühlen. Zur Hölle, sie machen sich doch nicht
einmal mehr die Mühe, Ablösungen herzuschicken.
Statt dessen werben sie Jungs wie uns beide an, da­
mit wir die Drecksarbeit erledigen. Aber ich denke
nicht daran, mich für den Rest meines Lebens hier
begraben zu lassen. Früher oder später verschwinde
ich von diesem Felsbrocken. Die Lanciers sind nur
der erste Schritt auf meinem Weg hier weg.« Volker
zog die Kühlweste über und zupfte sie zurecht. »He«,
meinte er. »Hast du gehört? Hans behauptet mal
wieder, Väterchen Frost gesehen zu haben.«

Sturm sah von den Riemen seines Pistolenholsters
auf, die er gerade um den Oberschenkel band.
»Wirklich?«
»Ja. Aber ich möchte wetten, er hatte sich vorher
schon einen hinter die Binde gekippt. Wahrschein­
lich mehr als einen einen, wie ich Brinkmann ken­
ne.« Volker mimte lachend, wie er sich eine Flasche
an den Mund setzte. Hans Brinkmann hatte tatsäch­
lich einen Ruf als Trinker. Er war der älteste MechKrieger der Einheit, sogar noch älter als Oberleutnant
Holt. Soweit Sturm gehört hatte, war er nach Kore
strafversetzt worden, aber Brinkmann selbst redete
nicht darüber, und niemand sonst in der Einheit
schien Näheres zu wissen. Oder wenn doch, dann
behielt er es für sich.
Natürlich war das nicht die erste Sichtung von
»Väterchen Frost«. Im Gegenteil, er war ein regel­
mäßiges Gesprächsthema der Lanciers auf ihren lan­
gen Dienstschichten oder wenn sie nach dem Dienst
zu einem Drink zusammen saßen. Angeblich hatte
wenigstens einer der ClanKrieger, die zur Verteidi­
gung Kores zurückgeblieben waren, als die Hauptin­
vasionsstreitmacht weiterzog, sich so in den Kampf
gegen die Sturmreiter verbissen, als diese auftauch­
ten, um den Planeten zurückzuerobern, daß er (mög­
licherweise war es auch eine Sie gewesen, die Ge­
schichte hatte verschiedene Varianten) geschworen
hatte, Kore bis über den Tod hinaus gegen alle Inva­
soren zu verteidigen. Seitdem berichteten MechKrie­
ger immer wieder von seltsamen Sensorabtastungen

und sogar geisterhaften BattleMechs, die spät nachts
irgendwo in der Tundra oder den Jotunbergen zu se­
hen waren.
Anfangs hatte Sturm über diese Erzählungen ge­
lacht, auch wenn er sich gelegentlich selbst dabei
ertappt hatte, auf Nachtstreifen die Sensordaten sei­
nes Mechs besonders sorgfältig zu überprüfen. Ein­
mal hatte er die Geschichten seinem Vater gegenüber
erwähnt. Kintaro hatte sie als »idiotischen Aberglau­
ben« abgetan und sich langatmig darüber ausgelas­
sen, wie die Metallablagerungen und manche vulka­
nischen Dampfschlote ein trügerisches Sensorbild
eines großen, heißen Metallobjekts erzeugen konn­
ten, das die Sensoren auf den ersten Blick mit einem
anderen Mech verwechselten konnten. Trotzdem be­
saßen die Clans mit ihrer legendären Wildheit, ihrem
Ehrenkodex und ihrer Bereitschaft, bis zum letzten
Blutstropfen zu kämpfen etwas, das den Berichten
Gewicht verlieh. Sturm fragte sich, ob es irgendeinen
Soldaten oder MechKrieger auf Kore gab, der in
manchen Nächten nicht hinaus in die Tundra sah und
sich fragte, ob an den Erzählungen nicht möglicher­
weise doch etwas dran war. Na schön, Volker wahr­
scheinlich.
Sturm zuckte die Schultern. Sich über Volker zu
ärgern oder über Väterchen Frost den Kopf zu zer­
brechen, war reine Zeit- und Energieverschwendung,
wenn er statt dessen in seinem Mech sitzen konnte,
wo er hingehörte. Er verstaute den Rest seiner Sa­
chen im Spind und ging zur Tür.

»He, Tiger«, rief Volker ihm nach. »Bring' nicht
alle Container um. Laß ein paar für uns übrig. Wir
anderen möchten auch etwas Ruhm abbekommen.«
Sein bitteres, höhnisches Lachen verfolgte Sturm in
den Gang.

5
Kore-Lanciers-Basis, außerhalb Niffelheims, Kore
Peripherie
11. April 3060

Sturm kletterte die Kettenleiter zum Cockpit des
Thorn hoch. Er zitterte etwas in dem eisigen Wind,
der durch die offenen Hangartore blies. Oben ange­
kommen, schwang sich der junge MechKrieger ins
Cockpit und ließ sich auf die gepolsterte Pilotenliege
sinken. Er warf einen Kippschalter um, und die
Cockpitluke schloß sich mit einem Zischen, dem ein
sattes Wummern folgte, als die Verriegelung ein­
schnappte. Automatisch flammte die Innenbeleuch­
tung auf und badete die Kanzel in fahlem Licht. Der
Sichtschirm wurde hell und zeigte die auf 120°
komprimierte 360°-Rundumsicht um den Mech.
Über dem Schirm lag eine Sichtprojektion mit tech­
nischen Daten, während mehrere Hilfsmonitore zu­
sätzliche Informationen über Waffen und sonstige
Systeme lieferten. Alles war in bestem Zustand.
Sturm griff nach oben und zog den Neurohelm he­
rab, ein Schlüsselelement in der Steuerung eines
Kampfkolosses. Der Helm war ein ausgesprochen
wuchtiges Gebilde mit offenem Visier und dicken
Kabelleitungen, die ihn mit dem Bordcomputer des
Thorn verbanden.

