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Im Land der grünen Sonne

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Language:
german
Pages:
107
ISBN 10:
3505080780
Series:
Commander Perkins 4
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1

Verloren in der Unendlichkeit

Language:
german
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2

Der verbotene Stern

Language:
german
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Dieses eBook ist nicht zum Verlauf gedacht!

Besuch aus dem All
Ralph Common überlegte gerade, was er sich zum Frühstück
machen sollte, als er ein Geräusch hörte.
Er stutzte.
Er wußte genau, daß er allein im Haus war.
Die Decke über ihm knackte leise, als ob jemand einen Fuß vor
den anderen setzte. Der Vierzehnjährige eilte zur Tür und sah die
Treppe hinauf, die zu den Schlafzimmern führte. "Ist da jemand?"
rief er.
Er wollte nach oben laufen, um nachzusehen, aber dann kam er
sich komisch vor. Er wußte doch, daß er sich allein im Haus
befand. Sein Vater, Professor Common, und seine Schwester
Cindy wurden in der Mondstation Delta 4 dringend gebraucht.
3

Ihn hatten sie zur Erde zurückgeschickt, damit er sich hier erholen konnte von der letzten, aufregenden Expedition zum Planeten
Lightfire, die ein so böses Ende genommen hatte.
Er beschloß, die Milch hereinzuholen. Als er die Tür öffnete,
bemerkte er seinen Freund George Croden an der Gartenpforte.
"Bist du wieder okay, George?" erkundigte sich Ralph. "Vollkommen!" George sah traurig und niedergeschlagen aus. Das war
verständlich. Um seinen Sohn zu retten, hatte Georges Vater dem
Vertreter eines fernen Sternenvolkes den Weg von Lightfire zur
Erde ermöglicht. Einem Sternenvolk, das der Erde grimmige Rache geschworen hatte. Das war Hochverrat! Und Georges Vater
befand sich in Untersuchungshaft.
"Mir geht es auch wieder gut." Ralph strich sich das
widerborstige Haar aus den Augen. Forschend blickte er den
Freund an. "Schon ein komisches Gefühl, wenn man so lange auf
dem Mond war und dann wieder auf die Erde kommt. Willst du
nicht reinkommen?"
George Croden schüttelte den Kopf. Normalerweise redete er
so viel, daß Ralph Mühe hatte, auch mal zu Wort zu kommen.
Doch jetzt brachte er kaum ein Wort über die Lippen.
"Ich wollte nur mal sehen, wie es dir geht", sagte er schließlich
und starrte an Ralph vorbei. "Vielleicht später!"
Zögernd wandte er sich ab und ging davon. Ralph wußte nicht,
ob er;  den Freund zurückrufen oder mit sich allein lassen sollte. Er
entschied sich dafür, George zunächst einmal Zeit zu geben, mit
sich und seinen Gefühlen ins reine zu kommen.
Befand sich dieser gefährliche Außerirdische vom Planeten
Lightfire wirklich auf der Erde?
Ein lauer Wind riß Ralph aus seinen Gedanken. Blau und rein
spannte sich der Himmel über Houston. Ralph hörte das Zwitschern einiger Vögel, und irgendwo in der Nachbarschaft bellte
ein Hund. Es war Frühling in Nordamerika, und die
Bäume standen in voller Blüte. Konnte dies alles zerstört
werden?
Ralph kannte die drohende Gefahr. Er hörte noch immer die
4

