Main Kleines Wörterbuch der Jugendsprache (Wörter, Wendungen, Texte)

Kleines Wörterbuch der Jugendsprache (Wörter, Wendungen, Texte)

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Ausdrücke wie "cringe", "sus" oder auch "Auf dein Nacken" versteht nicht jeder. Wissen Sie, was das alles bedeutet? Falls nicht, werfen Sie einen Blick in unser kleines Wörterbuch der Jugendsprache.
Year:
1990
Edition:
2
Publisher:
VEB Bibliographisches Institut
Language:
german
Pages:
122
ISBN 10:
3323002733
File:
PDF, 6.30 MB
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Language:
japanese
File:
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2

Shadowcroft Academy For Dungeons: Year Two

Year:
2021
Language:
english
File:
PDF, 1.96 MB
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Kleines Wörterbuch der Jugendsprache

Margot I leinemann

Kleines
Wörterbuch
der
Jugendsprache
WITHDRAWN
FROM E'ham-Sou.
College Lib.

VEB Bibliographisches Institut Leipzig

Heinemann, Margot:
Kleines Wörterbuch der Jugendsprache/
Margot Heinemann. —2., unveränd. Aufl.
- Leipzig: Bibliographisches Institut, 1990.
-122S.
ISBN 3-323-00273-3

ISBN 3-323-00273-3
2., unveränderte Auflage
© VEB Bibliographisches Institut Leipzig, 1990
Verlagslizenz-Nr. 433-130/106/90
Printed in the German Democratic Republic
Gesamtherstellung: Druckhaus Aufwärts, Leipzig — III/18/20 • 2310
Einbandgestaltung: Rolf Kunze
LSV 0817
Best.-Nr. 578 273 9
00700

Inhalt

Vorwort

• yz

7

Zur Sprechweise der Jugendlichen

9

Reden mit dem Partner - aber wie?
Die heutige Jugend - keine „Null-Bock-Generation"
Freizeitgruppe und Sprachverhalten
Jugend und Modeerscheinungen
Die Kraft der Wörter - sprachliche Signale seit Generationen
Woher kommen die Wörter?

9
11
14
17
23
28

Inhaltliche Gliederung der Wörter und Wendungen

33

Jugendliche treffen sich

33

Sie beginnen ein Gespräch
Sie reden sich freundschaftlich an
Sie wenden sich schnell anderen Dingen zu

33
33
35

Jugendliche reden über vieles

40

Sie reden zum Beispiel über Leute, die ihnen nahestehen und
die sie mögen
Sie reden über Personen, die sie nicht mögen
Sie reden über andere, die besonders auffallen

40
43
51

Jugendliche nennen die Dinge beim Namen

55

Sie nennen die Dinge selbst
Sie haben auch Namen für Handlungen und Zustände

55
61

Jugendlichen gefällt vieles

83

Ihnen gefällt etwas überaus gut
Ihnen gefällt etwas überhaupt nicht

83
92

Jugendliche halten nicht gern maß

97

Sie sind furchtbar überrascht
Sie übertreiben alles
Sie können auch ganz cool bleiben

97
99
96

Wie jugendspezifische Texte aussehen

105

Alphabetisches Verzeichnis der Wörter und
Wendungen

114

Vorwort

Unterhalten sich Erwachsene mit Jugendlichen-vor allem der Altersgruppe
der 14- bis 18jährigen -, werden sie in der Regel nur wenige Unterschiede
zum allgemeinen Sprachgebrauch f; eststellen. Auch die jungen Leute äußern
sich überwiegend normgerecht, d. h. entsprechend den Normen, die ihnen
in der Schule vermittelt wurden und die als allgemeine Normen für sprach­
lich-kommunikatives Verhalten angesehen werden können.
Auch wenn Jugendliche unter sich sind, halten sie sich vielfach an diese
Sprachnormen; insbesondere dann, wenn sie offiziell zusammenkommen,
bei der Lösung schulischer oder betrieblicher Arbeitsaufgaben, in FDJ-Versammlungen mit Referaten und in offiziellen Diskussionen u. a. m. In sol­
chen „institutionalisierten“ Situationen sind die von den Erwachsenen über­
nommenen Verhaltensnormen so stark ausgeprägt, daß auch das sprachliche
Verhalten kaum nennenswerten Variationen unterliegt.
Anders dagegen verhalten sich Jugendliche in ihrer Freizeit. Hier kommt es
zur Ausprägung einer speziellen Sprechweise, es zeigt sich sowohl das Be­
streben, den Besonderheiten jugendspezifischen Verhaltens Ausdruck zu
verleihen, als auch die Freude daran, mit Sprache kreativ umzugehen. Im
Freizeitverhalten der Jugendlichen begegnen dann auch gehäuft Ausdrücke,
die als jugendspezifisch gelten, wie z. B. cool} tierisch, Tussi. Die wichtigsten
Wörter und Wendungen aus diesem Bereich stellt das Buch vor.
Die Erscheinungsformen der sprachlichen Kommunikation der Jugendli­
chen sind aber keineswegs auf solche exotischen Wörter und Wendungen zu
beschränken. Die Sprechweise der Jugendlichen untereinander ist nicht nur
durch jugendspezifische Modewörter geprägt; vielmehr gehören dazu auch
umgangssprachliche und alltagssprachliche Erscheinungen, die auch für die
Sprechweise der Erwachsenen in gleicherweise charakteristisch sind. Wenn
diese aber von Jugendlichen extrem häufig verwendet werden, finden sie in
dieser Sammlung gleichfalls Berücksichtigung. Die jugendspezifischen Aus­
drücke fungieren in Texten der Jugendlichen vor allem als gruppenanzei­
gende Signale; mit ihrer Hilfe wollen die Sprecher zu erkennen geben, daß
sie zu einer Gruppe von Jugendlichen gehören.
Welche Signale Jugendliche in bestimmten Texten verwenden, ist von vielen
Faktoren abhängig, nicht zuletzt auch von der Situation und der Spezifik
des Verhältnisses der Jugendlichen untereinander. Damit ist gesagt, daß
kaum ein Jugendlicher den gesamten hier aufgelisteten Wortschatz wirklich
aktiv gebrauchen wird. Vielmehr handelt es sich um eine Sammlung von le­
xikalischen Einheiten, die zusammengenommen als eine Art Querschnitt
von Jugendspezifika in der DDR anzusehen sind. Genauer gesagt sind es Ju­
gendspezifika der 80er Jahre, da Jugendsprachliches einem relativ schnellen
Wechsel unterworfen ist: Was eine Generation junger Leute als „fetzig“ oder
„poppig“ ansah, kann von den nachrückenden Vertretern der Altersgruppe

7

anders - in ihren Augen angemessener - benannt werden. Eine Sammlung
von Wörtern und Wendungen kann demnach nur als Charakteristikum der
Sprechweise von Jugendlichen im genannten Zeitraum verstanden werden.
Das zugrunde gelegte Material stammt aus verschiedenen Bereichen: aus
Studentenarbeiten, aus Funk und Fernsehen, Leserbriefen, Privatbriefen
und - seltener - aus der Belletristik. Dabei wurden unterschiedliche Metho­
den angewandt: Befragungen durchgeführt, Tonkonserven aufgenommen
und vor allem sehr viele Hörbelege gesammelt.
Das Belegmaterial wurde nach Sachgruppen eingeteilt, weil dadurch das
Verständnis von Inhalt und Gebrauchsvariante gefördert wird. Innerhalb
der Teilkapitel wird alphabetisch geordnet, und zwar nach dem sinn wichtig­
sten Wort, das meist ein Substantiv ist. Das alphabetische Register am Ende
soll das Nachschlagen erleichtern und durch den Verweis auf unterschiedli­
che Seiten auch die Vielfalt der Verwendungsmöglichkeiten illustrieren.
In den Stichwörtern wird das entsprechende Wort oder die Wendung in ei­
nem Kurztext in einer typischen Verwendungsvariante vorgestellt. Diese
Kurztexte basieren auf authentischem Material, wurden aber für unsere
Zwecke leicht bearbeitet. Beispielsweise wurden alle Dialekthinweise (ik,
det, keene) gestrichen, während eine Anlehnung an die allgemeine Alltags­
sprache beibehalten wurde, z.B.bei der 2. Person Singular (kannste für
kannst du, haste für hast du) oder bei syntaktischen Konstruktionen (Disko?
Ist was für kleine Kinder!), also immer dann, wenn eine zu starke Anpas­
sung an die Hochsprache unecht wirken würde. Der Hinweis „syn. “ bei ein­
zelnen Stichwörtern macht auf die Bedeutungsähnlichkeit im Gebrauch auf­
merksam und bedeutet,synonym*.
Die vorgestellte Sammlung kann aber einigen - sicher ^wünschenswerten Anforderungen nicht gerecht werden. Spitznamen haben hier keinen Platz
gefunden, weil sie immer an eine konkrete Person gebunden sind. Desglei­
chen wurden Namen von Musikgruppen oder -titeln nicht angegeben und
im Bedarfsfall mit X umschrieben. Auch Wortelemente, die aus dem Schul­
oder Universitätsleben kommen, wurden nur aufgenommen, wenn sie eine
gewisse Allgemeingültigkeit bekommen haben; ansonsten sind für uns die
sogenannte Schüler- oder Studentensprache ein eigener Bereich.
Leider können zum gegenwärtigen Zeitpunkt auch noch keine Angaben
über die Häufigkeit des Gebrauchs generell und speziell für verschiedene
Gegenden unserer Republik gemacht werden, Tendenzen wurden aber be­
rücksichtigt.
Verzichtet wurde auch auf eine Literaturliste. Ihr Umfang würde bei konse­
quenter Aufnahme aller in Frage kommenden Titel nicht in den Rahmen des
Buches passen.
Danken möchte ich abschließend den vielen Helfern und Freunden, die mir
wertvolle Anregungen und Hinweise bei der Sammlung und Auswertung
des Materials gegeben haben.
Margot Heinemann

8

Zur Sprechweise der Jugendlichen

Reden mit dem Partner - aber wie?

„He, du Keim! Mach mich nicht an!“ Dieser Ausruf einer
etwa 16jährigen, mit dem sie offenbar die unangemessene
Bemerkung eines gleichaltrigen Jungen zurückweist, läßt die
Fahrgäste in der Straßenbahn leicht zusammenzucken. Man
versucht sich mit Blicken zu verständigen - Die heutige Ju­
gend! - und strafend an der heutigen Jugend vorbeizusehen.
Än der nächsten Haltestelle steigen die Jungen aus, unter
freundschaftlichen, aber von den Mitfahrenden kaum ver­
standenen Bemerkungen: „Macht ’n Abflug, ihr Assis!“
„Gehste heute zu der Anmache?“ „Nee, da is mir zu viel
Wuhling. “ „Du hast doch ’n Rad ab, ehrlich!“ „Also
tschau!“ Die beiden zurückbleibenden Mädchen sind sich ei­
nig darüber, daß sie es schwer haben. Die eine hat „in Geo
eine volle Hand“ gefangen und wird nun deswegen von den
„Oldies“ ständig „angemacht“. Bei der anderen rückt „der
Erzeuger“ einfach nicht mit der „Knete“ für einen „schockigen Kittel“ raus. Die beiden stecken sorgenvoll die Köpfe
zusammen. Bis zur Endstelle bleibt nur eine sitzen. Beim
Aussteigen hilft sie einer Frau mit Kinderwagen und fragt
höflich: „Kann ich bitte mal durch?“ Man kann sich kaum
vorstellen, daß dasselbe Mädchen noch wenige Minuten vor­
her vom „Keim“ und vom „Anmachen“ gesprochen hat. Wie
ist eine solche Wandlung zu verstehen?
Die Jugendlichen in der Straßenbahn haben sich etwas zu­
nutze gemacht, was tägliche Realität nicht nur für die Ju­
gendlichen ist: Das unterschiedliche Reden mit verschiede­
nen Partnern in verschiedenen Situationen. Dieselben Ju­
gendlichen werden am nächsten Tag in der Schule mit ganz
anderen Worten über Goethes „Faust“ diskutieren, mit den
richtigen Fachwörtern die Fallgesetze erklären oder nach
mathematischen Lösungen suchen. Sie werden sich in der
Pionier- oder FDJ-Gruppe über die Lage in der Welt infor­
9

mieren oder einen faulen Mitschüler zur Ordnung rufen.
Oder sie werden im Treppenhaus mit höflichen Worten der
Nachbarin erklären, warum sie am 1. September im Blau­
hemd zur Schule gehen. Das alles ist denk- und vorstellbar.
Sie werden aber auch in der Hofpause, beim Treff an der
Kaufhalle oder in der Disko mit ihren Freunden ihre Pro­
bleme in ihren Worten durchsprechen. Diese „Sprache“ in
der Sprache kann sehr witzig und spritzig sein. Sie ist mitun­
ter so anschaulich, daß einzelne Wörter von den Erwachse­
nen aufgegriffen und in den eigenen Wortschatz übernom­
men werden. Wenn man bedenkt, wieviel Kreativität dazu­
gehört, immer neuen Wortschatz zu „erfinden“ und für die
eigenen Bedürfnisse aufzubereiten, kann man den jugend­
spezifischen Wortschatz durchaus als Bereicherung der deut­
schen Gegenwartssprache empfinden. Mitunter werden al­
lerdings die Grenzen des guten Geschmacks berührt. Ein Er­
wachsener wird nicht immer einschätzen können, ob „Du
Keim!“ noch als freundschaftliches Geplänkel durchgehen
kann, - die Jugendlichen dagegen verstehen sich gewöhnlich
richtig. Es gibt aber auch Wörter und Wendungen, die von
keinem Erwachsenen (und Jugendlichen!) toleriert werden
sollten.
Zu solchen abzulehnenden Ausdrücken gehören z.B.die
Anrede „Aidsverdächtiger“ oder Wendungen, die aussagen,
daß etwas „spastisch“ sei.
Sicher darf man davon ausgehen, daß viele Jugendliche im
Grunde gar nicht wissen, wovon sie reden (oder besser: was
sie einfach nachplappern), daß sie sich zumindest nicht der
Tragweite und der Assoziationskraft solcher Formulierun­
gen bewußt sind; hier soll menschliches Unglück spöttischironisierend umfunktioniert werden. Das aber ist beim In­
halt dieser Benennungen moralisch nicht mehr vertretbar,
und daher setzt hier die Mitverantwortung aller Mitglieder
der Gesellschaft im Sinne einer aufklärenden Einflußnahme
auf die Jugendlichen ein. Andererseits sollte das auch nicht
zu einer generellen Verurteilung der besonderen Sprech­
weise der Jugendlichen führen.
Auch Erwachsene haben oft eine „Freizeitsprache“ in der

10

Familie, am Stammtisch oder auf dem Fußballplatz. Es ist
also völlig legitim, daß Jugendliche zur Darstellung ihrer
Probleme mit ihren Freunden einen bestimmten Umgangs­
ton bevorzugen, auch wenn der nicht gleich von allen ver­
standen wird. Man muß sich schon die Mühe machen, den
Jugendlichen hinterherzuhören, ihren Wortschatz, ihre Aus­
drücke unter die Lupe zu nehmen, um urteilen und - wenn
nötig - verurteilen zu können.
Und damit ist auch indirekt das Anliegen dieses Büchleins
genannt: Es will einen ersten Beitrag leisten zum Verstehen
unserer Jugendlichen, ihrer Haltungen und Reaktionen, die
man auch an ihrem Vokabular, an ihrem sprachlichen Mitein­
ander ablesen kann.