Eine der größten Anfangsschwierigkeiten bei der
Entwicklung von BattleMechs hatte in dem Problem
bestanden, die riesenhaften Kampfmaschinen auf­
recht zu halten. BattleMech-Myomerfaserbündel
funktionierten ganz ähnlich wie menschliche Mus­
keln, indem sie sich auf elektrische Spannungssigna­
le hin zusammenzogen oder entspannten. Das gestat­
tete dem Mech, sich fast wie ein Lebewesen zu be­
wegen. Aber durch das Fehlen der von einem leben­
den Gehirn ständig unterbewußt gelieferten minima­
len Ausgleichsbefehle verfügte ein zehn oder zwölf
Meter hoher BattleMech nicht einmal über das
Gleichgewicht und Koordinationsvermögen eines
fünfjährigen Kindes. Wenn seine Bewegungen nicht
genau aufeinander abgestimmt waren, kippte ein
Mech einfach um. Ein Teil der notwendigen Gegen­
steuerung wurde von einem internen Gyroskop und
einer Reihe hochkomplexer Bewegungsmodelle im
Bordcomputer geliefert, die dem Mech menschen­
ähnliche Bewegungen gestatteten.
Den Rest der Balance lieferte der MechKrieger im
Cockpit der Maschine. In mehr als nur einer Hinsicht
war der Mechpilot das »Gehirn« des Mechs. Im In­
nern des Neurohelms lagen mehrere Kontaktpflaster
fest an der Kopfhaut des Trägers auf. Sie speisten
Nervenimpulse aus dem Gehirn des Piloten in die
Steuersysteme des BattleMechs. Die Hauptfunktio­
nen der Kampfmaschine mußten weiter manuell ge­
steuert werden. Das Neurofeedback war nicht weit
genug entwickelt, um das System zu einem primären

Kontrollsystem ausbauen zu können. Aber es reichte
aus, um dem Bordcomputer den Rückgriff auf den
Gleichgewichtssinn des Piloten zu gestatten. Mit die­
ser Unterstützung durch den Neurohelm bewegte
sich der Metallgigant entsprechend den Befehlen sei­
nes Piloten fast wie ein lebendes Wesen.
Sturm zog sich den Neurohelm über den Kopf und
stöpselte die Medsensorstecker in die vier Buchsen
unter seinem Kinn. Die Kontrollen leuchteten grün
auf, und er fühlte das vertraut seltsame Kitzeln im
Hinterkopf, als die Neuralsysteme aktiviert wurden
und die Gleichgewichtszentren seines Gehirns mit
den Antriebssystemen des Thorn koppelten. Gleich­
zeitig tastete der Helm Sturms Gehirnwellenmuster
ab. Sie waren ein Teil des »Schlüssels« zu seinem
Mech. Er befestigte den Helm an den Schulterpol­
stern der Kühlweste.
Auf dem Sichtschirm blinkten die Worte PASS­
CODE EINGEBEN auf.
»Jennas Traum.« Auf dem Schirm blinkte zweimal
PASSCODE AKZEPTIERT auf, dann erwachte die
riesenhafte Kampfmaschine zum Leben. Auf dem
Sichtschirm erschien wieder das Innere des Mech­
hangars, während Sturm die Bordsysteme überprüfte
und die Verbindungen der Maschine zum Wartungs­
kokon löste. Er schob den Steuerknüppel vor, und
der Metallriese bewegte sich langsam vor. Seine
Schritte donnerten auf dem Stahlbetonboden der Hal­
le. Sturm lenkte den Mech aus dem Hangar und in
schnellem Trab zum Landefeld.

Mit einem Knopfdruck öffnete er die Kommver­
bindung.
»Zentrale von Kintaro. Bin auf dem Weg zum
Landefeld. Ende.« Aus Sturms Helmlautsprecher
drang ein lautes Knistern.
»Kkkkssssrtttt ... Verstanden, Kintaro ... bsssst ...
gehen ... sssssssstttttt«
»Bitte wiederholen, Zentrale. Ich kann Sie kaum
verstehen.«
»Tut mir leid, Sturm«, krachte die Stimme in sei­
nen Ohren. »... Wir haben ein ... kkksssssttt ...
Schwierigkeiten mit dem Kommsystem ...
kkkkkrrrrrrrrkkk ... suchen nach der Ursache.«
»Vielleicht magnetische Interferenzen«, schlug
Sturm vor. Sein Vater ließ sich ständig über Kores
ungewöhnlich starkes Magnetfeld aus, das immer
wieder für Probleme mit der elektronischen Ausrü­
stung sorgte. Sturm selbst war schon mehr als einmal
von falschen Magnetabtastungen durch konzentrierte
Metallablagerungen in manchen Felsformationen
zum Narren gehalten worden.
»Wahrscheinlich liegt es an dem ganzen Müll aus
zweiter und dritter Hand, mit dem wir hier abgespeist
werden«, mischte sich eine dritte Stimme ein.
»Hallo, Lon«, antwortete Sturm. »Freut mich, daß
du dir die Mühe gemacht hast, uns Gesellschaft zu
leisten.« Er vergrößerte die Silhouette von Volkers
aus dem Mechhangar trottenden Panther auf dem
Sichtschirm. Der schlanke graue Mech war eine hu­
manoide Konstruktion wie sein eigener Thorn, aber

etwas schwerer und mit einer Partikelprojektorkano­
ne in einem Arm bestückt.
»Ich kann dich doch nicht ganz allein gegen diese
Frachtcontainer losziehen lassen, Kleiner«, gab Vol­
ker zurück. »Das könnte zuviel für dich werden.«
»In dem Falle würde ich vorschlagen, daß Sie beide
das Gelaber einstellen und Ihre Ärsche hier rausbe­
wegen«, wurden sie unterbrochen. »Die Tammuz ist
im Landeanflug.« Der Tonfall der Aufforderung war
freundlich, aber mit einer Spur von Härte unterlegt.
»Jawohl, Herr Oberleutnant« reagierte Sturm zak­
kig. Volkers Bestätigung fiel beim selben Wortlaut
deutlich legerer aus.
»Und, Volker«, sprach Oberleutnant Holt weiter.
»Vergessen Sie nicht, daß Sie auch noch nicht viel
länger in einem Mechcockpit sitzen als Kintaro und
er Sie bei den letzten Manövern deutlich geschlagen
hat.« Sturm grinste, als plötzliche Schweigen in der
Kommleitung herrschte. Anscheinend wußte Volker
darauf keine freche Antwort.
»Zentrale«, meinte Holt. »Arbeiten Sie weiter am
Kommsystem. Wir gehen die Tammuz begrüßen.
Vielleicht kann sie mit ein paar Techs aushelfen. Wir
halten Sie auf dem laufenden. Ende.«
»Verstanden«, krachte es aus dem Lautsprecher.
»Ende.«
Sturm bewegte seinen Mech in Richtung Lande­
feld, dicht gefolgt von Volkers Panther. Plötzlich
rannte der andere Mech an ihm vorbei über das ge­
frorene Gelände.