krächzende Stimme des Außerirdischen, als dieser sagte: "Ich
werde mich auf der Erde umsehen ..." Wie würde sein Urteil über
die Menschen ausfallen? Von diesem Urteil hing Leben und Tod
ab. Für alle Menschen ...
Es überstieg Ralphs Vorstellungskraft, sich auszumalen, daß
die Erde plötzlich aufhören würde zu existieren.
Ralph kehrte ins Haus zurück und schloß die Tür. Er war froh,
wieder auf der Erde zu sein. Es gefiel ihm, die frische Luft zu atmen und die vielen Gerüche auf sich einströmen zu lassen.
Außerdem freute er sich darauf, seine Freunde wiederzusehen.
Auf dem Weg in die Küche erstarrte er mitten in der Bewegung.
Aus dem Wohnzimmer ertönte eine Männerstimme.
Ralph fühlte, wie es ihm kalt über den Rücken lief. Für einen
kurzen Moment war er nicht fähig, sich zu bewegen. Er wußte
genau, daß er allein im Haus war, und daß er weder Fernseher
noch Radio eingeschaltet hatte.
Die Stimme kam aus dem Fernseher.
Hatte der Hauscomputer das Gerät eingeschaltet, weil Cindy
ihn so programmiert hatte? Es konnte nicht anders sein! Ralph atmete unwillkürlich auf. Dann grinste er. Natürlich war es so.
Wie hätte es auch anders sein können. Der Hauscomputer
regelte alles. Er sorgte dafür, daß die Haustür gut verschlossen
war und nicht mit einem Nachschlüssel geöffnet werden konnte.
Er ließ nur ausgewählte Besucher ins Haus. Er bezahlte den
Milchjungen, die Zeitung, Strom, Straßenreinigung, und was
sonst noch so an Gebühren anfiel. Er steuerte den vollautomatischen Staubsäuger und öffnete die Fenster, um das Haus durchzulüften, sobald er feststellte, daß dies notwendig war. Er
bediente das Telefon und zeichnete wichtige Fernsehsendungen
auf. Er sorgte dafür, daß nirgendwo im Haus Feuer ausbrechen
oder sich Ungeziefer breitmachen konnte.
Ralph hatte es schon fast vergessen, denn in der Mondbasis
Delta 4 war das Leben ganz anders. Auch dort gab es Computer,
aber sie regelten und überwachten andere Dinge.
5