Die heutige Jugend - keine „Null-Bock-Generation“
Fragen wir doch einmal nach, warum sich Jugendliche in die­
ser spezifischen Weise äußern. Soziologen sprechen in die­
sem Zusammenhang von der „biosozialen Besonderheit der
Großgruppe Jugend“, was einfach bedeutet, daß in jeder Ge­
sellschaftsordnung die Jugend mit spezifischen Rechten und
Pflichten in den gesamtgesellschaftlichen Prozeß eingeord­
net werden muß. Auf welche Weise das geschieht, darf als ein
Kriterium für die Menschlichkeit einer Gesellschaftsord­
nung, eines Staates angesehen werden. Welche Möglichkei­
ten werden der Jugend für ihre Entwicklung eingeräumt,
welche Ziele werden ihr gesteckt, zu welchen Leistungen für
die Gesellschaft kann sie befähigt werden? Arbeitslosigkeit,
Angst vor der Zukunft, Verkümmerung aller menschlichen
Werte sind kein Nährboden für die Entwicklung einer lei­
stungsfähigen Jugend. Nicht zufällig wird die heutige Ju­
gendgeneration in kapitalistischen Ländern nach ihren be­
liebtesten Redewendungen als „No-future-Generation“
oder als „Null-Bock-Generation “ bezeichnet. Was kann ei­
ner Jugend Schlimmeres passieren, als daß sie zur Hoff­
nungslosigkeit verdammt wird?
11

Aus verschiedenen Gründen können wir aber nicht von einer
einheitlichen „Großgruppe Jugend“ ausgehen, sondern
müssen sie von verschiedenen Standpunkten aus betrachten.
Das „Wörterbuch der Psychologie“ (1985) weist zu Recht
darauf hin, daß sich das Jugendalter immer mehr ausdehnt
und daß der Übergang von der Kindheit zum Erwachsenen­
alter nicht mehr mit der Geschlechtsreife zusammenfällt,
wie das noch bei Naturvölkern der Fall ist. Seit dem Anfang
des 20. Jahrhunderts setzte die Geschlechtsreife immer frü­
her ein, in Mitteleuropa bei Mädchen zwischen 11 und
13 Jahren, bei Jungen zwischen 13 und 14Jahren. Die Über­
nahme aller staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten, die Fa­
milienverantwortung und die Berufstätigkeit sind zeitlich
versetzt und fallen nicht mehr mit der Geschlechtsreife zu­
sammen. Mit Beginn des Industriezeitalters ist der Ausbil­
dungsprozeß bis zur Berufsfähigkeit komplizierter und um­
fangreicher geworden, die „Lernzeit“ immer länger.
Aus diesen Entwicklungsetappen werden von Medizinern,
Juristen, Psychologen, Soziologen unterschiedliche Jugend­
begriffe abgeleitet. Verfassung und Jugendgesetz erfassen Ju­
gendliche bis zum 25. Lebensjahr, Straf- und Arbeitsrecht
setzen Zäsuren mit 14, 16 und 18 Jahren, Jugendtourist und
sozialpolitische Maßnahmen beziehen junge Leute bis zu
30Jahren ein. Das sind äußere Kennzeichnungen, die auf
biologischen und sozialen Besonderheiten beruhen. Wir
schließen uns dem „Wörterbuch der Soziologie“ (1983) an,
das eine Einteilung in Jugendliche (14 bis 18 Jahre) und junge
Menschen (19 bis 25Jahre) vornimmt. Eine Kennzeichnung
der Jugend im Altersbereich von 14 bis 18 Jahren kommt un­
serem Anliegen sehr entgegen, weil damit Einschnitte erfaßt
werden, die auch für das Sprachverhalten von wesentlicher
Bedeutung sind. Mit der Jugendweihe, dem Personalaus­
weis, dem Anspruch auf die Anrede mit „Sie“ und einer be­
dingten Verantwortlichkeit für Vergehen sind sehr deutliche
Signale gesetzt, daß Kinder nun keine Kinder mehr sind.
Wurden sie aber damit wirklich in die Welt der Erwachsenen
aufgenommen? Aufgenommen wohl schon, sie stehen je­
doch noch etwas betreten an der Tür, müssen - um

12

im Bilde zu bleiben - gelegentlich auch heftig anklopfen, um
zum Nähertreten und Mitmachen aufgefordert zu werden.
Dieser Prozeß der Integration der Jugendlichen gehört si­
cher zu den schwierigsten Etappen im Leben eines jungen
Menschen. Aber andererseits ist es ai^ch für Jugendliche, die
in einer gesunden, sozial gesicherten Atmosphäre aufwach­
sen, eine positive Erfahrung, ernst genommen zu werden,
die eigene Entwicklung mitbestimmen zu können, nicht nur
Kritik annehmen zu müssen, sondern auch eigene Erfahrun­
gen einbringen zu können.
Es ist nur zu natürlich, daß diese Entwicklung nicht glatt ver­
läuft, daß junge Leute in solchen Situationen überziehen,
mehr Rechte fordern, als ihnen in diesen Entwicklungsjäh­
ren und zu ihrem Schutz zugebilligt werden können. Das
reicht vom Wunsch nach langem Aufbleiben über die freie
Verfügungsgewalt über Geld (das sie nicht selbst verdienen)
bis hin zu Forderungen nach Alkohol- und Zigarettenkon­
sum.
Die Erwachsenen, die die Rechte verwalten, werden von den
Jugendlichen mit kritischen Augen gesehen und-bei Inkon­
sequenzen ertappt. Das Erwachsensein wird angestrebt man will alles ganz anders machen - und dann wieder in
Frage gestellt. Es handelt sich um eine ganz normale Ent­
wicklungsetappe im Leben der Jugendlichen, die aber oft die
Weichen für das spätere Handeln stellt und im allgemeinen
sehr intensiv durchlebt wird. Auflehnung, emotionale
Schwankungen, ausgeprägte Originalitätssucht - auch im
Sprachverhalten - sind oft die Folge dieser psychisch und in­
tellektuell nicht bewältigten Situation. Übrigens muß sich
das nicht immer dramatisch äußern. Indiz sind schon Eltern­
seufzer der folgenden Art: „Ich weiß gar nicht mehr, was er
macht. Nach der Schule verschwindet er wieder und kommt
bloß zum Abendbrot. “ Auch: „Wenn es bei uns nur mal kra­
chen würde, dann wüßte man wenigstens, was ihn bewegt. “
Oder sehr häufig: „Mir erzählt er ja nichts. “
Aber wem erzählt er denn nun was?

13

Freizeitgruppe und Sprachverhalten

Ein wichtiger Bezugspunkt ist für Jugendliche die Gruppe
Gleichaltriger (was nicht ganz wörtlich zu verstehen ist), die
spontan zusammengekommene Freizeitgruppe, die Kum­
pels oder kurz: die Clique. Sie ist nur selten mit einer institu­
tionalisierten sozialen Gruppe, der Schulklasse, der SportAG oder der FDJ-Gruppe identisch. Vielmehr sind es pri­
mär gemeinsame Freizeitinteressen, die Jugendliche dieses
Alters zusammenführen, in einem Wohngebiet, in der Disko
oder in einem Jugendklub.
In solchen Gruppen finden die Jugendlichen, was sie auf der
Suche nach ihrem Platz in der Gesellschaft brauchen, näm­
lich eine Anerkennung ihrer wirklichen oder angenomme­
nen Probleme durch andere, Probleme, die —was wichtig ist
- nicht erklärt werden müssen, wie das Erwachsene gern for­
dern, sondern stillschweigend oder auch mit einem herzhaf­
ten sprachlichen Rippenstoß mitempfunden werden. Es sind
die gleichen Sorgen, Nöte oder Freuden, die eine Clique ver­
binden. Man sollte nicht unterschätzen, wieviel Takt, gegen­
seitige Rücksichtnahme, emotionale Solidarität sich in sol­
chen mitunter als recht lautstark empfundenen Gruppen
entwickeln kann. Für viele Jugendliche ist es eine der härte­
sten Strafen, wenn ihnen der Umgang mit ihrer Clique ver­
wehrt wird (wenn nicht gewichtige, einzusehende Gründe
vorliegen).
Das Zentralinstitut für Jugendforschung hat festgestellt, daß
entgegen allgemeinen Vorstellungen nicht das Fernsehen die
dominierende Rolle im Freizeiterleben der Jugendlichen
spielt. Nur Kinder einerseits und Erwachsene mit 30 und
mehr Jahren andererseits sind festes Fernsehpublikum; für
Jugendliche stehen Gruppenerlebnisse wie Tanzen, Kinobe­
such, Spaziergänge in der Werteliste ganz oben.
Außerdem ist die Freizeitgruppe der Ort, wo es um Rang­
streitigkeiten geht, wo Rivalitäten ausgetragen werden, wo
der einzelne seinen Platz in einer sozialen Gruppe sucht und
findet. Wer am originellsten die Gruppennorm vertritt, ge­
nießt das größte Ansehen. Deshalb sind Anreden wie
14

„He, Alter!“ oder „Na, du Mond!“, „Hallo, Puppe!“ als
freundschaftlicher Akt zu verstehen und kein Grund, belei­
digt seiner Wege zu gehen. Und auch hinter Wendungen wie
„Wenn ich so ’n Gesicht hätt’, dann würd’ ich mich beim
Zoo melden“ oder „Du hast wohl lange nicht aus dem Gips
gelächelt!“ wird selten ein Jugendlicher böswillige Absich­
ten vermuten. Eher wartet die ganze Gruppe darauf, wer das
letzte Wort hat, den besten sprachlichen „Gag landet“. Der
ist erst einmal ungekrönter Sieger, und das Gespräch kann
sich wieder ernsthaften Dingen zuwenden.
Eine Studentin hat in einer Untersuchung nachgewiesen,
daß derartige Ausdrücke selten Ausgangspunkt für ernst­
hafte Auseinandersetzungen sind. Oft empfindet es ein Ju­
gendlicher als demütigender, wenn er nicht angesprochen
wird, wenn man ihn nicht in das sprachliche Kräftemessen
einbezieht, ihm also keine angemessenen Reaktionen zu­
traut. Es gibt Situationen, in denen ein Jugendlicher lieber
hört, daß er „ein Rad ab“ habe, also ,nicht ganz richtig' sei,
als daß er überhaupt nicht angesprochen wird. Das sind
wichtige Motivationen für das Sprach verhalten Jugendli­
cher, die nicht immer nachvollziehbar sind. Allerdings sollte
das Problem auch nicht verniedlicht werden. Wird das
sprachliche Aufputschen zu einer Prestigefrage in der
Gruppe, kommt es zu Mißverständnissen, sind Ausschrei­
tungen nicht auszuschließen, ganz besonders, wenn der Al­
kohol mit im Spiel ist.
Auf diese Grundhaltung kann das mitunter unangenehm
wirkende Zur-Schau-Stellen von Jugendlichen zurückge­
führt werden, das Männchenmachen, das Imponiergehabe
soll sowohl innerhalb der Gruppe wie auch nach außen wir­
ken. Schließlich ist es auch kein unwichtiger Nebeneffekt,
daß man damit das andere Geschlecht beeindrucken kann;
man geht gleichzeitig ein bißchen auf die Balz oder auf die
große „Anmache“.
Jugendliche bilden aber nicht nur Freizeitgruppen. Die so­
ziale Großgruppe Jugend ist in sich wieder differenziert und
besteht aus verschiedenen sozialen Teilgruppen. Man unter­
scheidet POS- und EOS-Schüler, Lehrlinge, Studen­
15

ten, junge Arbeiter und Wissenschaftler. Jede Gruppe hat
ihre spezifischen Verhaltensnormen, ihre Zielvorstellungen
und auch ein gruppenspezifisches Sprachverhalten. Ein Ju­
gendlicher gehört danach gleichzeitig und nacheinander ver­
schiedenen Gruppen an: einer Klasse oder Schule, einer Pio­
nier- oder FDJ-Gruppe, einer Arbeitsgemeinschaft, einer
Abteilung oder einer Familie - und eben häufig auch einer
Freizeitgruppe. Von diesen verschiedenen Gruppen wird
auch sein individuelles Sprachverhalten geprägt, und er ge­
staltet das der Gruppe mit. In der Ausbildungsphase wird
Hochsprache gelehrt, die von fachsprachlichen Elementen
durchsetzt ist. Jugendliche sind durchaus in der Lage, sich
dieser hochsprachlichen Norm anzupassen. Erst im Bereich
der nicht-institutionalisierten Gruppen entwickelt sich das
jugendspezifische Sprach verhalten. Spontane Freizeitgrup­
pen können sich aus Teilen von institutionalisierten Grup­
pen zusammensetzen, aus Mitschülern, Mitgliedern von Ar­
beitsgemeinschaften oder Betriebsangehörigen. Nicht mit
Notwendigkeit verfügt eine Freizeitgruppe über ein auffälli­
ges Sprachverhalten, aber sie ist doch der Nährboden dafür,
was in diesem Rahmen als jugendspezifisches Sprachverhal­
ten gekennzeichnet wird.
Die Zugehörigkeit zu einer Gruppe bewirkt zweierlei: ein­
mal die Identifizierung mit einer Gruppe. Man kann „wir“
sagen, was mitunter sehr stärkend wirkt. Es bedeutet Ver­
standenwerden und Aufwertung des eigenen Ich. Zum ande­
ren ist damit auch eine Abgrenzung nach außen verbunden,
gegenüber den anderen, die nicht dazugehören.
Möglicherweise hängt es mit dieser Besonderheit zusam­
men, daß die jugendliche Sprechweise immer wieder in den
Bereich einer Sonder- oder Geheimsprache gerückt wurde
und leider auch noch wird. Daß Jugendliche nicht sofort ver­
standen werden wollen, haben sie mit anderen sozialen
Gruppen - man denke nur an Mediziner oder auch Skatspie­
ler - gemein. Sie haben aber auch mit ihnen gemein, daß die­
ses Nicht-verstanden-werden-Wollen nicht als eigentlicher
Zweck ihres Sprachverhaltens anzusehen ist.
Die Jugend ist also nicht über einen Kamm zu scheren.

16

Jede Teilgruppe entwickelt Eigenheiten, die sowohl Sprach­
liches wie Modisches, Einstellungen zu Mitmenschen wie
Vorstellungen vom Leben, Ideale, Sehnsüchte und reale All­
tagsprobleme berühren. Die Werteskala einer Gruppe um­
faßt das, was für die Angehörigen dieser Gruppe wichtig ist,
sie nimmt nicht auf, was sie nicht unmittelbar angeht. Das
schließt nicht aus, daß das nicht für den einzelnen von größ­
ter Bedeutung sein könnte, aber dann gehört es in den Werte­
bereich einer anderen sozialen Gruppe - der Familie, der
Schulklasse usw. Dieses Wertesystem bestimmt weitgehend
die Norm des Verhaltens; man braucht das nur einmal in der
Familie nachzuprüfen.
Diesen Verhaltensvorschriften paßt sich der einzelne an, und
er muß - will er nicht mit der Gruppe in Konflikt geraten diese Normen einhalten oder aus der Gruppe ausscheiden.
Damit unterliegt der Jugendliche dem, wovor er eigentlich
geflüchtet ist, nämlich einem mehr oder weniger strengen
Verhaltenszwang. Allerdings ist in der Clique die Unterord­
nung freiwillig, denn die Gruppe vermittelt Gemeinschafts­
gefühl. Auf den Sprachgebrauch übertragen heißt das, daß
der Jugendliche am Normgefüge mitarbeitet, daß er originel­
len Wortschatz, ausgefallene Vergleiche und treffende Wen­
dungen mit einbringen kann und soll, daß er aber auch ver­
pflichtet ist, sich dieser selbstgeschaffenen Norm zu unter­
werfen. Das ist u. a. ein Grund dafür, daß einzelne Wörter
schnell die Runde machen.