»Du hast den Oberleutnant gehört«, rief Volker.
»Bewegung!« Sturm schüttelte lachend den Kopf.
Volker konnte es einfach nicht lassen. Es bestand
keinerlei Notwendigkeit zu hetzen, und auf dem win­
terharten Boden von Kore war es nicht ungefährlich,
sich zu schnell zu bewegen. Selbst Metallriesen wie
die BattleMechs konnten auf dem schnee- und eisbe­
deckten Untergrund ausrutschen, wie Sturm aus bit­
terer Trainingserfahrung noch gut in Erinnerung hat­
te. Er ließ Volker vorausrennen und beschleunigte
selbst nur ein wenig. Es war besser, seine Sache gut
zu machen und in einem Stück anzukommen, als sich
unnötig zu produzieren. Aber wenn er sich danach
besser fühlte, sollte Volker ruhig seinen Spaß haben.
Er konnte die Tammuz schon auf dem Sichtschirm
erkennen. Das Landungsschiff senkte sich langsam
dem Stahlbetonlandefeld entgegen. In der Nähe war­
teten zwei weitere BattleMechs wie stumme Wacht­
posten und beobachteten den Himmel. Einer von ih­
nen war Oberleutnant Holts Centurion, ein Mech
desselben Typs, in dem Sturm an diesem Morgen
trainiert hatte. Der fünfzig Tonnen schwere Kampf­
koloß war mit einer anständigen Waffenausstattung
bestückt, deren Hauptkomponente die Autokanone
im rechten Arm war. Nicht weit entfernt stand Hans
Brinkmanns Javelin. Im Vergleich zum Centurion
war der 30t-Mech von breiter, gedrungener Statur.
Sein aufgeblähter Torso enthielt zwei Lafetten mit
Kurzstreckenraketen, die ihm auf geringe Entfernung
eine beträchtliche Schlagkraft verliehen. Beide Ma­

schinen waren im weißgrauen Standardtarnschema
der Kore-Lanciers bemalt.
Von den meisten Einheiten der Freien Inneren
Sphäre wären die Lanciers als Scoutlanze klassifi­
ziert worden. Der Centurion war ihr schwerster
Mech, und selbst der war von seiner Gewichtsklasse
her nur eine mittelschwere Maschine und im Ver­
gleich zu Monstern wie einem Atlas oder einer Bans­
hee geradezu kümmerlich.
Die drei anderen Piloten steuerten nur leichte
Mechs. Aber sie waren alles, was Kore an Verteidi­
gern besaß. Es machte nun mal wenig Sinn, einer so
isolierten Welt am Rande des erforschten Weltraums
und ohne größeren strategischen Wert eine komplette
Mechkompanie aus zwölf Maschinen oder auch nur
eine mittelschwere oder schwere Lanze als Garnison
zuzuteilen.
Alfin war interessiert am Schutz Kores, aber der
Konzern wollte auch kein Geld verschwenden. Des­
halb mußten die Lanciers häufig mit zweitklassiger
Ausrüstung und entsprechendem Nachschub aus­
kommen. Kore war einfach keine wichtige Garnison.
Wahrscheinlich hat Volker recht, dachte Sturm. Das
Kommsystem ist gebrauchter Schrott. Deshalb funk­
tioniert es nicht.
Und dieTammuz ist auch nicht viel besser in
Schuß, ging ihm durch den Kopf, als das riesige
Landungsschiff auf dem Sichtschirm aus einem hel­
len Punkt zu einer vertrauten Silhouette anwuchs.
Das Schiff war eine gewaltige Metallkugel von gut

achtzig Metern Durchmesser, mit einem abgeflachten
Heck, an dem vier mächtige Lenkdüsen um den zent­
ralen Fusionsantrieb angeordnet waren. Es hatte die
Triebwerksdüsen bereits senkrecht nach unten ge­
dreht und bremste den Sinkflug der aber dreitausend
Tonnen Metall durch die Atmosphäre des Planeten
mit genau dosierten Schubstößen. Die Metallhülle
des Schiffsrumpfs war von Dellen und Kratern über­
sät, Spuren von Mikrometeoriteneinschlägen und
Atmosphäreeinwirkungen. Die Bemalung war flek­
kig und zerkratzt, und das ganze Schiff wirkte alt und
verbraucht. Und trotzdem war es ein beeindrucken­
der Anblick. Obwohl er gewohnt war, mit den riesi­
gen BattleMechs zu arbeiten, raubte Sturm die schie­
re Größe des Landungsschiffs immer noch den Atem.
Normalerweise kamen keine Schiffe der UnionKlasse wie die Tammuz auf Planeten wie Kore. Die
Tammuz hatte in ihren gewaltigen Laderäumen Platz
für eine ganze Kompanie BattleMechs und Jägerun­
terstützung, mehr als genug Raum für den Nach­
schub, den eine so kleine Kolonie benötigte. Aber
auf Kore landeten nur selten Versorgungsschiffe, und
es stand immer eine volle Ladung verarbeitetes Erz
fertig verpackt in Frachtcontainern bereit zur Ver­
schiffung zurück zu den Alfin-Werken in der Inneren
Sphäre. Sturm beobachtete das sich herabsenkende
Schiff, während er in seinem Mech über die gefrore­
ne Tundra stampfte, und träumte von dem Tag, an
dem er an Bord eines derartigen Landungsschiffes
gehen und hinaus ins All fliegen würde.