Mit einem Glas Milch in der Hand ging Ralph ins
Wohnzimmer.
Als sich die Tür hinter ihm schloß, fiel ihm das Glas aus der
Hand, und die Milch ergoß sich über den Teppich. Sie floß über
den Boden bis zu den Füßen des Mannes, der vor dem Fernseher
stand.
Ralph wollte etwas sagen, aber seine Kehle war wie zugeschnürt, und seine Lippen waren so trocken, als habe er seit
Tagen nichts mehr getrunken.
Vor ihm stand Arentes, der Außerirdische. Der Wächter der
heiligen Stadt von Lightfire. Das flammendrote Haar reichte dem
Priester bis auf die Schultern herab. Die Nase sprang weit vor.
Sie bestand aus Hörn und war an der Spitze scharf gekrümmt, so
daß sie dem Schnabel eines Raubvogels glich. Die tief in den
Höhlen liegenden Augen blickten Ralph durchdringend an. Die
schwarzen Lippen preßten sich fest aufeinander.
Arentes, der Copaner, trug eine braune Hose, die ihm bis an die
Knie reichte. Sie ließ die dicken Hornplatten unbedeckt, welche
Knie und Fußgelenke schützten.
Ein gelber Pelzstreifen umspannte den Kopf des Copaners,
Ralph glaubte, zwei blitzende Augen in diesem Streifen erkennen
zu können. Er war sich dessen jedoch nicht sicher.
Ralph wich vor dem Außerirdischen zurück. Namenlose Angst
erfaßte ihn, und er bereute, daß er vorher nicht einfach wegge
laufen war, oder daß er George nicht gebeten hatte, bei ihm zu
bleiben.
"Du brauchst keine Angst vor mir zu haben", erklärte Arentes
mit krächzender Stimme. Seine Worte wurden von einem
winzigen Gerät an seiner Bluse übersetzt. Sie waren gut zu verstehen.
"Was wollen Sie hier?" fragte Ralph.
"Ich will dich bitten, mir zu helfen", erwiderte der Priester.
Der Junge glaubte sich verhört zu haben. Er konnte sich nicht
vorstellen, daß Arentes Hilfe benötigte, da dieser ihm geradezu
übermächtig erschien. Ralph wußte, daß der Außerirdische sich
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kraft seines Willens an jeden Ort auf der Erde versetzen konnte.
Er vermutete, daß Arentes sogar in der Lage war, mit Hilfe seiner
besonderen Fähigkeiten bis zum Mond zu springen. Ein solches
Wesen konnte sich jedem Zugriff entziehen. Es brauchte vor niemandem Angst zu haben.
"Ich kann Ihnen nicht helfen", sagte Ralph verstört. Er wünschte sich nichts mehr, als daß Arentes endlich verschwinden würde.
Der Priester war ihm unheimlich. Und er würde die Erde vernichten!
Das Raubvogelgesicht schien ohne Ausdruck zu sein. Es wirkte
eigenartig grau, als sei es aus Stein gehauen.
Der Junge erschrak, als sich der gelbe Pelzstreifen am Kopf des
Copaners bewegte. Für einen kurzen Moment sah er ganz deutlich zwei winzige Augen, und es berührte ihn seltsam, als er begriff, daß dieser gelbe Streifen ein lebendes Wesen war.
"Du kannst mir helfen", sagte Arentes ruhig.
"Was soll ich tun?" Ralph überlegte, wie er dem Fremden entkommen konnte. . .
"Ich will wissen, wer auf unserem heiligen Planeten eingedrungen ist!" erwiderte der Copaner und setzte sich in einen Sessel.
Jetzt könnte ich weglaufen! schoß es Ralph durch den Kopf.
Doch dann wurde ihm die Sinnlosigkeit seines Gedankens klar.
Der Priester konnte ihm überallhin folgen. Es nützte nichts, eine
Tür hinter sich abzuschließen. Arentes konnte jede Tür überwinden, ohne sie zu öffnen. Er konnte sich an jeden Ort
versetzen, zu dem er wollte.
Ralph trat einen Schritt zur Seite und ließ sich auf den Fußboden sinken. Er zog die Beine so hoch an, daß die Knie fast sein
Kinn berührten. Mit dem Rücken lehnte er sich an die Wand. Er
fühlte sich wie eingeschnürt. Eine unsichtbare Kraft schien ihn zu
umgeben.
"Wenn Sie sich informieren wollen, können Sie das überall
tun", sagte Ralph mit stockender Stimme. "Damit habe ich nichts
zu tun."
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"Du brauchst wirklich keine Angst vor mir zu haben", beteuerte
der Außerirdische, sichtlich um einen freundlichen Ton bemüht.
"Ich werde dir nichts tun. Ich bin froh, daß du wieder gesund
bist."
Ralph antwortete nichts darauf, aber ihm war anzusehen, daß er
dem Priester nicht glaubte.
"Ich muß mich über die Menschen der Erde informieren",
wiederholte Arentes. "Ich muß wissen, wer sie sind und wie sie
sind! Mein Volk hat Rache geschworen!" "Was habe ich damit zu
tun?" "Du sollst mir helfen. Du bist ein Terraner."
Der Junge schüttelte den Kopf. Er hatte Angst davor, etwas zu
sagen. Ralph begriff plötzlich, daß der Priester den Menschen
eine letzte Chance geben wollte, und er fürchtete sich, etwas
falsch zu machen.
Er fühlte sich überfordert. Was sollte er dem Fremden denn
über die Menschen erzählen? Sie verdienten, daß Arentes ihr
Leben verschonte! Aber weshalb? Welche überzeugenden Argumente konnte er dem Fremden liefern?
Arentes schaltete das Fernsehgerät ein. In dem Projektionsfeld
des Gerätes entstand ein dreidimensionales, farbiges Bild. Verwegene Männer ritten in wilder Jagd hinter einer Horde Indianer
her und schossen mit Gewehren auf sie. Entsetzt beobachtete
Ralph, daß ein Indianer nach dem anderen tot vom Pferd stürzte.
Sonst hatte er solche Filme stets mit großer Spannung verfolgt. Er
wußte ja, daß sie nicht ganz so ernst zu nehmen waren, wie sie
sich gaben. Jetzt erschien ihm diese Filmszene entsetzlich grausam und verlogen.
Das Bild wechselte, und ein Zweikampf zwischen einem bewaffneten Trapper und einem unbewaffneten Indianer folgte.
Ralph stand auf, eilte zum Fernseher und schaltete ihn aus.
"Aber so ist das doch gar nicht", sagte er verzweifelt. Tränen
stiegen ihm in die Augen. "In Wirklichkeit ist alles ganz anders."
Arentes schob ihn mit sanfter Gewalt zur Seite und schaltete
das Gerät wieder ein. Er wechselte zu einem anderen Programm
über, bei dem gerade der Überfall auf einen gepanzerten
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Geldtransporter einer Bank gezeigt wurde. Die Bankräuber
schössen mit Maschinenpistolen.
Arentes tippte eine andere Programmtaste. Erleichtert sah
Ralph, daß er offenbar ein Musikprogramm gewählt hatte. Eine
Sängerin trug geschmeidig tanzend einen Schlager vor. Doch sie
kam nicht damit zu Ende. Plötzlich fiel ein Schuß, und sie brach
blutend zusammen.
Ralph senkte den Kopf.
Er schämte sich, obwohl er mit diesem Programm oder den
anderen gar nichts zu tun hatte. Bisher aber hatte er sich häufig
solche Dinge angesehen und nie etwas dabei zu kritisieren gehabt. "Aber so ist das doch alles gar nicht", sagte er leise. "Glauben
Sie mir, Arentes, es ist alles ganz anders. Bitte."
Er blickte zu dem Außerirdischen auf. Der Copaner stand am
Fernsehgerät. Die Lippen hatten sich zu einem schwarzen Strich
verengt.
Es sah aus, als habe der Priester bereits sein Urteil über die
Menschen gefällt.