Jugend und Modeerscheinungen
Ist also alles nur eine Frage der Zeit? Fliegen die Jugend­
lichen, wie Kästner sagt, „auf den ersten besten Mist“? Kann
man das Ganze mit dem Stichwort „Modeerscheinung“ ab­
tun?
Für das einzelne Wort oder eine Wendung mag das zutreffen.
Erinnert sei nur an die Mode, ein junges Mädchen Zahn zu
nennen. Daraus resultierten Benennungen für ein ganzes
17

Gebiß: Milchzahn = sehr junges Mädchen, Fangzahn =
stolzes Mädchen usw. Heute werden Mädchen als Weib,
Käte oder Alte bezeichnet. Geblieben ist die Vorliebe für ju­
gendspezifische Benennungen für Mädchen. Sie sind eben
wichtig für das Jugendleben!
Anders entwickelten sich die Modewörter der 50er Jahre wie
Klasse, prima, toll. Waren Wörter wie prima oder toll damals
als bedeutungslose Wertungen verpönt, gehören sie heute
zum allgemeinen Wortschatz der Erwachsenen.
Eine besondere Entwicklung hat das Substantiv Klasse ge­
nommen. Abgeleitet von der Gradeinteilung 1. Klasse,
wurde es als allgemeines positives Werturteil gebraucht: Die
Sängerin ist (1.) Klasse., Danach entwickelte sich aus dem
Substantiv ein Adjektiv, das klein geschrieben wurde: Die
Sängerin ist klasse. Oder auch eine klasse Sängerin. Eine ana­
loge Entwicklung finden wir heute bei Wörtern wie Sahne,
Spitze, Messe oder Traum. Jugendliche schreiben mit der
größten Selbstverständlichkeit: Der Film ist träum. /Heute
war es wieder sahne. Daraus kann eine Schlußfolgerung ab­
geleitet werden: Der Wortschatz der Jugendlichen unterliegt
— genau wie bei den Erwachsenen - bestimmten Modeströ­
mungen. Allerdings wirken die Wörter der Jugendlichen
kräftiger, stärker in ihren bildhaften Vergleichen, treffen bes­
ser den „Ton“. Nicht zuletzt deswegen werden sie so gern
von den Erwachsenen übernommen, die damit zur Verbrei­
tung dieser Modewörter beitragen. Mag aber auch das ein­
zelne Wort schnell wieder aus dem Sprachgebrauch ver­
schwinden, gewisse Trends bleiben.
Die Herkunft dieser speziellen Wörter ist nur in seltenen Fäl­
len nachzuweisen, da im Prinzip jede sprachliche Erschei­
nung geeignet ist, als Modeerscheinung verwendet zu wer­
den. Das können Dialektwörter sein, Wörter und Wendun­
gen aus dem allgemeinen Wortschatz, die von Jugendlichen
umgeformt oder umgedeutet werden, und schließlich gehö­
ren auch Anglizismen und Amerikanismen dazu.
Film, Funk und Fernsehen haben hier Vorbildwirkung. Das
hängt auch mit der Alterssituation zusammen. Mit 14Jahren können die Jugendlichen häufiger Abendsendun-

18

gen - vorrangig Unterhaltungssendungen - im Fernsehen
konsumieren, sie sehen bestimmte Filme und besitzen einen
eigenen Kassettenrecorder, wodurch sie besonders beliebte
Titel immer wieder abspielen können. Die Massenmedien
sind also durchaus an Aufkommen und Verbreitung dieser
Modewörter beteiligt. Einige Jugendliche führen beispiels­
weise eine gehäufte Verwendung der positiven Wertung
Wahnsinn auf den beliebten Film „Beat Street“ zurück.
Jugendspezifisches Sprachverhalten ist wie Kleidermode,
Haartrachten oder die Bevorzugung bestimmter Musikrich­
tungen eine internationale Erscheinung. Es ist eine Tatsache,
daß durch eine starke Vermarktung der jugendlichen Interes­
sen in der BRD Einfluß auf den Wortgebrauch in anderen
deutschsprachigen Ländern ausgeübt wird. Es ist aber
ebenso eine Tatsache, daß oft nur die sprachlichen Hüllen,
die als immer wiederkehrende Reizwörter als sehr eingängig
von den Jugendlichen in der DDR zwar übernommen, aber
mit neuen, den gesellschaftlichen Realitäten entsprechenden
Inhalten versehen werden. Dazu gehören z. B.:
Joint-Haschisch (BRD); Zigarette, Kaffee (DDR)
Stoff - Droge (BRD); Geld, Getränk (DDR)
Wichtig für die Einprägsamkeit ist, daß durch das Wort oder
die Wendung eine Situation oder Haltung deutlich umrissen
wird. Wenn man modern sein will - und wer will das nicht
von den Jugendlichen? -, muß man hin und wieder ein ge­
rade gängiges Wort gebrauchen.
Da die Übernahme nicht immer gleichzeitig mit der Kennt­
nis der Situation erfolgt, kann es zu Gebrauchsüberschnei­
dungen kommen, die bei dem Wort ätzend zu beobachten
waren. Jugendliche gebrauchten anfangs das Wort in positi­
ver und in negativer Wertvorstellung oder - als Variante dazu
- weder positiv noch negativ, sondern im Sinne von »außer­
gewöhnlich4, »aufregend4. Erst in letzter Zeit hat sich der
Gebrauch bei der negativen Bewertung eingepegelt. Eine
solche Unentschiedenheit in der Verwendung ist Indiz für
die Verbreitung eines Einzelwortes und bei mündlichem
Sprachgebrauch häufiger zu beobachten. Erst in der schrift19

liehen Form, in Briefen, Massenmedien oder Büchern, ver­
deutlicht der Kontext die Bedeutung dieser Wörter. Aber und das ist ein wichtiger Faktor beim Verständnis des ju­
gendlichen Sprachverhaltens — sobald ein Wort erst einmal
schriftlich verwendet wird (außer in sehr privaten oder sehr
emotional gefärbten Briefen), ist es für Jugendliche schon
kein Jugendwort mehr, ist es in einem sehr strengen Sinne
schon nicht mehr jugendspezifisch. Es veraltet und scheidet
aus dem aktiven Sprachgebrauch aus (vgl. Zahn) oder wird
Bestandteil der allgemeinen Alltagssprache.
Letzteres kann man zum gegenwärtigen Zeitpunkt sehr gut
an dem Wort echt ablesen. Von Jugendlichen in der Bedeu­
tung ,sehr‘, ,sehr gut',.,wirklich', aber auch als Aufforde­
rung zum Zuhören gebraucht, fand es bald Eingang in die sa­
loppe Alltagsrede der Erwachsenen und gehört heute schon
in die gehobene mündliche Kommunikation; diese Bedeu­
tungsvariante wird sicher auch bald in den einschlägigen
Wörterbüchern äuftauchen. Erwachsene distanzieren sich
beim Gebrauch mitunter noch mit der Floskel „Wie man so
schön sagt“ von einer spontanen Anerkennung des Wortes.
Für den Siegeszug von echt seien zwei mögliche Ursachen
genannt. Echt hat eine ausgeprägt emotionale Komponente,
die durch ähnliche Wörter (sehr, wirklich, gut) nicht abge­
deckt wird. Zwischen den beiden folgenden Beispielen be­
steht ein bemerkenswerter Unterschied im Inhalt der Aus­
sage, aber auch in der Einstellung des Sprechers zu dem, was
er sagt:
Der Junge hat sich sehr angestrengt.
Der Junge hat sich echt angestrengt.

Für das Weiterleben von jugendspezifischen Ausdrücken in
der Alltagsrede der Erwachsenen lassen sich auch noch an­
dere Ursachen nennen. Soziale Sicherheit und Fürsorge, das
Eingebundensein in ein Arbeitskollektiv über viele Jahre las­
sen Eltern länger jung bleiben; Großeltern sehen gar nicht
wie Oma und Opa im Märchenbuch aus, Mutter und Toch­
ter bevorzugen die gleichen modischen Attribute. Warum
sollte es im Sprachverhalten anders sein? Eltern passen sich
20

auch sprachlich an, geben sich in ihrer Sprechweise jugend­
lich und greifen beliebte Wörter auf, um sich mit ihren Kin­
dern auf einer Ebene zu verständigen. Sie vergessen dabei al­
lerdings, daß sie damit dieses Wort den Jugendlichen weg­
nehmen und sie somit zwingen, dafür Ersatz zu schaffen: ein
Kreislauf, der die Schnellebigkeit einzelner Wörter und Wen­
dungen nicht unwesentlich beeinflußt.
Diese an und für sich positive Erscheinung kann aber auch
zu einer Unsitte führen, wenn 'jugendspezifischer Wort­
schatz aus dem Zusammenhang gerissen, nachgeahmt und
bzw. oder in unzulässiger Häufung gebraucht wird. Es ist
wie mit dem Vögel, der sich gern mit fremden Federn
schmückt! Alles paßt nicht für jedermann und überall.
Ein anderer Gesichtspunkt kann deutlich machen, daß die
Erwachsenenrede geradezu mit Notwendigkeit von jugend­
spezifischen Ausdrücken durchsetzt wird. Jugendliche blei­
ben nicht immer Jugendliche, sie werden mit etwa 18 Jahren
Mitglieder neuer Arbeits- und Lernkollektive, die sich nicht
nur aus Jugendlichen zusammensetzen. Die gewohnten
Freizeitgruppen lösen sich auf, die Jugendlichen überneh­
men Verantwortung, erziehen eigene Kinder und versuchen
ihnen Vorbild zu sein - auch sprachlich.
Aber die Jugendlichen ändern nicht schlagartig ihr Sprach­
verhalten; gewohnten Wortschatz behalten sie bei, nehmen
ihn mit in die neuen Kollektive und verbreiten ihn so unter
den Erwachsenen, die ihn gewöhnlich wegen seines exoti­
schen Charakters begierig aufnehmen - der Kreislauf ist ge­
schlossen. Damit erhält ein Teil des jugendspezifischen
Wortschatzes Allgemeingültigkeit. Das schließt nicht aus,
daß die Hauptbenutzergruppe die Jugendlichen bleiben, wie
das z. B. bei echt der Fall ist.
Ein einzelnes Wort ist nicht immer aussagekräftig. Jugend­
liches Sprachverhalten ist im Zusammenhang mit Mimik
und Gestik zu sehen; ebenso wie Kleidung, Frisuren und
spezielles modisches Beiwerk eine deutliche Sprache spre­
chen. Zum Beispiel ist die Wendung Und dann machte ich
diesen generell mit einer verdeutlichenden Handbewegung
gekoppelt, die die entsprechende Handlung andeutet:

21

schlafen, Umfallen, sich übergeben, sich bei jemandem an­
lehnen usw.
Auch die Wendung Der war gut kann sich auf einen Wort­
witz, eine Handlung, eine Reaktion oder ein Mißverständnis
beziehen, der kann alles Mögliche sein.
Verschiedene Teilgruppen geben sich ein unverwechselbares
Äußeres durch Lederkleidung, durch einen Grundton
Schwarz in allen Kleidungsstücken, durch regenbogenfar­
bige Haarschöpfe oder durch Schnürstiefel; sie (Jungen und
Mädchen) tragen ihr Haar entweder kurz oder extrem lang
und schwören auf einige Musiktitel, die die einzig akzepta­
blen sind. Sie nennen sich selbst Punker, Tramper oder Sof­
ties, ohne recht zu wissen, was sie darunter verstehen sollen.
Wichtig ist wohl vor allem das Sichabheben von anderen, die
ganz spezielle eigene Gruppennote. Dazu wieder ein Bei­
spiel aus der Straßenbahn:
„Guten Tag!“
„Guten Tag! Wie seid ihr denn am Sonntag noch heimgekom­
men?“
„Ach, danke, sehr gut. Und ihr?“
„Danke, ja, doch, auch gut. Es kam noch ’ne Bahn.“
„Ach, ja? Da habt ihr Glück gehabt.“ usw., usf.

Das wäre an und für sich noch nicht bemerkenswert, wenn es
sich nicht um Jugendliche gehandelt hätte, die mit überwei­
ten Pluderhosen und mit blonden Strähnen (es waren Jun­
gen!) eingefärbtem und mit Zuckerwasser oder Gel gestyl­
tem Haarschopf auffallend genug waren. Die Erwartungs­
haltung manches Zuhörers war also auf lautstarke Jugendli­
che orientiert, die sich mit einem höchst auffallenden Wort­
schatz verständigen. Allerdings sind diese „feinen“ Dialoge
keine absolute Ausnahme. Einzelne Hörbelege mit altertümelnder Ironisierung lassen zumindest aufhorchen: „Du
bist aber wieder gar garstig zu mir. “ „ 'Wollen wir nicht eine
Rast einlegen?“ (hier: ,ein Bier trinken') u.a.m. Vielleicht
sind sie gerade das Neueste, der letzte Schrei, zumindest für
einzelne Teilgruppen? Jugendliche sind immer für eine Über­
raschung gut.
22

Dieses Nebeneinander von Extremen ist etwas durchaus Ju­
gendspezifisches und kann sich in der Gesamtheit zu einem
harmonischen Ganzen fügen. Jugendliche der 60er Jahre re­
voltierten gegen die Kleiderordnung des Krawattenzwangs und zwängten sich scharenweise in zu enge Jeans. Ulrich
Plenzdorf hat das in seinem Buch „Die neuen Leiden des jun­
gen W.“ in Worte gefaßt: „Jeans sind die edelsten Hosen der
Welt. Dafür verzichte ich doch auf die ganzen synthetischen
Lappen aus der Jumo, die ewig tiffig aussehen. Für Jeans
könnte ich überhaupt auf alles verzichten, ... Ich meine na­
türlich echte Jeans ... Wer echter Jeansträger ist, weiß, wel­
che ich meine. Was nicht heißt, daß jeder, der echte Jeans
trägt, auch echter Jeansträger ist. Die meisten wissen gar
nicht, was sie da auf dem Leib haben. Es tötete mich immer
fast gar nicht, wenn ich so einen fünfundzwanzigjährigen
Knacker mit Jeans sah, die er sich über seine verfetteten Hüf­
ten gezwängt hatte und in der Taille zugeschnürt. “
Heute sind andere Themen an der Tagesordnung, aber die
Konsequenz der Einstellung ist geblieben. Wenn Plenzdorf
der Meinung ist, daß er sein Buch heute nicht mehr so schrei­
ben würde, dann liegt das nicht nur an der Sprache. Die
Jeans-Problematik ist in dieser Form heute kein Thema
mehr. Wenn also über jugendspezifisches Sprachverhalten
gesprochen wird, dann ist das Was ebenso wichtig wie das
Wie. Erst beides zusammen macht die eigentliche Jugend­
spezifik aus.