Die Tammuz zündete noch einmal alle Trieb­
werksdüsen und setzte majestätisch auf einer giganti­
schen Rauch- und Flammensäule in der Landegrube
im Zentrum des Feldes auf. Der enorme Schiffs­
rumpf senkte sich auf vier Landestützen, die wie
winzige Beinchen aus der unteren Hälfte der Kugel
ragten. Der Anblick kam Sturm wie eine seltsame
Mischung aus Erhabenheit und Komik vor.
»Auf das Freigabezeichen warten«, befahl Ober­
leutnant Holm über Funk. Dann setzte er den Centu­
rion um die Landegrube herum in Bewegung, auf die
breite Ladeluke der Tammuz zu.
Im nächsten Augenblick zuckte ein grellflammender
Blitzschlag aus dem Landungsschiff und traf den Mech
im Torso. Der PPK-Treffer zerschmolz Panzerung und
schleuderte den Centurion nach hinten. Lasergeschütze
im Rumpf des Landungsschiffes jagten dem Angriff
mehrere blutrote Lichtbahnen hinterher, die sich eben­
falls in die Panzerung des Mechs bohrten.
»Was, zum Teufel...?« stieß Sturm aus.
»Zentrale, ich werde angegriffen!« brüllte Holt
über den Kommkanal. »Das ist ein Hinterhalt! Zent­
rale, melden!« Statt einer Antwort aus der Komman­
dozentrale der Lanciers drang nur Knistern aus den
Lautsprechern. Irgend etwas stimmte hier ganz und
gar nicht. Sturm stieß den Knüppel nach vorne und
beschleunigte den Thorn auf maximale Geschwin­
digkeit, um den Rückzug des Centurion decken zu
können. Wieder kam Holts Stimme über die Leitung.
»Alle Mechs: Tammuz ist feindlich! Ich wiederho­

le, Tammuz ist ...« Ein lautes Rauschen schnitt den
Funk-spruch ab, als ein erneuter Schuß aus der PPK
des Landungsschiffes Holts Kampfkoloß traf. Ent­
weder hatte der Treffer das Kommsystem des Ober­
leutnants beschädigt, oder es war von der elektri­
schen Ladung des Partikelstrahls zumindest zeitwei­
lig überlastet.
Während er noch näherstürmte, stieß Kintaro mit
dem linken Daumen den Feuerknopf nieder, und der
Thorn spie eine LSR-Salve aus der Lafette, die er an
Stelle des rechten Arms besaß. Die Langstreckenra­
keten zischten auf das Raumschiff zu und schlugen
mit dumpfen Detonationen ein. Die für Gefechte tief
in der Leere des Alls ausgelegte Panzerung überstand
den Angriff unbeeindruckt, auch wenn Sturm zumin­
dest ein paar neue Kratzer bemerkte. Es würde eine
Ewigkeit dauern, diese Panzerung zu durchschlagen.
Wenn er irgend etwas ausrichten wollte, mußte er
sich ein weniger gut geschütztes Ziel suchen, zum
Beispiel einen der Geschütztürme.
Auch Brinkmann und Volker hatten das Feuer auf
das Landungsschiff eröffnet. Durch den Qualm, der
um den Schiffsrumpf wogte, konnte Sturm gerade
noch erkennen, wie die anderen Mechs sich bei dem
Versuch zurückzogen, die schwerer beschädigte Ma­
schine des Oberleutnants zu decken. Das Krachen
aus dem Kommsystem füllte seine Ohren, als die
Sensoren noch etwas anderes erfaßten.
»Feindliche Mechs!« rief Brinkmann über die
Funkleitung. »Feindliche Mechs im Anmarsch!«

Sturm holte die geöffneten Frachtluken des Lan­
dungsschiffes auf dem Sichtschirm des Thorn näher
heran und und sah mehrere riesige Metallgestalten
ins Freie treten. Sie alle trugen auf Gliedern und Tor­
so das Wappen des Jadefalkenclans. Sturms Herz
setzte kurz aus, als der letzte der Invasoren-Mechs
aus dem Schiffsinneren trat. Es war ein riesiger, sie­
benundfünfzig Tonnen schwerer Mad Cat.
Die Clans waren nach Kore zurückgekehrt.

6
Kore-Lanciers-Basis, außerhalb Niffelheims, Kore
Peripherie
11. April 3060

Hans Brinkmann starb als erster. Feindliche Raketen
heulten auf seine Javelin zu und explodierten in einer
Wolke aus Rauch und Flammen.
»Reaktorschaden!« schrie Brinkmann über Funk.
»Ich bekomme die Reaktion nicht unter Kontrolle!«
Der feindliche Puma richtete beide Arme auf die
Javelin, und ein lauter Donnerschlag hallte über das
Landefeld, als künstliche Blitze aus den beiden PPKs
des Mechs zuckten. Die bläulichweißen Energie­
strahlen trafen das Cockpit des Lancier-Mechs, und
es barst auseinander. Ein Hagel von Trümmerstücken
schoß aus der Einschlagswolke in alle Richtungen
davon und ließ den kopflosen Rest der Javelin in der
letzten Bewegung erstarrt auf dem Stahlbetonfeld
zurück, wo er wie ein Mahnmal auf die konsternierte
Überraschung der Kore-Lanciers über diesen plötzli­
chen, gnadenlosen Angriff wirkte.
»Ihr Bastarde!« brüllte Sturm und drückte den
Feuerknopf durch. Eine Salve Langstreckenraketen
schoß auf die feindlichen Mechs zu, und rubinrotes
Laserfeuer zuckte in Richtung des Puma. Der hatte
sich allerdings bereits weiterbewegt, und die Raketen