Aufbruch zu den Sternen
Das junge Mädchen verließ die Schleuse des kleinen Raumschiffes, das im Hangar der Mondbasis Delta 4 gelandet war, und
blickte sich um. In der Halle herrschte hektisches Treiben.
Männer und elektronisch gesteuerte Maschinen näherten sich
dem Raumschiff, um es zu warten. Weitere Maschinen senkten
sich an Kränen von der Decke herab.
"Wer sind Sie denn?" fragte ein grobschlächtiger Mann, der
mehrere Werkzeuge in den Armen hielt und die
Schleusenkammer betreten wollte. Sie wich rasch zur Seite aus.
"Miriam Blister", antwortete sie höflich. "Können Sie mir bitte
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sagen, wo ich Commander Perkins finde?"
Der Mann musterte sie abschätzend. Dann wies er mit dem
Kopf auf eine Tür, die mit einer Reihe von Zahlen versehen war.
"Danke", rief sie ihm nach, als er das Werkzeug in die
Schleusenkammer warf. Er gab nur ein paar unbestimmte Laute
von sich.
Sie ging durch die Tür, die er ihr gezeigt hatte, und betrat einen
langen Gang, auf dem sich nur wenige Männer und Frauen aufhielten. Großfotos von fremden Welten zierten die Wände des
Ganges.
Unsicher wartete Miriam Blister ab. Sie wußte nicht mehr weiter. Eigentlich hatte sie erwartet, daß irgend jemand sie empfangen würde, sobald sie die Station betrat. Doch das war nicht
der Fall. Niemandem schien aufzufallen, daß sie hier fremd war.
Als sich ihr eine grauhaarige Frau näherte, setzte sie ihren Koffer ab und faßte sich ein Herz.
"Entschuldigen Sie bitte", sagte sie. "Ich suche Commander
Perkins. Wissen Sie, wo er ist?"
"Allerdings", antwortete die Frau, ohne mehr als höfliches Interesse für sie zu zeigen. "Was wollen Sie denn von ihm ?"
"Ich habe gerade mein Diplom in Galaktobiologie gemacht",
erklärte sie rasch, "und soll an der bevorstehenden Expedition
nach Escape teilnehmen."
"Ach, so ist das. Na, dann kommen Sie mal. Die Herren sind
gerade bei einer Besprechung über Escape."
Die Frau wandte sich um und eilte den Gang entlang, ohne darauf zu achten, ob Miriam folgte. Miriam Blister nahm ihren Koffer und hastete hinter der Frau her.
"Ich dachte, hier auf dem Mond sei alles leichter", stöhnte sie.
"Die Schwerkraft ist doch viel geringer als auf der Erde."
"Schwerkraftmaschinen sorgen für den Ausgleich", erläuterte
die Frau. Dann legte sie einen Finger an die Lippen. Sie öffnete
eine Tür und schob Miriam Blister hindurch. Lautlos schloß sich
die Tür wieder.
Miriam befand sich in einem dunklen Konferenzraum. Im
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Lichtschein eines Projektors, der Bilder einer fremden Welt an
die Wand warf, sah sie die Schatten einiger Männer an einem
Konferenztisch. Ängstlich darauf bedacht, nicht aufzufallen, setzte sie sich neben der Tür in einen freien Sessel. Unmittelbar daraufging das Licht an.
Erschrocken stellte die junge Biologin fest, daß sie in eine
Konferenz geraten war, in der sie mit Sicherheit nichts zu suchen hatte. Am besten wäre sie wohl aufgestanden und hätte den
Raum wieder verlassen. Doch sie wagte es nicht, die
Anwesenden zu stören.
Kleine Schildchen auf dem Konferenztisch zeigten ihr an, mit
wem sie es zu tun hatte. Einige waren ihr auch bekannt.
Da war Oberst G. Camiel Jason, der Sicherheitschef von Delta
4. Von ihm hatte sie bereits gehört. Es hieß, daß er Commander
Randy Perkins immer wieder große Schwierigkeiten bereitete.
Neben ihm saß der Vier-Sterne-General Basil Lucan Crinian,
dessen Bild Miriam Blister vom Fernsehen kannte. Seine riesige
Gestalt überragte alle. Ihm waren alle Gesichter zugewandt. Offensichtlich mußte Crinian eine schwierige Entscheidung fällen.
Commander Perkins und Major Hoffmann saßen dem General
direkt gegenüber. Daneben erkannte Miriam den weißhaarigen
Professor Common und seine hübsche Tochter Cindy. Von
diesen beiden Wissenschaftlern war in der Tagespresse zur Zeit
fast täglich die Rede. Und schließlich war es Professor Common,
der sie mit seiner Erfindung, dem Dimensionsbrecher, über viele
Lichtjahre hinweg zu einem fernen Planeten befördern sollte.
Niemand schien sie zu bemerken. Die Besprechung lief weiter.
Wie hätten sie auch wissen sollen, daß sie nur aufgrund eines
Versehens hier war?
"Bevor wir über die nächsten Schritte entscheiden, möchte ich
noch einmal zusammenfassen. Sollte mir ein Fehler unterlaufen,
bitte ich Sie, mich zu korrigieren!" Der General sah die
Anwesenden der Reihe nach an. "Also", fuhr er fort, "Professor
Common und sein Team entdeckten einen für Terraner idealen
Planeten: Lightfire. Erste Expeditionen meldeten keinerlei intel11