Die Kraft der Wörter - sprachliche Signale seit
Generationen
Bei der Suche nach den Ursprüngen der jugendspezifischen
Sprechweise stößt man gelegentlich auf Hinweise, daß die
Jugend „schon immer“ nach ihren Ausdrucksmitteln ge­
sucht und sie auch gefunden hat. Wie wäre sonst beispiels­
weise eine Periode des Sturm und Drang zu verstehen. Un­
tersuchungen zum Sprachverhalten haben dabei allerdings
23

Seltenheitswert. Deshalb ist ein Text aus der Erzählung
„Unordnung und frühes Leid“ von Thomas Mann, dem gro­
ßen Sprachkenner, aus dem Jahre 1925 sehr aufschlußreich:
„.. .und die Großen verhandeln im Jargon des Kreises, ei­
nem Rotwelsch voller Redensartlichkeit und Übermut, von
dem die ,Greise' selten ein Wort verstehen.“ Die „Großen“
sind die beiden großen Kinder, Studenten, und die „Greise“
sind natürlich die Eltern, die auch schon vor über 50 Jahren
ihre Kinder nicht immer verstanden haben.
Thomas Mann liefert auch gleich ein Beispiel für die „Redens­
artlichkeit“ der Jugendlichen: „,Herr Professor' sagt er im
Tone aller Hergesells und dienert jugendlich, ... wollen Sie
ausgehen? Das ist eine ganz blöde Kiste mit meinen Pumps,
sie drücken wie Karl der Große. Das Zeug ist mir einfach zu
klein, wie sich herausstellt, von der Härte ganz abgesehen.
Es drückt mich hier auf den Nagel vom großen Zeh', sagt er
und steht auf einem Bein, während er den anderen Fuß in
beiden Händen hält, ,daß es knapp in Worte zu fassen ist. Ich
habe mich entschließen müssen, zu wechseln, die Straßen­
schuhe müssen nun doch dran glauben ... Oh, darf ich Ih­
nen behilflich sein?' -, Gleich tanze ich wieder mit Lorchen',
ruft Hergesell ihm noch nach. ,Das wird mal eine prima Tän­
zerin, wenn sie in die Jahre kommt. Garantie!'“ Und der
Herr Professor geht, entzückt von der Höflichkeit des jun­
gen Mannes, der ihm beim Anziehen behilflich ist, anderer­
seits etwas entnervt vom „Jargon des Kreises“.
Die Ähnlichkeit mit unserem Ausgangstext liegt auf der
Hand. Jugendliche der 80er Jahre würden sicher einige Wör­
ter austauschen: die Botten wären der blanke Horror oder
echt belastend und drückten wie 1000000 Mann, die prima
Tänzerin Thomas Manns würde sich irre schaffen. Der gan­
zen Aussage würde mit einem echt mal oder ehrlich Nach­
druck verliehen.
Einiges kann man im jugendspezifischen Sprachverhalten of­
fenbar verallgemeinern. Dazu gehört eine gewisse Breite der
Darstellung, die den Sachverhalt immer von neuem dreht
und wendet,, ohne etwas Neues zu sagen. Auch eine merk­
würdige Mischung zwischen gehobener und salopper
24

Sprechweise ist typisch für diese Ausdrucksweise: sich ent­
schließen müssen zu wechseln, darf ich Ihnen behilflich sein —
blöde Kiste, das Zeug usw. Ebenso typisch ist die Wertung
dessen, worüber gesprochen wird, entweder durch wertende
Adjektive (blöde), durch übertreibende, originelle Verglei­
che (drücken wie Karl der Große), auch gewagte sprachliche
Verknüpfungen haben wertende Funktion (die Straßen­
schuhe müssen dran glauben). Daß der nachdrückliche Ab­
schluß (Garantie!) auch dazuzurechnen ist, versteht sich fast
von selbst. Hinter jeder Wendung steht auf jeden Fall die
Lust am Sprachspiel, der Wunsch, durch außergewöhnli­
chen Sprachgebrauch zu verblüffen und sich - und das, was
man zu sagen hat, - ins rechte Licht zu setzen. Es hat sich in
den Jahren nichts daran geändert. Mancher Jugendliche ist
vielleicht sogar enttäuscht, daß er gar nicht so originell ist,
wie er geglaubt hat.
Wenn Thomas Mann in den meisten Dingen auch Recht hat,
so sollte man jugendspezifisches Sprachverhalten doch nicht
in die Nähe des Rotwelschen rücken. Rotwelsch, die Ge­
heimsprache der Bettler, Gauner und umherziehenden
Händler, ist aus ganz anderen Beweggründen entstanden als
die Jugendsprache. Das Rotwelsch entwickelte sich aus der
Not der Unterdrückten, sich gegen eine übermächtige Ob­
rigkeit wehren zu müssen. Landstreicher ohne Arbeit ver­
ständigten sich darüber, wo eine Schlafstelle, wo ein freigebi­
ger Mensch zu finden war. Wehrlose Gefangene entwickel­
ten Zeichensysteme, um ihr schweres Los zu erleichtern.
Wer jugendliches Sprachverhalten in die Nähe von Sonder­
sprachen wie das Rotwelsch rückt, läuft Gefahr, Jugendli­
chen ähnliche Motive wie den genannten Gruppen zu unter­
stellen. Andererseits werden Jugendliche so oft falsch oder
überhaupt nicht verstanden, daß der Gedanke, sie würden
gezielt eine Geheimsprache entwickeln, mit großer Hartnäkkigkeit immer wieder aufgegriffen wird. Deswegen hat sich
auch die Bezeichnung Jugendsprache' sehr schnell durchge­
setzt (sicher in Anlehnung an Geheim-, Bettler-, Soldaten-,
Schüler- und Studentensprache), obwohl es sich vorrangig
um einen spezifischen Wortschatz mit bestimmten gramma­

25

tischen Verwendungsvarianten handelt. Jugendliche nehmen
aus Fachsprachen, Mundarten, dem Wortschatz der allge­
meinen Umgangssprache, aus Fremdsprachen und u. U.
auch aus Gruppensprachen wie dem Rotwelschen Wörter
und Wendungen und deuten und formen sie nach ihren Be­
dürfnissen um, wenn ihnen im Allgemeinwortschatz kein
geeignetes sprachliches Mittel zur Verfügung steht. Dabei
handelt es sich nicht um bloße Übersetzungen aus der Hoch­
sprache, sondern um einen Wortschatz, der auch Spezifi­
sches zum Inhalt hat. Es fehlen heute noch befriedigende
Untersuchungen darüber, wie die Bedürfnisstruktur der Ju­
gendlichen in diesem Bereich aussieht. Über Jahrzehnte hin­
weg läßt sich nachvollziehen, daß bestimmte Bereiche im­
mer wieder das Interesse der Jugendlichen auf sich gezogen
haben. Das sind: Mädchen/Jungen, Freundin/Freund, El­
tern, Geld, Musik, Fahrzeuge. Die größte Variationsbreite
haben positive oder negative Wertungen. Es ist nicht immer
ganz leicht, dem einzelnen sprachlichen Element seinen
richtigen Stellenwert im jugendlichen Sprachgefüge zuzu­
ordnen. Im Detail ist es schwierig, Wertvorstellungen der Ju­
gendlichen zu erfassen, nicht immer ist die Werteskala einer
Kleingruppe, wo jeder jeden kennt, verallgemeinerbar.
Bei einer Befragung von willkürlich ausgewählten Jugendli­
chen, was denn ein irrer Typ sei, zeigte sich das besonders
deutlich. Abgesehen von der generellen Schwierigkeit, die
Jugendliche haben, wenn sie ihren Wortschatz „übersetzen“
sollen, vjurden die verschiedensten Erklärungen abgegeben:
Benennung für Jungen, für Jungen und Mädchen, für Jun­
gen und Mädchen mit besonderen Eigenschaften, Jugendli­
che bis ca. 18Jahre, Jugendliche und Erwachsene männli­
chen Geschlechts usw. An Eigenschaften wurden aufge­
führt: vorbildlich, anders als die anderen, cool, paßt sich
nicht an, kann sich gut anpassen, macht alles mit, liebt das
Besondere. Es bleibt nur der Schluß, daß jeder seinen irren
Typ bei der Erklärung vor Augen hatte, der möglicherweise
mit der Bandbreite gut - schlecht gar nicht zu erfassen ist.
Und trotzdem funktioniert die Verständigung unter den Ju­
gendlichen gewöhnlich ohne Probleme. Die Spezifik muß

26

also noch an anderen Kriterien zu messen sein. Vielleicht
gibt darüber folgender Dialog aus dem Radio mehr Auf­
schluß:
Sohn: „Schnallste, wat ik sage?“
Vater: „Nee, nich 60 richtig. Een Eierschneider?“
Sohn: „Ach, det is ne Klampfe. Jitarre uf hochjermanisch.“
Vater: „Und warum erzählste das denn nicht uf hochjerma­
nisch?“
Sohn: „Det kommt nich mit Kraft. Det jeht steil nach hinten
los. Du mußt die Macht von de Wörters richtig erkenn!“

Das ist - wenn vielleicht auch nicht ganz realistisch formu­
liert — das ganze Anliegen: Mit Kraft die Macht — Power! der Wörter auskosten. Auch wenn es nicht immer elegant
klingt (Kraft ist nicht unbedingt mit Eleganz gekoppelt).
Aber es ist vollkommen eindeutig und nachvollziehbar,
wenn etwas steil nach hinten losgeht. Mag das Bild auch logi­
schen Nachfragen nicht standhalten - geht nicht etwas steil
nach oben los? -, es kommt wirklich mit Kraft.
Am Einzelwort läßt sich oft und gut die Besonderheit desju­
gendspezifischen ablesen. Dabei ist aber nur die Spitze des
Eisberges erfaßt. Die nur selten geglückten Versuche, in der
Belletristik Jugendsprache anzuwenden, zeigen deutlich,
daß es nicht an der Verwendung des Einzelwortes liegt, son­
dern daß vor allem der Ton der Jugendlichen getroffen wer­
den muß.
Erst das ausgewogene Verhältnis von Einzelwort und Text,
das Zusammenspiel von Wortschatz und Grammatik, das de­
likate Verhältnis von Alltagssprache und jugendspezifischer
Wendung als sprachliches Signal machen aus Alltagstexten
Jugendtexte. Signale sind nicht nur die schrillen, aufreizen­
den Modewörter, sondern oft auch die Zusammenstellung
einer Wörtgruppe, bestimmte Frequenzen im Gebrauch, die
Abweichung einer Bedeutung vom allgemeinen Usus und
schließlich auch das, was nicht ausgesprochen wird.
Die Sammlung einzelner Wörter und Wendungen ist aber
erst einmal wichtig und nützlich, um einen Zugang zur
Sprechweise der Jugendlichen zu finden. Diese Einzelwör­
27

ter haben zwei wichtige Funktionen: die Markierung der
Werteskala von Jugendlichen und die Signalfunktion in Tex­
ten, die dadurch als jugendspezifische Texte identifiziert
werden können. Dieser Signalcharakter kann so eindrucks­
voll sein, daß er die gesamte Textbeurteilung beeinflußt. Ju­
gendliche und Erwachsene haben beispielsweise einen Text
aus der saloppen Alltagsrede eindeutig als solchen eingeord­
net; der gleiche Text mit einem jugendspezifischen Mode­
wort wurde generell als Jugendtext identifizieret (wobei die
Jugendlichen bemerkenswerterweise nicht immer sicher
waren in ihrer Einschätzung). Diese Überbewertung eines
einzelnen sprachlichen Signals kann aber auch zu Fehlinter­
pretationen führen. In Jugendbüchern werden noch zu oft
solche Signalwörter (oder leider auch Vulgarismen) aneinan­
dergereiht, um den jugendlichen Ton zu treffen. Jugendliche
urteilen eindeutig über solche mißglückten Versuche: „Wir
verstehen das zwar, aber wir reden nicht so!“ Es genügt of­
fensichtlich, jugendspezifische Signalwörter sparsam zu ver­
wenden - dann aber am richtigen Platz. Das führt folgerichtig
zu Untersuchungen, die über Wortsammlungen hinausge­
hen und ganze Texte in den Mittelpunkt des Interesses rükken. Bei der Arbeit am Wortschatz der Jugendlichen sind al­
lerdings noch Fragen offen.

Woher kommen die Wörter?
Darauf zu antworten ist im allgemeinen leicht, aber manches
Detail fehlt noch.
Die jugendspezifische Sprechweise basiert auf dem System
der deutschen Gegenwartssprache, wie es in der DDR ge­
braucht wird. Das bedeutet, daß die Jugend kein eigenes
sprachliches System entwickelt, das vorhandene aber ent­
sprechend den eigenen Interessen verwendet. Die vorhande­
nen sprachlichen Mittel werden so umgeformt, teilweise ent­
stellt, neu zusammengefügt und mit veränderten Bedeutun­

28

gen versehen, daß ein gruppenspezifisches Inventar entsteht,
das nicht allgemein verständlich ist.
Dabei werden bestimmte sprachliche Mittel bevorzugt ange­
wandt:
a) Umdeutungen sind das übergreifende, generelle Prin­
zip, wodurch sprachliche Mittel für den gruppenspezifi­
schen Gebrauch aufbereitet werden. Es ist ein bekannter
Vorgang, daß einem Wort eine neue Bedeutung zugeordnet
wird. Nicht immer ist dabei nachzuvollziehen, aufgrund
welcher gedanklichen oder äußeren Vorgänge die Übertra­
gung erfolgt, z. B. 'Zahn = Mädchen, Hirsch = Motorrad.
In anderen Fällen kann man die Gedankenkette mitverfol­
gen, z. B. geil = sehr gut/allgemeine positive Wertung; dazu
kommt der Nebeneffekt, daß Erwachsene durch den Ge­
brauch des Wortes geschockt werden können, was sicher zu
dessen Beliebtheit beigetragen hat.
b) Im Prozeß der Umdeutung fällt die Tendenz zur Polyse­
mie auf. Da Jugendliche (wie auch andere soziale Gruppen)
nicht beliebig neuen Wortschatz erfinden können, sind sie
gezwungen, den vorhandenen Wörtern neue Bedeutungen
zu unterlegen. Bei sehr beliebten Formen werden gleichzei­
tig einem Wort mehrere Bedeutungen zugeordnet, deren
Einzelbedeutung erst im Text konkretisiert werden kann,
z. B. Asche — pulveriger Rückstand verbrannter Materie
(nach dem Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache).
Jugendspezifisch gibt es dazu u. a. folgende Bedeutungsva­
rianten: Geld, Arger, Unsinn; negative Wertung.
c) In ihrer Bedeutung veränderte Wörter werden häufig in
festgefügten Wort- und Satzformen verankert: Du
hast wohl lange nicht mit einer Krankenschwester geflirtet?,
einen Riß in der Schüssel haben, etwas hohl finden. Dazu ge­
hören auch bekannte Wendungen, die nur einzelne Elemente
verändert haben: einen im Tee haben.
d) Gerade diese festen Formen verführen zu Analogiebil­
dungen. Vor allem, wenn eine Grundstruktur erst einmal
erfolgreich verwendet wurde, werden nach diesem Muster
neue Ausdrücke gebildet: Ich denk’, mein Sparschwein
quiekt / mein Hamster bohnert / mein Trecker humpelt
29

u. a. m.; etwas geht auf den Docht / den Keks / die Ketten /
aufs Schwein usw.; das geht los wie ’s Tier / wie in Turnschu­
hen / wie Ziesche / wie 'ne Tüte Senf
e) Der jugendspezifische Wortschatz wird aber nicht nur
dem Allgemeinwortschatz der deutschen Gegenwartsspra­
che entnommen, sondern auch aus Sonderwortschätzen ver­
schiedenster Bereiche (meist in leicht veränderter Form).
Dazu rechnen wir Fachwörter aus verschiedenen Berufen:
etwas drauf haben (Musik), jemandem einen Scheitel ziehen
(Friseur).
Auch Regionalismen (Wörter, die noch ihre ehemalige Zuge­
hörigkeit zu einer Mundart erkennen lassen) sind in jugend­
lichen Gesprächen anzutreffen und werden von anderen
nachgeahmt. Dabei hat die Berliner Stadtsprache generelle
Vorbildwirkung; Berlin wird von den meisten Jugendlichen
als Umschlagplatz für neue Ausdrucksmittel angesehen. So
ist ein großer Teil des vorliegenden Materials zuerst in Berlin
gebraucht worden (fetzt, poppt), obwohl hier keine Beispiele
aufgenommen wurden, die nicht auch außerhalb Berlins Ver­
wendung finden. In den nördlichen und südlichen Bezirken
der DDR werden Dialektwörter bei Jugendlichen gezielt in
jugendspezifischen Texten eingesetzt. Es liegen noch keine
gesicherten Untersuchungen vor, aber es sprechen einige In­
dizien dafür, daß die derzeit zu beobachtende Hinwendung
der Jugendlichen zum Dialekt auch mit dem Wunsch zusam­
menhängt, sich von den Stadtsprachen zu distanzieren. Da­
durch erhalten die Dialektwörter einen neuen sozialen Sta­
tus. So kann es passieren, daß sächsisches rumlabern in Ber­
lin als jugendspezifisch eingestuft wird.
Und schließlich ist nicht zu leugnen, daß einzelne Wörter
aus dem Rotwelschen kommen und jugendspezifisch inter­
pretiert werden, z. B. alle Wendungen mit Bock, eventuell ist
auch fetzen dazuzurechnen.
f) Auch Archaismen (Wörter und Wendungen, die im
Sprachgebrauch veralten oder schon veraltet sind) werden
von Jugendlichen wiederentdeckt und notfalls uminterpre­
tiert. Die Ursachen für das Veralten sind unterschiedlich.
Einmal veralten Wörter, weil die damit bezeichneten Gegen30

stände nicht mehr existieren oder weil neue Wörter die alten
verdrängen, nachdem sie einige Zeit nebeneinander existier­
ten. Eine andere Ursache scheint zu sein, daß Wörter und
Wendungen nur noch in einer sehr gehobenen Stilschicht
Verwendung finden und durch die Seltenheit des Gebrauchs
langsam in Vergessenheit geraten. Dazu gehören z. B.:
Klampfe - Konzert- oder Elektrogitarre
Grimm haben - sich ärgern
Rast machen - in eine Kneipe gehen
g) Wie in der deutschen Gegenwartssprache allgemein, so
läßt sich auch in der Sprechweise der Jugendlichen beobach­
ten, daß Wörter und Wendungen aus Fremdspra­
chen aufgegriffen und den eigenen Bedürfnissen angepaßt
werden: cool, Freak, No future. Viele Wörter werden über
den Bereich der Musik eingeschleust: Sound, Feeling. Witzig
sind Eindeutschungen oder gemischte Formen: losjumpen,
high - Hai - Tee-Hai (Liebhaber von Tee).
h) Schließlich sei noch auf bestimmte Wortbildungsmo­
delle und grammatische Umdeutungen verwiesen,
die in der Sprechweise der Jugendlichen sehr produktiv sind:

Vorsilben:
ab- abducken, abmatten - schlafen
abfahren auf etwas - etwas gefällt
ablachen - sehr lachen
rum- rumhängen - sich langweilen, sich befinden
rummotzen — sich aufregen, schimpfen
weg- wegfaulen - sich wundern
sich wegschmeißen, -fetzen - sehr lachen, sich wun­
dern
Substantive als Adjektiv gebraucht:
Diese Veränderung erfahren in der Sprechweise der Jugendli­
chen besonders beliebte und daher häufig verwendete wer­
tende Substantive, die dann nicht nur als Teil des Prädikats,
sondern auch - wie ein Adjektiv—als nähere Bestimmung an­
derer Substantive Verwendung finden, z. B.:
Die Gruppe ist Sahne.