flogen vorbei und explodierten nutzlos auf dem
Raumhafenfeld, und nur einer der beiden Laser traf
und schmolz einen Teil der Panzerung vom Arm der
Kampfmaschine. Rechts neben Sturm donnerte die
PPK von Volkers Panther, als dieser seine Energie­
waffe auf die Angreifer abfeuerte.
»Zurückziehen!« befahl Oberleutnant Holt. »Vol­
ker! Kintaro! Rückzug in Richtung Gebirge, und ver­
suchen Sie weiter, Kontakt mit der Zentrale herzu­
stellen.«
»Aber Oberleutnant, was wird aus ...«
»Das ist ein Befehl, Kintaro! AB!«
Sturm zögerte nur einen Augenblick. Der Ober­
leutnant hatte recht. Sie hatten keine Chance, die
kampfstärkeren ClanMechs zu besiegen, erst recht
nicht ohne Brinkmann. Er drehte seine Maschine um
und zog in Richtung der Jotunberge ab, stieß den
Steuerknüppel nach vorne und trieb den Thorn auf
Höchstgeschwindigkeit. Schon nach Sekunden hatte
er den Rand des Landefelds erreicht und bereitete
sich auf die Erschütterung vor, als der Mech von dem
harten, ebenen Stahlbeton auf die schneebedeckte
Tundra wechselte. Zum Glück hatte Sturm Erfahrung
darin, einen Mech über das tückische Gelände Kores
zu steuern. Er konnte nur hoffen, daß die ClanPiloten mehr Schwierigkeiten mit den rutschigen
Oberflächenbedingungen hatten. Möglicherweise
bremste sie das lange genug, um den Lanciers eine
Atempause zu verschaffen. Dann konnten sie sich
neu gruppieren, Verbindung mit der Zentrale auf­

nehmen und herausfinden, was, zum Teufel, los war.
Falls die Zentrale nicht schon in der Hand des Fein­
des war Aber wie hätte das möglich sein sollen?
Sturm zwang sich, all diese Fragen und Ängste für
den Moment beiseite zu schieben. Hier und jetzt
mußte er sich auf die aktuellen Schwierigkeiten kon­
zentrieren. Volkers Panther war direkt hinter ihm.
Der schwerere ScoutMech war langsamer als Sturms
Thorn, was diesem einen Vorsprung verschaffte.
Was den Centurion betraf...
Sturm bremste seinen Mech so schnell ab, wie er
es auf dem gefrorenen Boden schaffte.
»Kintaro! Was soll das?«
»Oberleutnant Holt! Er ...«
»Es gibt nichts, was du für ihn tun könntest, Klei­
ner", meinte Volker, »außer seinem Befehl zu gehor­
chen.
Jetzt nimm endlich wieder Fahrt auf, verdammt!«
Sturm schaute noch einmal auf den Sichtschirm.
Holts Centurion bewegte sich ebenfalls, aber er ver­
suchte nicht, vor den ClanMechs zu flüchten. Ob­
wohl der mittelschwere Mech fast so schnell wie der
Panther war, folgte der Oberleutnant seinen beiden
MechKriegern nicht. Er versuchte, den Mechs der
Invasoren den Weg abzuschneiden und sie daran zu
hindern, den Rest seiner Lanze zu verfolgen. Ein mit­
telschwerer Mech der freien Inneren Sphäre gegen
vier weit überlegene ClanMechs. Der Oberleutnant
hatte keine Chance. Das mußte ihm klarsein.
Es ist ihm klar, dachte Sturm, als er den Thorn

wieder beschleunigte, Er weiß, daß er nicht gewin­
nen kann, aber er will dafür sorgen, daß wir davon­
kommen.
Der junge MechKrieger warf einen schnellen
Blick auf die Ortungsdaten, die seine Mechsensoren
lieferten.
Der Centurion versuchte eine Flankenbewegung
um die Feindmaschinen, verbunden mit verschiede­
nen Aus-weichmanövern, um ihren Waffen zu entge­
hen. Aus der Arm-AK des BattleMechs schlugen
Flammen, als Holt dem Gegner eine Stakkatosalve
schwerer Granaten entgegenschleuderte. Sturm sah,
wie die Detonationen eine Kraterspur über die
schwere Panzerung des Mad Cat zogen, die dessen
Metallkeramikhaut sichtlich verunstaltete, aber an­
sonsten keinerlei ernsthaften Schaden verursachte.
Der schwerere Mech antwortete mit vier smaragd­
grünen Energielanzen aus seinen wuchtigen Armmo­
dulen. Die leistungsstarken Laserstrahlen zuckten
über den Rumpf des Centurion, zerschmolzen und
verdampften Panzerung, zerkochten künstliches
Muskelgewebe und interne Struktur.
Oberleutnant Holt ließ sich davon kaum bremsen.
Er feuerte mit allem, was sein Mech zu bieten hatte.
Die Autokanone spuckte wieder Feuer und über­
schüttete den vordersten Mech mit einem Granaten­
hagel, während Holts Torsolaser ein Bündel kohären­
ter Lichtenergie auf die Schulter des schwereren
Mechs abfeuerte, in dem Versuch, die dort montierte
Raketenlafette auszuschalten. Der Lichtwerfer schnitt

in die schützende Panzerung, konnte die Lafette aber
nicht beschädigen, jedenfalls nicht, soweit Sturm das
erkennen konnte. Gleichzeitig schickte der Centurion
eine Salve Langstreckenraketen gegen den Mad Cat
auf die Reise, aber Holt stand zu nahe am Gegner, als
daß die ungesteuerten Geschosse eine nennenswerte
Trefferchance gehabt hätten. Sie flogen über ihr Ziel
hinweg und zerplatzten nutzlos auf dem Stahlbeton
des Landefelds. Möglicherweise hatten ein oder zwei
von ihnen das Landungsschiff getroffen, aber Sturm
bezweifelte stark, daß zwei Raketen mehr als eine
Delle in der schweren Panzerung der Tammuz hinter­
lassen konnten.
Holt hielt nichts zurück, jagte mit seinem Centuri­
on über das Feld und feuerte eine Breitseite nach der
anderen. Die Temperatur im Innern seines Cockpits
konnte inzwischen kaum noch zu ertragen sein.
Sturms Haut glänzte bereits durch die Geschwindig­
keit, zu der er seinen Thorn antrieb, mit einem dün­
nen Schweißfilm, aber im Vergleich zu dem Glut­
ofen, den der Centurion inzwischen darstellen mußte,
war das nichts. Selbst die eisige Kälte Kores konnte
den Hitzestau im Innern eines derartig beanspruchten
Mechs nicht mehr reduzieren.
»Lon, wir kriegen Gesellschaft«, stellte Sturm mit
einem Blick in den Heckabschnitt des Sichtschirms
fest.
»Schon gesehen«, bestätigte sein Lanzenkamerad.
Zwei der anderen ClanMechs lösten sich aus dem
Gefecht und machten sich an die Verfolgung. Holt