ligente Wesen. Der Planet schien völlig unbewohnt und
wurde zur Besiedlung freigegeben. Dann stellte sich jedoch
heraus, daß der Planet das Heiligtum eines fernen, intelligenten
und sehr kriegerischen Sternenvolkes war. Ein Heiligtum, das nur
alle fünfzig Jahre von Pilgern besucht wurde. Gerade als sich
Randy Perkins und Peter Hoffmann auf Lightfire befanden, war
die Frist von fünfzig Jahren abgelaufen. Die copanischen Pilger
kamen und forderten grausame Rache an den Frevlern, die es gewagt hatten, in ihren heiligen Bezirk einzudringen. Richtig?" Der
General schwieg einen Moment. Als keiner der Anwesenden Einwände machte, fuhr er fort: "Sie wollten den Heimatplaneten der
Eindringlinge vernichten. Ein "schwarzes Loch" auf ihn schleudern. Eine List von Commander Perkins brachte jedoch Erfolg.
Die Copaner wurden auf eine falsche Fährte gelockt. Die kosmischen Daten des unbewohnten Planeten Escape wurden ihnen
zugespielt. Und sie hielten das Material für echt. Das heißt, sie
werden Escape zerstören. Nur einer, Arentes, der Wächter der
heiligen Stätten, ließ sich nicht täuschen. Er erfuhr, daß die Siedler von der Erde und nicht von Escape gekommen waren. Er kann
die Menschheit vernichten, wenn er dieses Wissen an sein Volk
weitergibt!" Der General nickte düster.
"Wir wissen nicht, wo Arentes ist und ob er überhaupt noch
lebt", ergänzte Oberst G. Camiel Jason. "Er ist zusammen mit
Perkins durch den Dimensionsbrecher von Lightfire hierher gekommen und dann geflüchtet. Es spricht viel dafür, daß ihm
dabei ein tödlicher Fehler unterlaufen ist." Jason blickte Commander Perkins auffordernd an.
"Vielleicht haben Sie recht", erwiderte dieser. "Ich glaube jedoch nicht, daß Arentes tot ist. Er hat seinen Durchbruch vom
Planeten Lightfire zum Mond so gut geplant, daß er es auch bis
zur Erde geschafft haben dürfte!"
"Davon müssen wir ausgehen!" Vier-Sterne-General Basil
Lucan Crinian räusperte sich. Der schwergewichtige Mann mit
den bernsteinfarbenen Augen und dem kantig wirkenden Gesicht
erschreckte Miriam Blister. Er machte einen geradezu er12