31

Das ist ’ne sahne Gruppe,
ähnlich: Messe, Null, Traum, Welt

Adjektive, die zu Verben werden:
Auch diese Umformung kann in ihrer Spezifik nur innerhalb
der Gruppe verstanden werden.
faul - faul sein - faulen
Ich faule heute. (Ich mache heute nichts.)
dazu: wegfaulen - Ich könnte wegfaulen. (Ich wundere
mich.)

32

Inhaltliche Gliederung der Wörter und
Wendungen
Jugendliche treffen sich
Sie beginnen ein Gespräch
Hallo!

Hallo! Wie geht's?
> Begrüßung für Einzelpersonen und Gruppen
syn.: Ahoi! Hallo again! Hei! Na, du/ihr! Salut! Salve! Schalom! Servus! Gruß!
Tritt ein einzelner zu einer Gruppe und will sich am Ge­
spräch beteiligen, zieht er die Aufmerksamkeit mit einer Ein­
leitefloskel auf sich.

Eh/Ejh
Eh, haste den Film auch gesehn?
syn.: Also ..., Also, echt mal jetzt..., Ehrlich ..., He ...,
eh ..., Na, Fakt...

Sie reden sich freundschaftlich an
Die Anrede ist gewöhnlich mit einer Begrüßung oder Einlei­
tefloskel verbunden.
Tussi
Eh, Tussi, tanz mer mal?
> Anrede für Mädchen
syn.: Alte, Käte, Schwester, Süße, Torte, Zarte

33

Kumpel
Hallo, Kumpel, haste mal 'ne Lulle?
> Anrede für Jungen
syn.: Alter, Eumel, Flachsauge, Freak, Socke, Torte, Zarter

Leutschers
He, Leutschers, habt ihr die Tussis gesehen?
> Anrede für Jungen und Mädchen
syn.: Fans, Kumpels, Leute, Massen
Ist die Anrede negativ gemeint und als Schimpfwort zu ver­
stehen, wird sie gewöhnlich mit „du‘7„ihr“ oder „du alte(r)“ gekoppelt, was sehr nachdrücklich wirkt.
Gesichtseimer
Eh, du Gesichtseimer! Was machst'n da?
> negative Anrede bzw. Schimpfwort für Jungen
syn.: Arsch, Buschplahudi, Chaote, Flaschenhals, Gesichts­
fünf, Hohlroller, Keim, prasseldummes Pförtnerkind, tote
Hose, du alter Schneckenschiß

Schnalle
He, du alte Schnalle! Schnüffel hier nicht rum!
> negative Anrede bzw. Schimpfwort für Mädchen
syn.: prasseldummes Pförtnerkind, alte Schlampe, Schreck­
schrulle, Spinatwachtel
Knackies
Hallo, ihr Knackies!
> negative Anrede bzw. Schimpfwort für eine Gruppe, Zu­
rückweisung
syn.: Assis, Chaoten, Gipsköppe, Hohlroller

Wir wollen hier kein Wörterbuch der Schimpfwörter zusam­
menstellen, der kleine Ausschnitt soll genügen. Viele Klein­
gruppen konstruieren ihre individuellen Anreden, die nicht
unbedingt verallgemeinerbar sind, und gebrauchen sie groß­
34

zügig als allgemeine Anrede oder als Schimpfwort. Es ist
deshalb nicht immer eindeutig festzustellen, wann eine An­
rede zu einer negativen Wertung oder gar zum bösartigen
Schimpfwort wird. Jugendliche können das je nach Situation
sehr genau einschätzen, für einen Außenstehenden ist das
schon schwerer. Dazu ein Beispiel:
Eh, du Arsch!

(1) Eh, du Arsch! Hau ab, du hast hier nichts zu su­
chen!
(2) Eh, du Arsch! Hab dich lange nicht gesehn. War­
um kommste denn nicht mal?
Im Beispiel (2) wirkt die Anrede - vor allem, wenn sie von ei­
nem freundschaftlichen Rippenstoß oder einer ähnlichen
Geste begleitet ist - freundschaftlich-salopp. Das Vulgäre an
dem Ausdruck wird kaum bewußt, dagegen soll (1) bewußt
vulgär wirken, damit es als eindeutige Drohung verstanden
wird.

Sie wenden sich schnell anderen Dingen zu
Das kann bedeuten, daß sie einen Satz beenden, sich einem
neuen Gedanken zuwenden oder das Gespräch überhaupt
abschließen wollen. Wir haben in der genannten Reihenfolge
einzelne Beispiele geordnet.
Ägypten
A: Kannst du mir mal 1 Mark pumpen?
B: Hä, Ägypten?!
> Stereotype Antwort, wenn man auf eine Frage nicht ant­
worten will; mitunter auch als generelle Ablehnung einer
Person, mit der man nichts zu tun haben will. In einzelnen
Gruppen kann eine derartige Wendung so häufig gebraucht
werden, daß erst einmal fast jede Antwort so eingeleitet
wird, bevor eine angemessene Antwortreaktion angefügt
wird.
35

also
Das war ganz toll, also!
> Abschluß eines Satzes; nachdrücklich, bestätigend ge­
meint, im Sinne etwa von ,also wirklich!4
syn.: echt
claro
(1) Der wollte doch bloß wissen, was ich im Kopp
habe, claro!
(2) Mach hier keinen Ärger, claro?!
> stereotyper Nachtrag zu einem Satz im Sinne von „Das
ist doch klar!“ (1) oder als Anrede im Sinne von „Hast du das
verstanden?“ (2)

ehrlich
Damit kannste zufrieden sein, ehrlich!
t> Nachdrückliche Bestätigung eines Sachverhaltes; in län­
geren Texten wird das Wort nur noch als Füllwort gebraucht
und wirkt nicht mehr nachdrücklich.

ejh
Das kannste echt vergessen, ejh.
t> Abschluß eines Satzes; Bestätigung der Aussage
Fakt

(1) A: Kommt ihr morgen zu der Fete?
B: Na, Fakt!
(2) Die kommen morgen, Fakt!
> als bejahende Antwort auf eine Frage (1), auch Bestäti­
gung, die Zweifel an einer Vermutung ausräumt (2)

(1) A:
B:
(2) A:
B:
(3) A:
B:
36

Bist du gern Verkäuferin?
Logo!
Jetzt mußt du mal was sagen.
Logo!
In diesem Sommer konnte man kaum baden.
Bei dem Wetter. Logo!

t> bejahende Antwort auf eine Frage (1), Bestätigung einer
Aufforderung (2) oder einer Feststellung (3)
o. k.

(1) A: Kommst du jetzt endlich?
B: 0. k., o. k., ich komm ja schon.
(2) A: Du könntest dein Zimmer auch wieder mal
aufräumen.
B: O. k.
> Bejahende Antwort bzw. auch Bestätigung einer Frage
(1) oder allgemeine Zustimmung zu einer Feststellung im ur­
sprünglichen Sinn „In Ordnung“ (2). Die Floskel wurde hier
weniger wegen ihrer jugendspezifischen Bedeutung ange­
führt, sondern mehr wegen des übermäßigen Gebrauchs bei
den verschiedensten Gelegenheiten.
Das war wohl nichts!
> Stereotype Wendung, wenn jemand etwas Dummes sagt,
das nicht akzeptiert wird oder akzeptiert werden kann; auch
als Selbstironisierung, wenn eine Handlung nicht die erwar­
tete Wirkung (z. B. ein Witz wird nicht verstanden) beim
Hörer zeigt.

Das kannste wissen!/Das darfste wissen!
Das kannste wissen, ejh!
> nachdrückliche Bestätigung einer Aussage

übelsten Dank
A: Hast du überhaupt meine Karte bekommen?
B: Ja, ja, übelsten Dank auch!
> ironisch-verfremdende Form der Danksagung
Vergleiche übelst (S. 101)!

Tschüssikowski
A: Macht's gut!
B: Tschüssikowski!
> Abschiedsformel, abgeleitet von tschüß
syn.: Tschau, Tschö
37

Wird der Satz oder das Gespräch nicht freiwillig beendet,
kann es zu sehr nachdrücklichen Aufforderungen dazu kom­
men.
Abfahrt
Aber Abfahrt jetzt!
> Aufforderung zum Weggehen, die hier wie auch in den
folgenden Beispielen mit einer Drohung verbunden sein
kann
den Abflug machen
Mach 'n Abflug!
> Aufforderung zum Weggehen

abpfeifen
Pfeif ab, du Heinz!
t> Aufforderung zum Weggehen (grob)
sich abseilen
(1) Seil dich ab, sonst setzt es was!
(2) Seil dich von dem Typen ab, das bringt nichts!
> Aufforderung zum Weggehen (1), auch in gemäßigter
Form verwendet (2) als Rat, sich aus einer Sache rauszuhal­
ten

jemanden belasten
Bist du schon wieder hier! Wülste mich belasten
oder was?!
> Aufforderung zum Weggehen, die ein Sprechverbot ein­
schließt

die Flocke machen
Mach die Flocke - sonst helf ich dir nach!
t> Aufforderung zum Weggehen, sich zu beeilen
syn.: die Mücke, den Schwan machen

sein Gesicht nehmen
Mann, nimm dein Gesicht und geh!
38

> Aufforderung zum Weggehen; auch allgemeine Ableh­
nung im Sinne von „Laß mich in Ruhe!“
jemandem ein Gespräch aufdrängeln
Wülste mir 'n Gespräch aufdrängeln oder was?
> drohende Frage, die einem Sprechverbot gleichkommt,
dem schon eine ablehnende Geste oder ein ablehnender Text
vorausging

aus der Hüfte kommen
Komm endlich aus der Hüfte, wie lange soll ich noch
warten?
t> Aufforderung, sich zu beeilen, endlich zu gehen
syn.: aus ’m Arsch, aus der Kacke, aus der Knete kommen

den Kopp zumachen
Mach 'n Kopp zu - es zieht!
> Sprechverbot
einen Kreis ziehen
Eh, zieh 'nen Kreis, sonst... I
> Aufforderung zum Weggehen

die Mülltonne dichtmachen
Mach die Mülltonne dicht!
> Sprechverbot
den Mund zumachen
Mach den Mund zu, sonst werden die Milchzähne
sauer!
> Sprechverbot; kann auch nur scherzhafte Anmerkung
sein

den Schnapper zumachen
Mach endlich 'n Schnapper zu, du gehst mir auf 'n
Docht!
> Sprechverbot
39

jemanden von der Seite belegen
Beleg mich nicht von der Seite!
t> Sprechverbot, gekoppelt mit einer zeitweiligen oder ge­
nerellen Ablehnung einer Person
in den Topf gucken
Guck in den Topf und schreck die Eier ab!
> Pseudo-Aufforderung zu der genannten Handlung, die
einer Aufforderung zum Weggehen gleichkommt. Die Ab­
surdität der Forderung bedeutet gleichzeitig eine Abwertung
der angesprochenen Person.
Das ist ein Beispiel für viele ähnliche Wendungen als Typ, die
vor allem innerhalb von Kleingruppen die Runde machen
und wegen ihres Witzes sehr beliebt sind.

sich verfatzen
Verfatz dich endlich, wir wollen allein sein!
0 Aufforderung zum Weggehen
syn.: verpfeif dich, verpiß dich (grob)

Jugendliche reden über vieles
Sie reden zum Beispiel über Leute, die ihnen nahestehen
und die sie mögen

meine Regierung
Ich weiß nicht, ob ich mitkomme, muß erst mal
meine Regierung beknien.
> beide Elternteile oder Erziehungsberechtigte
syn.: die Alten, die Bosse, der hohe Rat, die Ernährer, die
Erzeuger, der Generalstab, die Greise, die Haus-BGL,
meine Herrschaften, die Oldies, die Oldtimer, der Rat der
Götter, die Spießer
Die einzelnen Bezeichnungen sagen kaum etwas über die Be­
ziehungen zu den Eltern aus, sie können je nach Situation,
40

Gesprächspartner und Einstellung zu den Eltern sehr positiv
(„Sag nichts gegen meine Alten, die sind prima!“) wie auch
sehr negativ sein („Meine Alten können mich mal, die haben
mir nichts zu sagen!“).

mein Erzeuger
Mein Erzeuger hat gestern vielleicht Terror ge­
macht, als ich nach Hause kam.
[> Vater
syn.: mein Alter, mein Ernährer, der Greis, mein alter Herr

meine alte Dame
Meine alte Dame sagt nichts, wenn ich zur Disko
gehe.
> Mutter
syn.: meine Alte, die Frau, der General, Merkwürden
Die Wörter Alte und Frau sind übergreifende Benennungen
und kommen in verschiedenen Bedeutungen vor. Dabei
kann Alte sowohl positiv (z. B. für die eigene Freundin) wie
auch sehr negativ (z. B. als Schimpfwort für eine weibliche
Person) verwendet werden. Die Frau drückt eine gewisse Di­
stanzhaltung aus und bezieht sich auf Frauen mit einer ge­
wissen Autorität (Mutter, Lehrerinnen, Ärztinnen, Heim­
leiterinnen). Auch wenn man den Namen genau kennt, wird
die allgemeine Benennung bevorzugt, z.B. „Die Frau be­
müht sich wenigstens um uns.“
der Clan
Am Sonnabend kann ich nicht weg, der Clan schlägt
zu.
t> Familie im engeren und im weiteren Sinne
syn.: die Sippe, die Sippschaft

meine Keule
Sei ruhig, meine Keule kommt, der petzt!
> Bruder
syn.: Atze, Fiez, Junior
41

meine Schwelle
Ich muß heute meine Schwelle mitnehmen.
> Schwester
syn.: Derre, Dürre, Elle, Keule, Sister

die Clique
Ich geh' mit meiner Clique zur Disko.
> Freizeitgruppe; Freundeskreis; Gruppe von Jugendli­
chen, die sich an Kaufhallen, Spielplätzen oder in Diskos
trifft.
die Gang
(1) In unserer Gang bin ich der Boß.
(2) Wir haben heute Sitzung mit dem Klubrat, ich ge­
höre doch zur Klubgang.
> Gewöhnlich eine Freizeitgruppe, die enger zusammenge­
hört als eine Clique. Das kann durch gemeinsame Interessen
(auch negative) bedingt sein (1) oder/und durch äußere Um­
stände (2).
Käte
Ich denk', hier gibt es lauter satte Käten.
> Mädchen
syn.: Alte, Biene, Braut, Brosche, Büchse (leicht negativ),
Bürste (negativ), Disko-Torte, Dose (negativ), Gerät, sattes
Gerät, Ische, Kirsche, Kundin, Mädel, Mieze, Miß, Praline,
Puppe, Sahne-Schnitte, Schnalle, Schnecke (leicht negativ),
Supermutti, Süße, Tante, rasse/rassige Tante, Tussi, Typin,
Weib, Zarte

meine Sonne

Das ist meine ehemalige Sonne.
> Freundin (eines Jungen)
syn.: Alte, Anhang, Biene, Braut, Brosche, Flamme, Ische,
Käte, Kirsche, Tussi

42

urster Kunde
Den Heiko können wir mitnehmen, das is 'n urster
Kunde.
> Junge, junger Mann (hier positiv)
syn.: Alter, Bubi, Chaote, Kerl, Macher, Macker, Penner,
Scheich, Schlaffi (leicht negativ), Schleimi (negativ), Softi,
Tramper, Typ, urster Typ, Wichser (negativ)
mein Macher
Das ist Ina ihr Macher.
> Freund (eines Mädchens)
syn.: Alter, Kumpel, Kunde, Macker, Sonne, Sonniboy,
Spielpartner
Kumpel und Kunde werden auch zur Bezeichnung des
Freundes eines Jungen verwendet.