hatte keine Möglichkeit, sie daran zu hindern. Er war
schon mit dem Mad Cat mehr als genug beschäftigt.
Sturms Bordcomputer identifizierte die beiden Ma­
schinen als den Puma und einen Uller. Beide waren
avoide Mechs mit tief zwischen den Vogelbeinen
hängendem waagerechten Torso, wie geschaffen für
unzugängliches Gelände und rutschigen Boden.
Trotz der dichten Schneedecke bewegten sie sich ra­
sant. Sturm Kintaros Augen zuckten zur Sichtprojek­
tion. Er hatte inzwischen wieder seine Höchstge­
schwindigkeit von knapp hundert Stundenkilometern
erreicht. Volkers Panther hinkte hinterher. Die
Höchstgeschwindigkeit der schwereren Maschine
betrug nur etwa fünfundsechzig km/h, und Volker
schien mehr Probleme mit den Geländebedingungen
zu haben als Sturm. Die feindlichen Mechs holten
schnell auf.
In Sturms Helm krachte der Lautsprecher, und wie
aus weiter Ferne hörte er die Stimme Oberleutnant
Holts.
»Volker, Kintaro, jetzt hängt es an Ihnen. Versu­
chen Sie, Hilfe zu rufen. Benachrichtigen Sie das
Hauptquartier. Es sind keine ...«
Das Signal wurde von einem lauten Rauschen un­
terbrochen. Sturm sah zur Sichtprojektion auf, die
den optisch kaum noch auszumachenden Kampf gra­
phisch darstellte. Der Centurion bewegte sich noch,
aber seine Funkanlage mußte ausgefallen sein. Er
war in der Nähe des Landungsschiffs von dem Mad
Cat und einem zweiten ClanMech, einem Fenris, in

die Enge getrieben worden. Auf der Infrarotortung
strahlte Holts Maschine wie eine kleine Nova. Die
Betriebstemperatur mußte gefährlich hoch liegen,
und es gab Anzeichen, daß der Reaktor beschädigt
war. Wieder feuerte der Mech aus allen Rohren auf
seine Peiniger, aber die beiden ClanMechs setzten
erkennbar zum Todesstoß an.
Was machen Sie da, Oberleutnant? dachte Sturm.
Steigen Sie aus! Es war unübersehbar, daß Holt den
Kampf verloren hatte. Es war vorbei. Wenn er die
Rettungsautomatik seines Mechs auslöste, bestand
die Chance, daß er nur gefangengenommen wurde.
Warum, zum Teufel, stieg er nicht aus?
Der Mad Cat wuchtete wie ein sagenhaftes Mon­
ster vor und schwenkte einen seiner schweren Arme
wie eine Keule. Er versetzte dem Centurion einen
mächtigen Schlag und schleuderte ihn zu Boden.
Kommen Sie endlich, Oberleutnant, dachte Sturm.
Steigen Sie aus. Steigen Sie aus, bevor ...
Der Mad Cat trat über den gestürzten Mech und
senkte beide Arme. Ein höllisches grünes Licht
flammte auf, und die Sonnenhitze der schweren La­
serwaffen verwandelte die obere Rumpfhälfte des
Centurion in einen glühenden Schlackehaufen. Sturm
überprüfte noch einmal die Sensoranzeigen, in der
Hoffnung, daß Oberleutnant Holt sich vielleicht doch
noch hatte retten können ... nein. Es war unmöglich.
Der Mech ihres Vorgesetzten war vernichtet, und
sein Pilot konnte auf keinen Fall überlebt haben.
Oberleutnant Holt war tot. Einen kurzen Moment

fragte Sturm sich, ob seine Mutter genauso gefallen
war, in einem Opfertod, um den Kriegern unter ih­
rem Befehl ein paar kostbare Sekunden mehr zu er­
kämpfen.
Die beiden anderen Clan-Maschinen holten weiter
auf. Ihre Geschwindigkeit erreichte fast seine eigene,
und sie waren deutlich schneller als Volkers Panther.
Sein Lanzenkamerad hatte keine Hoffnung, ihnen zu
entkommen. Trotz seines Vorsprungs würden die
ClanMechs ihn einholen.
Plötzlich leuchtete ein Signallicht auf Sturms Mo­
nitor auf, als der Puma das Feuer auf den Panther
eröffnete. Die beiden PPKs des ClanMechs schleu­
derten blauweiße Energieblitze mit unglaublicher
Treffsicherheit in den Rücken des ScoutMechs, wo
dessen Panzerung am dünnsten war, und zerfetzten
mit wilder Gewalt beide Torsohälften. Der Kreisel­
stabilisator im Innern des Mechrumpfs kämpfte wild
darum, die Maschine im Gleichgewicht zu halten,
aber unter dem Einschlag der beiden Partikelstrahlen
hatte Lon Volkers Panther den Bodenkontakt verlo­
ren, und der abrupte Verlust beträchtlicher Rumpf­
masse warf ihn komplett aus der Balance.
Sturm bremste den Thorn ab und wollte umdrehen.
Volker war eine Zielscheibe für seine Angreifer.
Von der Rückenpanzerung seines Mechs konnte
nichts mehr übrig sein, und die feindlichen Maschi­
nen kamen schnell näher. Er würde es nicht überle­
ben, wenn Sturm nicht...
»Mach keine Dummheiten, Kleiner«, drang Vol­

kers Stimme über die Kommverbindung, fast, als
hätte er Sturms Gedanken gelesen. »Renn' weiter.
Mach, daß du hier wegkommst, solange du noch
kannst!«
»Dich lasse ich nicht auch noch zurück!« entgeg­
nete Sturm.
»Du kannst überhaupt nichts machen! Hör gut zu,
Mann, ich gebe dir den Befehl. Mach zum Teufel,
daß du hier verschwindest. Versuche irgendwie,
Kontakt mit den Sturmreitern aufzunehmen. Hol Hil­
fe. Ich kann selbst auf mich aufpassen!«
Sturm zögerte. Die ClanMechs mußten Lon Vol­
ker jeden Augenblick erreichen. Vielleicht würde er
helfen können, sie abzuwehren, so daß Volker sich
retten konnte, aber die ClanMechs waren beinahe so
schnell wie sein Thorn. Wenn er sie nicht ernsthaft
beschädigte, würde mit großer Wahrscheinlichkeit
keiner von ihnen entkommen können, wenn Sturm
auf die Höchstgeschwindigkeit des Panther abbrem­
ste, besonders, wenn die beiden PPK-Treffer irgend­
welche internen Systeme des anderen ScoutMechs
beschädigt hatten. Wenn er umdrehte, um Volker zu
helfen, war viel eher damit zu rechnen, daß sie beide
getötet oder gefangengenommen wurden.
»Nur ein Vollidiot bleibt stehen und stellt sich zu
einem Kampf, von dem er weiß, daß er ihn nicht ge­
winnen kann«, hat Krenner gesagt. »Von einem
MechKrieger wird auch erwartet, zu wissen, wann er
sich selbst und seiner Einheit einen größeren Dienst
erweist, indem er den Rückzug antritt.«

Sturm erinnerte sich daran, was sein Feldwebel
ihm an diesem Morgen erst gepredigt hatte und
zwang sich, den Wunsch niederzuringen, umzudre­
hen und Lon Volker zu Hilfe zu kommen, alles, was
er hatte, auf die Invasoren abzufeuern, die seinen
Oberleutnant und seinen Lanzenkameraden auf dem
Gewissen hatten. Volker hatte recht: Sturm konnte
gegen die ClanMechs nichts ausrichten, aber wenn
ihm die Flucht gelang, bestand zumindest eine Chan­
ce, daß er den Rest der Sturmreiter darüber informie­
ren konnte, was auf Kore geschehen war. Solange
Sturm frei blieb, hatten sie eine Chance.
»Viel Glück, Lon«, verabschiedete er sich ins
Helmmikro, als er den Thorn wieder zum Gebirge
drehte und auf volle Geschwindigkeit beschleunigte.
Er hörte Volkers Antwort aus dem rasch zurückblei­
benden Panther.
»Dir auch, Kleiner. Viel Glück.« Die ClanMaschinen wurden langsamer, als sie sich dem am
Boden liegenden ScoutMech näherten. Lon Volker
versuchte nicht einmal, seinen Kampfkoloß aufzu­
richten, als sie ihre Waffen auf ihn richteten. Außer
einer sinnlosen Trotz-geste hatte er nichts anzubie­
ten.
Sturm wandte sich ab und konzentrierte seine Auf­
merksamkeit auf die dunklen Gipfel des am Horizont
aufragenden Jotunmassivs, die zumindest eine zeit­
weilige Sicherheit versprachen. Er mußte die Berge
erreichen und einen Weg finden, Hilfe zu rufen.
Er war allein.

7
Jotunberge, Kore
Peripherie
11. April 3060

Sturms Thorn schien Stunden für die vielleicht
zwanzig Kilometer bis in die Jotunberge zu benöti­
gen, obwohl er die Strecke objektiv in weniger als
zwanzig Minuten zurücklegte. Als die steilen Berg­
gipfel über ihm aufragten, klang der durch das Ge­
fechts am Landefeld hervorgerufene Adrenalinschub
allmählich ab - sofern man ein derartiges Gemetzel
ein Gefecht nennen konnte. Die Hitze im Innern des
Cockpits trieb dem jungen MechKrieger den
Schweiß aus den Poren, und die Panzerung des
Mechs war im Kampfverlauf von einem Streifschuß
mit einer Partikelprojektorkanone in Mitleidenschaft
gezogen worden.
Sturm schaute auf die Sichtprojektion. Sein Ver­
folger war noch hinter ihm, in wenigen Kilometern
Entfernung. Beide ClanMechs hatten angehalten,
um Lon Volkers Situation abzuschätzen, als dessen
beschädigter Panther in der schneebedeckten
Tundra gestürzt war. Der Uller war offenbar dort
geblieben, um Volker zu erledigen oder gefangen­
zunehmen. Sturm wußte nicht, was von beiden.
Wie auch immer, der Puma hatte jedenfalls die

Verfolgung von Sturms Thorn wiederaufgenom­
men.
Die Clan-Maschine war ebenso schnell wie Sturms
ScoutMech, obwohl sie gute fünfzehn Tonnen
schwerer war Sie war mit je einer Extremreichweiten-PPK in beiden Armen bestückt, und diese Waf­
fen waren verflucht treffsicher. Wahrscheinlich hätte
Sturm das Gebirge schneller erreichen können, hätte
er in der Tundra keinen Zickzackkurs einschlagen
müssen, um den Angriffen seines Verfolgers auszu­
weichen. Sturm erinnerte sich an eine Lektion darü­
ber, daß Pumas in der Regel über hochmoderne
Feuerleitcomputer verfügten, die ihr Geschützfeuer
erheblich treffsicherer als das der meisten BattleMechs der Freien Inneren Sphäre machte. Kein
Wunder, daß der Puma Volkers Panther bei maxima­
ler Beschleunigung hatte in den Rücken treffen kön­
nen.
Zum Glück war Sturm schnell genug, um in äu­
ßerster Reichweite der PPKs zu bleiben, was es dem
Puma-Piloten erschwerte, ihn zu erfassen. Trotzdem
hatte er bereits kleinere Panzerschäden einstecken
müssen, und seine linke Rückenpanzerung war von
einem Streifschuß komplett zerblasen worden. Sturm
Kintaro dankte Gott, daß der Schuß nicht die Rake­
tenlafette auf der rechten Seite erwischt hatte. Hätte
sich dort ein PPK-Strahl durch die Panzerung gefres­
sen, hätte er die verbliebene Raketenmunition zur
Detonation bringen können, und das wäre Sturms
sicheres Ende gewesen.