Sie reden über Personen, die sie nicht mögen
Alte
Die Alte hat doch 'nen Riß in der Schüssel.
> unsympathische weibliche Person jeden Alters

Anscheißer
So ein Anscheißer, der war schon wieder beim La­
gerleiter.
> Verräter, Petzer
Chaote
(1) Hau ab, du Chaote!
(2) Die ist 'ne richtige Chaotin.
> Person, die aufgeregt oder unruhig ist (1); jemand, der
Unsinn redet (2)
Emanze
Die blöde Emanze will nicht tanzen.
> Mädchen, das mit Jungs nichts zu tun haben will

43

Hohlroller
Den find' ich total hohl, den Hohlroller!
> negative Bewertung eines Jungen, der nicht zur Gruppe
paßt

Keim
So ein Keim, den kannste nicht mal anfassen.
> schleimiger, unsauberer Junge; auch in übertragener Be­
deutung
alter Knacker
Was will denn der alte Knacker auf 'ner Disko?
> allgemein für ältere, nicht attraktive männliche Wesen;
das Altsein ist relativ, für eine 15jährige ist schon ein 20jähriger ein alter Knacker.
syn.: Opa, Opi

peoples
Gib dich nicht ständig mit den peoples ab!
> jüngere, schwächere Kinder oder Mitschüler
Tunte
Guck mal, was der für eine Tunte mithat.
> unsympathisches, häßliches Mädchen
syn.: Assel, Fleppe, Klaffte, Klunte, Mischbrot, Pflaume,
Pusche, Wamsbrett
Bäcker
Da muß schon der Bäcker kommen und nicht das
Brötchen.
t> Ablehnung einer Person, meist für jüngere Geschwister
oder Mitschüler gebraucht, vor allem, wenn sie sich am Ge­
spräch beteiligen wollen.

Diese und die folgenden Wendungen werden gewöhnlich in
der vorliegenden Form gebraucht; sie können sowohl ernst
wie auch scherzhaft gemeint sein, sollen aber nicht verlet­
zen.
44

Bockwurst

Hab' ich von Bockwurst gesprochen, daß du deinen
Senf dazugeben mußt?
D> Ablehnung einer Person, Protest gegen eine uner­
wünschte Einmischung
ekeln

Dreh dich um, andere woll'n sich auch ekeln!
[> Ablehnung einer Person (grob)
Gesicht
Wenn ich so'n Gesicht hätte wie du, würde ich mich
beim Zoo melden.
> Ablehnung einer Person

Kuchen
Wer spricht von Kuchen, daß du Krümel dich mel­
dest?
t> Ablehnung einer Person (scherzhaft)

Maschine
Da muß schon die Maschine kommen und nicht das
Ersatzteil.
> Ablehnung einer Person (scherzhaft)
Stuhl
Sieh dir diesen Stuhl an! Du kannst dir nicht vorstel­
len, wie schwer der aus deinem Kopf eitert.
> Ablehnung einer Person, mit Drohung verbunden

Zahn
Keinen Zahn im Maul, aber La paloma pfeifen!
> leicht verächtliche Ablehnung einer Person, die etwas
will, was ihr nicht zukommt
Die Ablehnung einer Person kann auch dadurch ausge­
drückt werden, daß man ihr Dummheit bzw. Beschränktheit

45

nachsagt. Das kann durch die Unterstellung der unterschied­
lichsten Mängel in geistiger und körperlicher Hinsicht erfol­
gen. Diese Redewendungen sind fast immer grob gefärbt
und haben teilweise bösartigen Charakter. Dazu zählen wir
nur einige Beispiele auf:

Bilder
Du siehst wohl keine klaren Bilder?
blicken
Der blickt nicht.
syn.: durchblicken

Bus
Du bist wohl untern Bus gekommen?
dampfen
Du dampfst wohl?

ein Ding laufen (zu) haben
Der hat doch ein Ding (zu) laufen.
syn.: einen mitlaufen haben
Dummheit
Wenn Dummheit in die Länge schlagen würdte,
könntest du aus der Regenrinne saufen.
syn.: Nach diesem Schema können beliebige Varianten gebil­
det werden.
echt sein
Du bist wohl nicht ganz echt?
syn.: sauber sein

ein Ei auf dem Kopf haben

Mit dem kannste nich reden, der hat doch 'n Ei auf
'm Kopf.
syn.: auf der Schulter haben
steigernd: Das ist schon ’ne ganze Zwölferpackung.

46

Eimer

Der ist zu dumm, einen Eimer Wasser umzukippen,
fertig sein
Bist wohl fertig oder wie oder was?

Fuß
Du hast wohl was am Fuß?
geschossen
Du siehst ja geschossen aus!
Harry haben

Der hat doch 'n Harry an der Leine!
syn.: auf der Schulter

hohl sein
Der ist doch hohl, derTyp!
Huf
Dir fehlt wohl 'n Huf?

Hut aufsetzen
Denkst du, ich setze 'n Hut mit dem Kran auf?
kaputt sein
Der ist doch kaputt!
syn.: fertig, des Wahnsinns
Keks
Weichen Keks im Schuh?

Klapper
Du hast wohl was an der Klapper?
syn.: Bei dir klappert’s wohl?

47

Knete
Knete im Kopf hat der doch!
syn.: bunte Tinte

knusper sein
Du bist wohl nicht mehr ganz knusper?

dumm wie ein Konsumbrot
Der ist doch dumm wie 'n Konsumbrot!
syn.: wie ’n Sack Kartoffeln
’ne Latte haben
Du hast wohl 'ne Latte?
syn.: Hammer, Scheibe
einen laufen haben
In der Familie haben doch alle einen laufen.

losgehen
Jetzt geht's wohl los?
etwas merken
Der merkt nichts mehr!
Du merkst wohl nichts mehr?
syn.: Merkst du’s denn noch?

Nadeln an der Tanne
Der hat nicht mehr alle Nadeln an der Tanne.
Optik

Knick in der Optik, hä?

ein Rad ab haben
Der hat doch 'n Rad ab!
steigernd: das totale Rad ab haben

48

rattern

Bei dir rattert's wohl?
syn.: Bei dir rattert’s wohl unterm Pony?

’ne Roulade haben
Hast ja 'ne Roulade im Ohr!
syn.: Hast ja ’n Klops in der Blutbahn!

Riß in der Tasche haben
Die hat doch 'nen Riß in derTasche!
syn.: in der Schüssel

rund laufen
Du läufst wohl nicht rund?

Schwierigkeiten
Schwierigkeiten, was?!
Sender
Du hast wohl nicht alle auf dem Sender?

sich sehen
Siehst du dich noch?
Splitter
Du hast wohl 'nen Splitter?

ticken
Der tickt nicht richtig.
nichts/etwas auf der Waffel haben
Der hat doch nichts auf der Waffel.
syn.: auf der Schaufel, auf derTasche
Wald
Der steht wohl im Wald!

49

Zapfen/Zappen haben
Der hat 'nen Zappen!
syn.: einen Zappen ausfahren
Eine Steigerung in der Ablehnung einer Person ist die mas­
sive Androhung von Tätlichkeiten. Mag es auch richtig sein,
daß die angedrohten Tätlichkeiten nicht im Ernst ausgeführt
werden sollen, so können sie doch ernst verstanden werden.
Auch wenn sie - was durchaus vorkommt — mit einem Lä­
cheln ausgesprochen werden, dokumentieren sie doch
Stärke, die sich am Widerstand anderer zu ernsthaften Aus­
einandersetzungen entzünden kann.
Da das aber keine zwingende Folge ist, diese Ablehnung von
Personen durch Drohungen im allgemeinen auch nur so auf­
gefaßt wird, stellen wir hier eine Auswahl dazu vor.

Brustkorb
Ich schlag dich so, daß du durch den Brustkorb gukken wirst.

Buch
Kauf dir doch mal das Buch: Mein Leben am Tropf,
syn.: Kauf ...: Wie trinke ich aus einer Schnabeltasse?
Faust
i
(1) Eh, Alter! Du ahnst nicht, wie schwer meine Faust
aus deinem Gesicht eitert.
(2) Lange nicht gegen 'ne parkende Faust gerannt?
syn.: Lange nicht aus ’m Gipsbett gelächelt?

Kleiner
Mach, daß du wegkommst, sonst mach ich dir 'nen
Kleinen.
Knabberkiste
Ich drücke dir gleich die Knabberkiste ein.

50

Krankenschwester

Willst wohl wieder mal mit 'ner Krankenschwester
flirten?
gutgehen
Dir geht's wohl zu gut? (Na, bald nicht mehr.)
Rente
Du spielst mit deiner Rente!

sich warmmachen
Da mach dich mal warm!
Zahn
(1) Zahn locker?!
(2) Wülste was vor 'n Zahn?
(3) Kämm deine Zähne hinter!
(4) Dir stehen wohl die Zahnreihen zu eng?!

Sie reden über andere, die besonders auffallen
Dabei gilt es, sowohl äußere Merkmale - z. B. dick sein,
lange Beine usw. - wie auch charakterliche Merkmale zu be­
nennen, die als Personenkennzeichnung verallgemeinert
werden.

Apparat
Mensch, ist das 'n Apparat, die kannste doch rollen.
> dickes Mädchen
>
syn.: schlanker Dreitonner, Minipanzer, Schrankkoffer
Aufreißer
(1) Der ist ein richtiger Aufreißer.
(2) Der ist doch bloß ein Aufreißer.
>Frauenheld; kann neidvoll-bewundernd sein (1), aber
auch negativ abwertend, daß jemand nicht für eine echte
51

Freundschaft tauge (2), sondern nur mit bestimmten Metho­
den mit Mädchen flirtet
Beine
Du kannst dir die Beine in der Parfümflasche wa­
schen.
> Umschreibung für jemanden, der sehr klein ist

Besenstiel
Du kannst dich hinter 'nem Besenstiel verstecken.
> Umschreibung für jemanden, der sehr dünn ist

Boß
Der macht bei uns den Boß.
> Benennung einer Person, die eine irgendwie geartete Lei­
tungsfunktion hat; das kann in einer gesellschaftlichen Lei­
tung sein, aber auch innerhalb einer Freizeitgruppe.
syn.: Chef, Leader
Bulettenschmied
Mal sehen, was der Bulettenschmied heute wieder
angerichtet hat.
> Koch, vor allem in einer Gemeinschaftsverpflegung
Bundi
t> Bürger der BRD

Fetzer
Bring den doch zur Fete mit, das ist ein richtiger Fet­
zer.
> Stimmungsmacher, Spaßmacher; einer, der im Mittel­
punkt steht

schlimmer Finger
Der hat schon wieder 'ne neue Freundin. So 'n
schlimmer Finger!
> jemand, der oft und schnell Beziehungen zum anderen
Geschlecht aufnimmt, vorwiegend für Jungen gebraucht

52

ungeschicktes Fleisch
Laß mich das machen. So 'n ungeschicktes Fleisch,
wie du bist.
l> ungeschickter Mensch, ausgehend von ungeschickten
Händen

Freak

(1) Meine Eltern sind Theater-Freaks, die könnten
jede Woche gehen.
(2) Wenn der sagt, der ist 'n totaler Freak, das ist er
mit Sicherheit nicht.
> Anhänger, Interessent für eine bestimmte Sache (1); auch
allgemein und sehr ungenau für eine Person, die ein besonde­
res jugendspezifisches Interesse weckt (2)
steigernd: total, blank

die Harten
Wir gehen lieber, jetzt kommen wieder die Harten.
> Verrückte, Andersartige
syn.: die Freaks, die Massen, die peoples
Kaputtnik
Das ist doch 'n Kaputtnik; hast du gesehen, wie der
reagiert hat?
> jemand, der sich nicht im Bereich der Gruppennorm be­
nimmt; umfaßt Bereiche ,verrückt sein', , etwas übertrieben
tun', , abwegige Ansichten äußern'
syn.: der Kaputte

Kunde
(1) Du bist vielleicht 'n Kunde!
(2) Die Heimfahrt war gestern toll, da ist so 'n totaler
Kunde mitgefahren.
> Benennung für Jungen mit extremer Markierung, die so­
wohl positiv wie auch negativ sein kann (1); auch eindeutig
positive Bewertung, die sich aber speziell auf ein Unterhal­
tungstalent - auch auf ein nicht beabsichtigtes — bezieht (2)
53

Penner
Der geht nicht auf Arbeit, der ist doch ein Penner.
> Oberschüler einer EOS, abgeleitet von ,Penne‘ (erwei­
terte Oberschule)

Punker
Das sind doch alles Punker.
> Benennung für Jungen, die bunt angezogen sind

Strahl
Du mußt auch beim Duschen von Strahl zu Strahl
springen.
> Umschreibung für jemanden, der sehr dünn ist
Tramper
Also vom Tramper zum Punker, dann bleib lieber
Tramper.
> Benennung für eine Person (meist Jungen), die relativ sa­
lopp und sportlich auftritt

Typ
Guck mal, der Typ schaut immer zu uns rüber.
> Benennung für männliche Personen, die nicht abgelehnt
werden
Die Benennung „Typ“ ist sehr häufig und erst einmal sehr
allgemein, aber mit eindeutiger positiver Wertung. Die posi­
tive Wertung kann zusätzlich durch eine Reihe von werten­
den Adjektiven verdeutlicht werden: affenstarker, cooler, hei­
ßer, irrer, knallharter, starker/stärkster, urster Typ. Auch mit
speziellen Substantiven wird diese positive Wertung erreicht:
Riesentyp, Übertyp. Seltener dagegen ist ein negativ werten­
des Adjektiv: ausgeflippter, kaputter, linker Typ.

gut im Schuh stehen
Die Tussi steht doch gut im Schuh.
t> gutaussehendes Mädchen, seltener für Jungen gebraucht
syn.: gut im Futter stehen
54

Jugendliche nennen die Dinge beim Namen
Sie nennen die Dinge selbst
action

Komm mit in den Diskokeller, da ist action.
[> etwas ist los, es passiert etwas; Umschreibung dafür, daß
etwas nicht langweilig ist
Alk
Leute, der hat 'nen Alk mit.
t> Alkohol; meist eine Flasche Schnaps oder Wein

Anmache
(1) In der Disko ist mir zu viel Anmache.
(2) Das Buch ist die absolute Anmache.
> Umschreibung für Flirt/Kontaktaufnahme (1), auch für
einen bestimmten Reiz (2)
Bude
(1) Die Bude war wieder gerammelt voll.
(2) Wir sind mit 4 Mann auf einer Bude.
(3) Ich geh' nicht mitaüf Bude, da kannstdu machen,
was du willst.
> allgemeine Benennung für einen Raum, auch für Gast­
stätten, Diskos usw. (1); Zimmer in einem Wohnheim (2);
mit jemandem mitgehen, um ungestört zu sein, in einem
Zimmer, der elterlichen Wohnung u. a. (3)

Bulettenkombüse
Komm mit in die Bulettenkombüse, wir suchen uns
was.
> Küche

intravenöse Ernährung
Und wenn du nicht weiterweißt - dann eben intra­
venöse Ernährung.
> Vorsagen in der Schule, Abschreiben bei Arbeiten
55

face
Dreh endlich dein face weg.
> Gesicht

Farm
Meine Eltern sind heute auf ihrer Farm.
> Datsche, Wochenendhaus

Feeling
(1) Dafür brauchste 'n Feeling, wenn was rüberkom­
men soll.
(2) Da kriegste ein echtes Feeling, wenn du bei der
Platte länger zuhörst.
> allgemeine Umschreibung für ein bestimmtes Gefühl,
auch: Einstimmung für eine Sache (1). Das Gefühl kann
auch wie ein Rausch bei guter/ansprechender Musik wirken

steigernd: absolut, echt, echt geil, stark, total
Ferkelschubs
Das ist doch bloß ein Ferkelschubs.
> Jugend-/Schülerdisko; meist von älteren Schülern ge­
braucht, die sich davon distanzieren
syn.: Kinderschuhs
Fete

Gabi gibt 'ne Spaghetti-Fete! Ne richtige Fete ist
doch das einzig Wahre zum Geburtstag.
> Zusammentreffen von Jugendlichen in privater Runde,
steht oft unter einem bestimmten Motto
Vergleiche Party (S. 59)!
steigernd: fetzige, urste, Wahnsinns-Fete
Fliegerangriff

Das ist wie 'n Fliegerangriff bei mir.
> Kopfschmerzen haben

56

Fummel
Wenn ich zu der Fete gehen soll, brauch ich 'nen
neuen Fummel.
t> Kleid, auch für wertvolle Kleidung allgemein
Gehruten

Setz endlich deine Gehruten in Gang!
> Beine, Füße
syn.: Laufwerk
Glotze
Am Wochenende saß ich nur vor der Glotze.
> Fernsehapparat
syn.: Totalverblöder, Volksverdummer

Glotzen
Da mußt du eben mal die Glotzen rausleiern, wenn
du was sehen willst.
> Augen
syn.: Gucker, Halogene, Scheinwerfer, Seher
Horchbretter
Mit den Horchbrettern kann der segeln.
> Ohren

Jagdschein
Hast du denn überhaupt schon 'nen Jagdschein,
daß du hier mitredest?
t> Umschreibung für ein bestimmtes Alter oder eine Fähig­
keit
Joint
Haste mal 'nen Joint für mich?
> Zigarette
syn.: Flippe, Hugo, Keim, Kippe, Lulle, Lunte, Nulle,
Pichte, Pilfe, Rauche/Rooche, Sargnagel, Sticks, Stiftchen,
Stoff, Waggon

57

Kiste
Hast du gesehen, der hat 'ne neue Kiste.
t> Auto
syn.: Schleuder
t> Motorrad
syn.: Hirsch, Karre, Ofen
steigernd (für beides): heiße Kiste

Klampfe
Der will 'ne Klampfe verkaufen, du wolltest doch
eine.
> Gitarre, auch für moderne elektrische Instrumente
Knete
Hauptsache, die Knete stimmt.
> Geld
syn.: Asche, Fett, Flöhe, Kies, Knack, Knaster, Kohle, Krö­
ten, Lack, Lappen, Marie, Mäuse, Money, Moos, Notgro­
schen, Piepen, Pinke, Penunse, Pulver, Radatten, Rente,
Schmott, Staub, die Stücken, Zaster

Mecke
Der hat doch 'ne Mecke wie 'n Mädchen.
> langes, dichtes, oft lockiges und gepflegtes Haar bei Jun­
gen
syn.: Matte
Möhre
So 'ne Möhre würde ich doch nicht mehr fahren.
> verrostetes Auto
syn.: möhrig
Murmel
(1) Nimm deine Murmel weg!
(2) Der hat doch 'n Ding an der Murmel.
> Kopf in direkter (1) oder in übertragener Bedeutung (2)
syn.: Omme, Ypse

58

Nuttendiesel
Du nimmst auch so 'n Nuttendiesel?
> Deo-Spray

satte Orgel
Die neue Platte von X, das ist 'ne satte Orgel!
I> gute (Schallplatten-)Musik
Party
A: Wird das 'ne Rotwein-Party?
B: Nee, ne orthopädische Party- mit Einlagen.
> Festliches Zusammentreffen Jugendlicher, steht meist un­
ter einem bestimmten Motto; gilt gewöhnlich als eleganter
oder veralteter Ausdruck für Fete', wird auch als lang vorbe­
reitetes Zusammentreffen aufgefaßt, gegenüber einer mehr
spontanen Fete', in einzelnen Gruppen sind Party und Fete
synonym.

Power
(1) Die Frau versucht wenigstens Power über die
Bühne zu bringen.
(2) In dem Titel steckt doch Power drin!
> Ausstrahlungskraft, Gefühl (1); positive Wertung für et­
was, das ganz einfach gefällt (2); Power ist mehr als positive
Wertung, es enthält einen Verweis auf Uberdurchschnittlichkeit und Gefühlsstärke; die ursprüngliche englische Bedeu­
tung ,Macht', , Kraft' ist noch deutlich erhalten geblieben.
Scheibe
Komm doch noch mit zu Jens, der hat jede Menge
heiße Scheiben.
> Schallplatten, gewöhnlich für Unterhaltungsmusik ver­
wendet, seltener für klassische Musik
steigernd: geile, gute, heiße, starke, urste
syn.: Rille

59

Schocker
Haste den Film gesehen? 'n totaler Schocker!
> allgemein positive Wertung mit einem aufregenden oder
erschreckenden Beigeschmack, bezieht sich auf Dinge, die
Jugendliche interessieren: Filme, Bücher, Musiktitel, Fuß­
ballspiel, Boxkampf

Show
Also das muß ich beschreiben, gestern, das war 'ne
absolute Show!
> Die ursprüngliche Bedeutung ist verflacht, geblieben ist
eine allgemeine positive Bewertung oder die Umschreibung
von etwas Außergewöhnlichem; das kann ein guter Film,
eine besondere Veranstaltung oder eine Auseinandersetzung
in der Schule wie eine gewöhnliche Begegnung sein, die aber
erzählenswert erscheint.
steigernd: absolut, irre, total
Stoff
Der Typ ist doch dem Stoff verfallen.
> Bier
syn.: Gerstenkaltschale, Grilleta, Hülse, Humpen, Molle,
Tee, Toppe
Strebothek
Der sitzt doch nur in der Strebothek
> Bibliothek

Wuhling

(1) Gestern war wieder absolutes Wuhling im Klub.
(2) Komm nur rein, hier ist zwar Wuhling, aber...
t> Gedränge, viele Leute, meist mit guter Stimmung ver­
bunden (1); durch häufigen Gebrauch abgeflacht zu »Unord­
nung', ,Unruhe' (2)
Zug
Kauf dir doch selber mal 'n Zug.
> Schachtel Zigaretten

60

Sie haben auch Namen für Handlungen
und Zustände
abducken

Hier gefällt's mir nicht mehr, ich geh jetzt abducken.
> verschwinden, unerreichbar sein, auch: einer unangeneh­
men Sache aus dem Weg gehen, schlafen
syn.: abtauchen
abfahren
(1) Auf den Typ könnte ich voll abfahren.
(2) Da fahr ich echt nicht darauf ab.
> sich für etwas begeistern, Ausdrück des Gefallens (1), in
negativer Form auch in der Bedeutung ,Da mach ich nicht
mit!‘ (2)
steigernd: echt, voll

Abfahrt geben
Das gibt Abfahrt!
> Feststellung, daß man etwas für unmöglich hält oder daß
etwas nicht passieren wird, was erwartet wurde; seltener in
der Kurzform Abfahrt!
abfaulen
In Mathe könnt ich abfaulen.
> mit etwas nicht fertig werden, etwas nicht begreifen
syn.: wegfaulen

’n Abflug machen
Warum ziehst'n dich an? Willst'n Abflug machen?
> Weggehen, -fahren

sich abgeilen
Geil dich ab, so schlimm ist das doch gar nicht.
> sich beruhigen

61

abklemmen
Das Seminar heute nachmittag werde ich abklem­
men.
> ausfallen lassen, schwänzen
abkotzen

(1) Ich muß mal abkotzen gehen.
(2) Da kann ich abkotzen, wenn ich so etwas höre.
(3) Gestern hatte ich Panne, ich hab vielleicht abge­
kotzt, und dabei war nur die Zündkerze locker.
> iq wörtlicher Bedeutung ,sich übergeben' (1) und in über­
tragener Bedeutung , etwas ertragen müssen, das man ab­
lehnt' (2),, Wut haben', ,sich ärgern' (3)
syn.: abstinken, rumrüsseln
steigernd: echt, total
ablachen
Geli erzählt immer die neuesten Schoten, da kannste nur ablachen.
> sehr, übermäßig lachen, ohne Ende lachen
syn.: abgrölen, abschreien
ablaichen
Der war gestern wieder bei der Tussi ablaichen.
> Geschlechtsverkehr; bekundet eine negative Einstellung
zum Partner und bezieht sich nur auf den technischen Vor­
gang

abmatten
Verschwindet, ich will jetzt abmatten.
> schlafen, sich ausruhen
syn.: abruhen, abpennen
abrutschen

Wer abrutscht, darf nochmal.
[> einen Fehler machen

62

abschmatzen
Wenn du denkst, du hast hier was zu melden, das
kannste abschmatzen.
> sich irren; etwas ist nicht so, wie jemand sich das denkt,
das trifft nicht zu

abschminken

Ach, den Jens, den hab' ich mir gerade abge­
schminkt.
> eine Freundschaft beenden
abschwitzen

Daß du von mir nochmal was bekommst, das kann­
ste dir abschwitzen.
> das trifft nicht zu, sich irren
sich abseilen
Mir reicht's, ich seil mich jetzt ab.
t> Weggehen; mit einer Sache nichts mehr zu tun haben wol­
len; sich vor einer Sache drücken

abstinken
Gestern hatten wir bloß Krach, ich habe urst abge­
stunken.
> sich ärgern
steigernd: echt, total, urst
abstressen
Ich will mich in den Ferien doch nicht abstressen.
> sich anstrengen, sich abhetzen
abziehen
Wollen wir wieder mal 'ne Fete abziehen?
> etwas inszenieren, etwas in Gang setzen, machen

alken
Gehen wir heute ein bißchen alken?
> Alkohol trinken
63

alt aussehen
(1) Wenn du erwischt wirst, siehste echt alt aus.
(2) In der Prüfung sah ich vielleicht alt aus.
> jemandem geht es schlecht (1); unterlegen sein, etwas
nicht wissen oder können (2) oder nicht begreifen

angehen
Mir ist so, ich könnte heute 'nen Jungen angehen.
> mit jemandem flirten, eine Freundschaft beginnen; mei­
stens von Mädchen gebraucht
Vergleiche anmachen (S. 64)!
anknallen
Hat der die Neue angeknallt?
[> mit einem Mädchen Geschlechtsverkehr haben, ein Mäd­
chen schwängern; sehr negativ mit schadenfroher Wertung

anmachen
(1) A: Was wollte der denn von dir?
B: Na, mich anmachen!
(2) Die Scheibe macht mich echt an.
(3) Der traut sich was, jetzt macht er den einfach an.
(4) Mein Vater macht meine Schwester ständig an,
daß sie zu viel Musik hört.
> mit jemandem flirten (vor allem Jungen gegenüber Mäd­
chen) (1); etwas gefällt sehr gut (2); jemanden ansprechen,
auch: in einer Sache bereden (3); mit jemandem zanken im
Sinne von ,meckern' (4); die allgemeine Bedeutung läßt sich
mit, reizen' umschreiben
steigernd: echt, mächtig, tierisch, urst
anmotzen

Meine Mutter kann es nicht lassen, die muß mich
immer anmotzen.
> jemanden ermahnen, kritisieren, beschimpfen

64

anschieben
Wegen der Klassenfahrt haben sie ihn gestern ange­
schoben.
> jemanden freundschaftlich kritisieren

anstinken
Gegen den Michael kannste nicht anstinken.
> sich gegenüber jemandem behaupten, erfolgreich kriti­
sieren
antörnen
(1) DerTitel törnt mich voll an.
(2) Da braucht man schon paar Mark, um sich anzutörnen.
I> etwas gefällt sehr gut, spricht vor allem das Gefühl an,
wirkt aufreizend (1); selbst in Stimmung kommen, sich amü­
sieren (2)
steigernd: echt
Asche
(1) Wenn du so weitermachst, ist Asche mit uns.
(2) Was ist denn los? Haste 'ne Asche?
> das Ende einer Beziehung andeutend (1); Arger, Pro­
bleme haben, sich um etwas Sorgen machen (2)

ein Ding aufbauen
Du mußt hier kein Ding aufbauen, ich glaube dir
doch nicht.
> lügen, eine Sache falsch darstellen
aufheizen
Den kannste mit so einer Story richtig aufheizen.
> jemanden gezielt ärgern

aufreißen
(1) Jetzt reißt der doch noch die Blonde auf.
(2) In den Ferien wollen wir unbedingt etwas Neues
aufreißen.
65

> eine Bekanntschaft mit einem Mädchen machen, um es
zu erobern (1), vergleiche anmachen (S. 64); etwas Neues,
möglichst Eindrucksvolles kennenlernen (2)
ein Faß aufreißen
Also, wirklich, kommt hier rein und reißt ein Faß auf
wegen nichts. Aber so ist meine Mutter manchmal.
> sich aufregen, schimpfen; eine Sache überbewerten

einen Aufriß machen
Mach hier bloß keinen Aufriß, wir wollen unsere
Ruhe haben.
> Unruhe verbreiten, sich aufregen, schimpfen; angeben,
Unwahrscheinliches erzählen; meist in negativer Form ge­
braucht und dient den verschiedensten Arten der Beunruhi­
gung
syn.: einen Aufstand machen, rumputschen
fette Augen machen

Nimm den mit, der macht schon fette Augen.
> beschwipst sein

Augenpflege machen
Sei leise, mein Vater macht Augenpflege!
> schlafen
ausflippen
(1) Wenn der mich anfaßt, flipp' ich aus.
(2) Der flippt immer aus, wenn er Wermut trinkt.
(3) Ich flipp' gleich aus, ehrlich mal.
> seinen Emotionen freien Lauf lassen; es ist dabei nicht
von Bedeutung, ob es sich um Unmut (1) oder schlechtes Be­
nehmen (2) handelt, deren Grenzwerte sich sowieso im Au­
ßergewöhnlichen treffen (1) und (2); als stereotype Wen­
dung kann (3) auch relativ emotionslos in reduzierter Bedeu­
tung als Ausdruck der Verwunderung (,das wundert mich‘)
gebraucht werden