Zu Sturms Glück schienen die PPKs des Puma
reichlich Abwärme zu erzeugen, so daß der Mech
seines Verfolgers hin und wieder gezwungen war,
abzubremsen, damit die Wärmetauscher Gelegenheit
bekamen, ihn abzukühlen. Sturm konnte den ganzen
Weg ins Gebirge über seinen Vorsprung halten. Au­
ßerdem hatte er mehr Erfahrung als sein Gegner in
der Handhabung seines Mechs auf schneebedecktem
Gelände, was nach Hunderten von Simulatorstunden
und reichlich persönlicher Erfahrung im Feld auch
kein Wunder war. Der Puma rutschte mehrmals aus
oder geriet ins Stolpern, wenn auch nie ernsthaft ge­
nug, um einen Schaden hervorzurufen oder ihn weit
genug abzubremsen, so daß Sturm hätte entkommen
können.
Auf der offenen Tundra Kores gab es kaum Mög­
lichkeiten, einen Mech zu verstecken. Sturm kannte
zwar ein paar schneeverwehte Schluchten und Fels­
spalten, aber es gelang ihm nicht, einen genügend
großen Vorsprung aufzubauen, um sich dort verstek­
ken zu können.
Er versuchte, den anderen Mech in eine der größe­
ren Felsspalten zu locken, indem er mit Höchstge­
schwindigkeit darauf zustürmte und sie dann haken­
schlagend anging. Aber das konnte den PumaPiloten nicht beeindrucken, der einfach Sturms Kurs
exakt folgte. Hätte der Thorn über Sprungdüsen ver­
fügt, hätte der Versuch vielleicht gelingen können,
aber Sturms Mech war nicht sprungfähig. Er war nur
froh, daß für den Puma dasselbe galt.

Ich muß einen Weg finden, ihn abzuschütteln,
dachte er wohl schon zum hundertsten Male. Er öff­
nete die Kommverbindung.
»Zentrale von Kintaro. Hören Sie mich? Zentrale,
bitte melden. Hier ist Kintaro. Ich werde von feindli­
chen Mechs mit Clan-Jadefalke-Insignien angegriffen.
Ich wiederhole, werde angegriffen. Hören Sie mich?«
Nur Rauschen antwortete ihm. Er hatte in regel­
mäßigen Abständen versucht, Funkkontakt mit der
Zentrale zu erhalten, aber ohne jeden Erfolg. Entwe­
der störten die Clan-Invasoren den Funkverkehr,
oder die Zentrale war bereits verloren und die einzi­
gen, die sich noch dort aufhielten und seine Hilferufe
hören konnten, waren Feinde. So oder so konnte
Sturm von den Bodentruppen der Lanciers keine Hil­
fe erwarten, und von seinen MechKriegerkameraden
erst recht nicht. Er war allein.
Er brauchte Spielraum, eine Chance, unterzutau­
chen, seine Möglichkeiten zu analysieren und einen
Plan für sein weiteres Vorgehen zu schmieden. Da­
mit das möglich war, mußte er irgendwie mit dem
Puma fertigwerden. Der andere Mech war Sturms
Thorn überlegen. In einem offenen Schlagabtausch
hatte er gegen die schwerere Clan-Maschine keine
Chance. Gegen diesen Feind mußte er seine anderen
Vorteile ausspielen. Der Puma besaß vielleicht die
bessere Panzerung und Bewaffnung, aber Sturm
kannte das Gelände. Der Trick mit der Felsspalte hat­
te nicht funktioniert, aber möglicherweise hatte er
mit etwas anderem mehr Glück.

Sturm drehte den Thorn in Richtung Frostriesen­
paß. Den Namen hatte er ihm selbst gegeben. Sein
Vater hatte ihn in den vergangenen Monaten mehr­
mals durch diesen Paß ins Gebirge geschickt, um
planetologische Daten zu sammeln. Der Paß war ge­
rade breit genug für einen einzelnen Mech, und da
Sturm das ganze Gebiet kartographiert und einige
Male durchwandert hatte, kannte er die beste Route.
Die Satelliten- und Computerkarten befanden sich
noch immer im Speicher des Mechcomputers, denn
die Erfassung war noch nicht abgeschlossen. Sturm
war davon ausgegangen, daß er den Paß nicht zum
letzten Mal besucht hatte, auch wenn er nie erwartet
hätte, mit einem feindlichen Kampfkoloß auf den
Mechfersen hier wieder aufzutauchen.
Kore verfügte über reiche Erzvorkommen. Das
hatte diese Welt überhaupt erst attraktiv für den Al­
fin-Konzern gemacht. In den Bergen fanden sich die­
se Erzablagerungen besonders reichlich. Dr.Kintaro
vermutete, daß sie für einige der ungewöhnlichen
Magnetabtastungen verantwortlich waren, die Sturm
bei seinen Exkursionen aufgefangen hatte. Darüber
hinaus gab es im Jotunmassiv noch eine gewisse vul­
kanische Aktivitt. Geysire und Dampfschlote waren
reichlich vorhanden. Die Kombination aus starken
Magnetfeldern und Zonen extremer Hitze und Kälte
ließ die Mechsensoren verrückt spielen. Das wußte
Sturm. Wenn er es auf die andere Seite des Passes
schaffte, hatte er eine Chance, seinen Verfolger zu
verwirren und abzuschütteln.

Er betrat den Paß und bewegte sich so schnell er
sich traute zwischen die hoch über ihm in den Him­
mel ragenden düsteren Felsklippen. Der Boden war
vor Urzeiten von einem Gletscher abgeschliffen
worden und fetzt von verstreuten Felsen und Stein­
brocken bedeckt, die sich bei einem falschen Tritt als
tückische Fallen erweisen konnten. Einmal war
Sturm auf einer Schicht lockerer vereister Steine
ausgerutscht, und der Sturz hatte einen der Armakti­
vatoren seines Mechs beschädigt. Zusätzlich dazu,
daß er den Techs beim Austausch des Aktivators hat­
te helfen müssen, hatte Krenner ihm noch einige Ex­
trastunden im Simulator aufgebrummt. Und Ober­
leutnant Holt hatte ihm für diesen Fehler eine gehö­
rige Gardinenpredigt gehalten.
Halt. Sturm konnte den Anblick des Centurion
seines Kommandeurs nicht vergessen, der vor dem
Landungsschiff auf dem Stahlbeton lag, oder den des
riesigen Mad Cat, der über ihm aufragte. Oberleut­
nant Holt hatte Sturm die Chance gegeben, ein
MechKrieger zu werden, hatte ihn als