66

ausgeflippt

(1) Nach Mitternacht war der in einem total ausge­
flippten Zustand.
(2) Die tut mir leid, die hatgrad 'ne schlechte Zeit mit
'nem ausgeflippten Freund hinter sich.
t> nicht normal sein (was immer man in einer konkreten Si­
tuation darunter versteht); meist mit leicht negativer Wer­
tung, z. B. betrunken sein (1); wer häufig ,ausflippt', paßt
nicht mehr in die gesellschaftlichen und/oder gruppenspezi­
fischen Normen (2)

ausrasten

Wenn der Wut hat, rastet der total aus.
[> sich nicht mehr in der Gewalt haben, nicht mehr normal
reagieren; seltener auch für freudige Erregung
belasten
Der Typ belastet mich, ich verschwinde immer, wenn
er kommt.
> jemanden als störend empfinden, nicht leiden können;
hier auf Personen bezogen

belegen
(1) Der hat mich schon belegt, weil ich das vergessen
habe.
(2) Mensch, beleg mich nicht von der Seite.
> intensiv auf jemanden einreden, jemandem etwas vorwer­
fen, jemanden beschimpfen (1); auch als Abwehrreaktion,
wenn man nicht angesprochen werden will (2)

belöffeln
(1) Mußt du mich denn dauernd belöffeln? Das hältste doch nicht aus.
(2) Ich werde ihn im Klub belöffeln, dann macht er
das schon.
> auf jemanden pausenlos einreden, das bis zum Beschimp­
fen gehen kann (1); jemanden beschwatzen (2)
syn.: belasten, belegen, bekeimen, bekoffern
67

sich beölen
Ich könnte mich über den Kerl beölen, was der für
Witze reißt.
> sich amüsieren, sehr lachen
eine Biege machen/drehen
Hast du noch Zeit? Woll'n wir noch 'ne Biege ma­
chen?
> mit dem Motorrad eine Spritztour machen/eine Runde
drehen
einen informativen Blick machen
Ich hab nur mal einen informativen Blick zu Anke ge­
macht - und schon hat er mich erwischt.
> in der Schule vom Nachbarn abschreiben

blickig sein
Das war gar nicht so dumm. Der Kleine ist ja richtig
blickig.
> in einer bestimmten Situation gut reagieren, etwas gut
können oder wissen; mit Sicherheit abgeleitet von „durch­
blicken“
Bock haben
>
(1) Habt ihr Bock, mit zu der Fete zu gehen?
(2) Und wenn ich nun echt keinen Bock drauf habe,
Bäcker zu werden?
(3) Ich habe heute wieder dermaßen Bock!
> ganz allgemein ,Lust auf etwas haben' (1), erfaßt aber
mehr als ein Lustgefühl, umschreibt auch innere Einstellun­
gen zu den genannten Sachverhalten, die meist sehr intensiv
sind (2); als Ironie auch Ausdruck für totale Unlust (3)
steigernd: heißen Bock haben

bongen
Du kannst beruhigt sein, die Sache ist gebongt.
> etwas ist in Ordnung gebracht oder zur Kenntnis genom­
men worden

68

einen Breiten machen
Dem kannste nichts glauben, der macht doch 'nen
absolut Breiten.
t> angeben
steigernd: absolut, total

die Brille aufhaben
Wenn dich dein Alter erwischt, dann haste die Brille
auf!
t> Pech haben; mit einem Nachteil rechnen müssen
Knete bunkern

Der macht nichts anderes als Knete bunkern.
t> Geld verdienen; arbeiten gehen; sparen
checken

(1) Die hat die Aufgabe immer noch nicht gecheckt.
(2) Der checkt das echt nicht, daß ich nicht mehr mit
ihm will.
> etwas verstehen, begreifen (1); etwas mitkriegen, bemer­
ken (2)

eine Dicke einfangen
Wenn du bei der nicht aufpaßt, kannste dir schnell
'ne Dicke einfangen.
> in der Schule eine 5 bekommen
etwas dreht sich
Da dreht sich nichts, da kannste machen, was du
willst.
> etwas funktioniert nicht, klappt nicht
Durchblick haben
(1) Mit 12,13 haste natürlich noch keinen Durchblick.
(2) ich knallte mich auf mein Bett und versuchte, den
großen Durchblick zu kriegen.
(3) In Mathe hab' ich überhaupt keinen Durchblick.
> einer Sache (noch) nicht gewachsen sein (1); mit einer

69

schwierigen Sache fertigwerden (2); etwas überhaupt (nicht)
begreifen (3)
durchchecken
Wir müssen unser kleines Urlaubsabenteuer noch
einmal durchchecken.
> etwas überprüfen

durchhängen
Mensch, war das 'ne Nacht, ich häng' heute noch
voll durch.
t> müde sein; ein körperliches und/oder psychisches Tief
haben
durchknallen
Laß den in Ruhe, der knallt doch durch.
> verrückt spielen; übertrieben reagieren
syn.: durchhauen

düsen
Komm, wir düsen noch eine Runde.
> (schnell) mit dem Motorrad fahren
syn.: abdüsen, rumdüsen
die Eier schaukeln
Was ich am Sonntag mache? Eier schaukeln I
> nichts tun, faulenzen
eindrehen
Ich hab derartig Kohldampf, ich muß mir erst ein
Brötchen eindrehen.
> essen
syn.: einpfeifen, reindrehen

etwas eng sehen
Ärger dich nicht, das darfst du nicht so eng sehen.
O etwas einseitig beurteilen
70

entschärft sein
Jens ist nicht da, den hat's entschärft.
t> kann in vielfältiger Bedeutung gebraucht werden: krank
sein, einer Sache nicht gewachsen sein, verrückt spielen,
übertrieben reagieren

eumeln
Plötzlich steht der Typ vor mir, da hab' ich vielleicht
geeumelt.
t> gucken, staunend die Augen aufreißen
faulen
Ich glaube, ich faule heute; mir ist eben so, heute
faule ich.
> sich langweilen (wollen); sich nicht ganz wohlfühlen

fertig sein
Haste so was schon gehört? Der ist fertig, was.
> am Ende seines Lateins sein; nicht weiter können

den Finger ziehen
Zieh den Finger, ich warte auf dich I
> sich beeilen
fixundfoxi
Mich kannst du umstoßen nach dem Tag, ich bin fix
und foxi.
> abgespannt/erschöpft sein
flippig
Wie die aussieht! Würdest du so flippig rumlaufen?
> bunt und nicht sehr ordentlich angezogen sein

sich frischmachen
Komm nur morgen zu mir - da kannste dich frisch­
machen.
> eine unangenehme Sache erwarten
syn.: sich warmmachen
71

Grimm haben
Ich habe richtigen Grimm, wenn du nichts begreifst.
[> sich ärgern

auf den Hals stellen
Vorhin erst 'ne Flasche Cola auf den Hals gestellt und schon wieder Durst.
> trinken
auf die Knete hauen
Hau nicht auf die Knete, wir glauben dir sowieso
nicht!
> angeben, auf einer Sache beharren
syn.: auf die Kacke/auf den Putz hauen
sich heiß machen
Mach dich doch nicht heiß - die Jacke findest du
schon wieder!
[> sich aufregen, sich in eine Sache hineinsteigern, etwas
übertrieben ernst nehmen
syn.: sich porös machen
steigernd: gewaltig

aus der Hose kommen
Komm endlich aus der Hose, der Film fängt gleich
an.
> sich beeilen
syn.: aus der Hüfte/der Knete/dem Knick/dem Knie kom­
men

die Hufe an die Decke schmeißen
Prima, da kannste nur noch die Hufe an die Decke
schmeißen.
t> sich herzlich amüsieren
syn.: die Füße an die Decke schmeißen

72

die Kiste läuft
Die Kiste läuft - ich habe das Geld für die Fahrkarte
von meiner Mutter gekriegt.
> etwas ist in Ordnung

eine unsichere Kiste

Das ist eine unsichere Kiste, wenn du nicht mal das
Geld für die Rückfahrt hast.
I> eine unsichere Sache

über den Knorpel ackern
Na, dann woll'n wir mal noch einen über den Knor­
pel ackern.
[> trinken
kommen

(1) Es kommt einfach saustark, wenn man nach Hau­
se kommt und laut machen kann.
(2) Da kommt Prag lange nicht so gut.
> Ausdruck von Wohlbefinden (1) oder von Gefallen an et­
was (2)
etwas in den Kopf leiern
Woll'n wir uns noch was in den Kopf leiern und dann
gehn?
t> trinken
syn.: etwas in die Rübe kippen

Krümelhusten haben
Ede ist draußen, er hat 'nen Krümelhusten.
> sich übergeben

eine Kuh fliegen lassen
Komm mit zu Gabi. Wir woll'n heute 'ne Kuh fliegen
lassen.
> ausgelassen sein, sich amüsieren
steigernd: eine rosarote Kuh
syn.: die Fetzen fliegen lassen, eine Ziege loslassen
73

etwas läuft nicht
Hier läuft doch nichts. Wir gehn lieber.
> etwas ist langweilig, etwas entspricht nicht den Erwar­
tungen
syn.: etwas läuft im Dreck, etwas läuft nicht rund
etwas leiert
Paß auf, Cola mit Wodka, das leiert!
> betrunken sein
syn.: etwas dreht/dröhnt

einen Lift kriegen
An der Autobahnauffahrt mußte stehn, da kannste
schnell 'n Lift kriegen.
[> beim Trampen ein Auto mit Erfolg anhalten

sich liften lassen
Du sollst sofort nach Hause kommen, da kannste
dich liften lassen.
> bestraft werden, Arger erwarten

jemanden linken
Laß dich nicht mit dem ein, der linkt doch jeden, der
ihm noch glaubt.
[> jemanden betrügen, jemanden ausnutzen
etwas ist logo
Der Satz ist doch urst logo.
t> etwas ist logisch/richtig/in Ordnung
steigernd: echt, urst

etwas geht nach hinten los
Ein falsches Wort-und die Sache geht voll nach hin­
ten los.
[> etwas hat eine falsche Wirkung, wird nicht richtig ver­
standen
steigernd: steil, total, voll
74

los jumpen
Also, jumpen wir los.
t> Weggehen, rennen

sich zum... machen
Ich mach mich doch deinetwegen nicht zum Heinz.
I> sich lächerlich machen
syn.: sich zum Appel, Clown, Hugo, Löffel, Obst, Robert,
Rudi, Turnschuh machen

’ne müde Mark machen
Beim Kegelaufstellen kannste leicht 'ne müde Mark
machen.
> Geld verdienen

Mugge
Das ist 'ne absolute Mugge, wenn die auftreten.
> sehr gut, gelungene Veranstaltung
steigernd: Ubermugge
Null/null Bock haben
A: Kommst du mit zur Fete?
B: Nein, null Bock!
> keine Lust haben, zu träge für etwas sein
syn.: keinen Bock haben, minus Bock, zero Bock
ein Ohr abkauen
Soll ich dir erst ein Ohr abkauen, bevor du mir
glaubst?
> jemanden beschwatzen
etwas packen
Mach dir nur keinen Kopf, ich pack das schon.
> eine Sache bewältigen, etwas schaffen

75

sich eine Pfeife anbrennen
Wenn du die Jacke verloren hast, kgnnste dir 'ne
Pfeife anbrennen.
> Strafe erwarten
der Planet prasselt
Ist das 'ne Hitze, der Planet prasselt wieder mal.
> die Sonne scheint kräftig
Der hört nichts, der poft 'ne satte Wird per.
> fest schlafen
Power machen
Wenn die nicht bald 'n bißchen Power machen, wird
heute nichts mehr.
> Stimmung machen, sich in Bewegung setzen, in Gang
kommen

powern
Ist das wahr? Das powert mich aus'm Pantoffel raus.
> fassungslos vor Überraschung sein
rattenscharf
Die Käte ist doch rattenscharf.
> aufreizend

reinziehen
Ich zieh' mir lieber noch 'ne Cola rein, trinkt ihr nur
Bier.
> trinken, auch: essen
einarmiges Reißen
A: Was macht 'n ihr heute abend?
B: Einarmiges ReißenI
> trinken (meist Alkohol) in größeren Mengen

76

ein Rohr brechen
Laß uns noch ein Rohr brechen, dann gehen wir.
I> eine Flasche öffnen und austrinken

volles Rohr
Jetzt mach mal volles Rohr, dann schaffen wir es
noch.
> sich beeilen, Gas geben
syn.: Welle machen

Rotz

Mach doch mit, bloß so aus Rotz.
> aus Spaß, zum Vergnügen

sich eine Rübe machen
Mach dir keine Rübe, das packen wir schon.
> sich unnötige Gedanken machen
syn.: sich einen Harten machen
rüberbringen
Wenn ich kein Gefühl mehr rüberbringe, mach' ich
lieber Schluß.
[> ein Gefühl aufbringen, empfinden
steigernd: voll
rüberkommen
Da kommt unheimlich viel Power über die Bühne.
> ein positives/starkes Gefühl, das den Adressaten auch er­
reicht
syn.: das kommt rüber, da kommt was rüber

rüberwachsen lassen
Laß mal 'n Brötchen rüberwachsen.
> geben, herüberreichen
rumhängen
Was soll ich bei euch, da hängen sie auch bloß rum.
C> nichts tun, sich langweilen, ziellos Zeit vergeuden

77

rumstinken
Was stinkste denn hier rum, wir können doch nichts
dafür.
> aus schlechter Laune heraus mit jemandem schimpfen

rumstressen
Ich bin gestern in der Stadt bloß rumgestreßt.
> herumlaufen, in Hektik einen Punkt nach dem anderen
erledigen

rumzucken
Da werden se wieder rumzucken, wenn ich so spät
nach Hause komm'.
> sich aufregen, schimpfen; tanzen
rund sein
Der Typ ist wieder rund wie 'n Buslenker.
> betrunken sein
syn.: abgefüllt sein, angebumst sein, angeschossen sein, be­
tütert sein, wie ein Buslenker, fett sein, full sein, ein Fullinger sein, rattendattenzu sein, schneckenfett sein, ’nen Schuß
haben, volle Sphäre haben, stinkig sein, unter Strom stehen,
im Tee sitzen, einen im Tee sitzen haben, zu wie ein Topf sein

sich rund machen
Wart nur, wenn du zu spät kommst, da kannste dich
rund machen.
> Arger/Strafe erwarten
auf dem Sand sein
Nachtschicht gehabt, bin voll auf dem Sand.
t> erschöpft sein, mit einer Sache am Ende sein

den Schirm zuklappen
Ehe ich zugucke, wie die mit dem andern geht, da
klappe ich lieber den Schirm zu.
> mit einem Mädchen Schluß machen, eine Freundschaft
beenden
78

etwas schleift

Der hat Krach mit seiner Freundin. Da schleift's.
> etwas klappt nicht
steigernd: mächtig, total

schnallen
Na, haste geschnallt, was ich dir sage?
> etwas begreifen, verstehen
syn.: checken, ticken

das Schwein töten

Wir werden das Schwein schon töten, da kannste
dich drauf verlassen!
> Versicherung, daß etwas gut zu Ende gebracht wird
syn.: das Ei wird schon gelegt
Schweinebraten fressen
A: Mensch, da haste aber Glück gehabt.
B: Na klar, Schweinebraten gefressen.
> Glück haben, aus einer schlechten Sache gut herauskom­
men
auf etwas spitz sein
Laß den in Ruhe, der ist auf die Käte spitz.
> eine Sache oder Person haben wollen

etwas ist stressig
Das ist heute wieder so 'n stressiger Tag, wo keiner
Ruhe gibt.
> hektisch, angestrengt; muß nicht absolut verstanden wer­
den, bezieht sich in jugendlicher Übertreibung nur auf
kleine Anforderungen
Terror machen
Der macht wieder dermaßen Terror! Dabei ist über­
haupt nichts passiert.
I> wenn sich nach Meinung der Jugendlichen jemand über­
trieben über eine Sache aufregt
79

steigernd: total
syn.: einen Aufstand machen, Panik machen
Trieb auf etwas haben
A: Haste Trieb auf Disko?
B: Nein, ich hab' heut' überhaupt keinen Trieb.
> Lust haben auf etwas

Ulf rufen
Klaus sieht ganz grün aus, der muß mal Ulf rufen.
[> sich übergeben
syn.: abulfen, ulfen, das Klo anbrüllen, Wolfgang brüllen
9

etwas vergessen
(1) Die neue LP kannste voll vergessen!
(2) A: Du wolltest doch die neue LP von mir.
B: Vergiß es!
> etwas ist so schlecht, daß man es nicht zu registrieren
braucht (1); feste Wendung, wenn man (meist aus Enttäu­
schung) ein Angebot, eine Person oder eine Sache nicht mehr
zur Kenntnis nehmen will (2)
verkauft sein
Die Braut ist schon verkauft, die kannst du nicht
mehr haben.
> einen festen Freund haben
verkeimt sein
Mensch, ist die Bude hier verkeimt.
> eklig, schmutzig; mitunter auch auf Personen bezogen
Vergleiche Keim (S. 44)!
syn.: ätzig, hufig, keimig, pekig, süffig, trunki