drückenden Eindruck auf sie. Sie wußte, daß Basil Lucan Crinian
ein wichtiger, einflußreicher Mann war. Sicherheitsbeauftragter
für das Sonnensystem und Oberbefehlshaber der terranischen
Raumflotte. In zahlreichen kosmischen Unternehmungen hatte er
sein ungewöhnliches Können bewiesen. Miriam Blister wußte
auch, daß Crinian den Abwehrchef von Delta 4, Oberst Jason,
nicht besonders schätzte - und daß dieser ihn aus tiefster Seele
haßte, war ein offenes Geheimnis im Raumfahrtzentrum von
Houston. Oberst Jason lebte ständig in der Angst, daß der General ihn von seinem Posten in der Mondbasis entfernte. Daß der
General nun auch noch persönlich auf dem Mond erschienen war
und an der Konferenz teilnahm, mußte den Abwehrchef der
Mondbasis Delta 4 mit Unruhe erfüllen.
"Der Außerirdische befindet sich also auf der Erde!" fuhr
General Crinian fort. "Damit ist die Aktion gescheitert!" Oberst
Jason war gänzlich anderer Ansicht. Commander Perkins verfolgte das Rededuell zwischen ihm und dem General mit nur
geringem Interesse. Er merkte erst auf, als Oberst Jason heftige
Vorwürfe gegen Professor Common erhob.
"Professor Common ist für die Katastrophe verantwortlich."
Das asketische Gesicht von Oberst Jason rötete sich. "Professor
Common hat den Planeten Lightfire nicht genügend erforscht.
Wenn er das getan hätte, dann wäre uns aufgefallen, daß Lightfire
ein ungewöhnlicher Planet ist. Wir hätten das Heiligtum der Copaner bemerkt, und wir hätten darauf verzichtet, den Planeten zu
besiedeln. Doch Professor Common hat die Spuren der Copaner
übersehen. Er hat den Planeten einfach zu früh zur
Besiedlung freigegeben."
Professor Common, dessen jugendlich wirkendes Äußeres Miriam überraschte, ging lächelnd über die Vorwürfe hinweg, die
Oberst G. Camiel Jason gegen ihn erhob. Nicht so seine Tochter
Cindy. "Das ist eine Unverschämtheit", schimpfte sie. "Sie wissen
genau, daß meinen Vater keine Schuld trifft!"
"Sei still." Professor Common strich ihr über die Schulter. "Das
führt zu nichts, Cindy. Wir haben andere Probleme."
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"Ganz recht!" bestätigte General Crinian. "Die Copaner werden
den Planeten Escape zerstören, und wir müssen das
verantworten!"
"Sollen sie", bemerkte Oberst Jason. "Sobald sie das getan
haben, ist die Gefahr für die Erde endgültig vorbei."
"Arentes kann sein Volk vorläufig nicht benachrichtigen", bestätigte Commander Perkins. "Auf der Erde gibt es keine funktechnischen Einrichtungen, mit denen er einen Stützpunkt der
Copaner kurzfristig erreichen kann. Ich rechne jedoch damit, daß
er sich sehr bald selbst so einen Sender bauen wird. Von endgültig vorbei kann also keine Rede sein."
"Wenn er auf der Erde ist, finden wir ihn", sagte General Crinian. "Das ist unser Problem. Sie müssen sich jetzt ganz auf Escape
konzentrieren, auf jenen Planeten, den die Copaner für die Erde
halten sollen."
"Wozu da jetzt noch herumgeistern?" fragte Oberst Jason.
"Escape ist unbewohnt. Also können wir gelassen abwarten, bis
die Copaner zugeschlagen haben."
"Ich möchte mich noch einmal auf Escape umsehen", erklärte
Commander Perkins. "Ich möchte mich davon überzeugen, ob
das auch wirklich der Fall ist."
Oberst G. Camiel Jason beugte sich ruckartig nach vorn. Das
Blut wich aus seinen Wangen. "Was soll das heißen?" fragte er
mit schneidend scharfer Stimme. "Ich verbitte mir jeden Zweifel
an der Korrektheit meiner Arbeit. Sie werden nicht nach Escape
gehen!"
"Wir haben uns bei Lightfire geirrt", erwiderte Randy Perkins
ruhig, "und wir könnten uns bei Escape geirrt haben. Nur wäre
ein Irrtum bei Escape noch ungleich schlimmer als bei Lightfire."
"Sie übersehen, daß ich die Überprüfung des Planeten Escape
persönlich überwacht habe." Oberst Jasons Zorn war nicht zu
übersehen.
"Es geht nicht nur darum", entgegnete der Commander. "Der
Copaner Arentes hat ausgesagt, daß ein 'schwarzes Loch' auf
diese Welt stürzen wird."
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"So ist es", bemerkte Professor Common. "Uns Wissenschaftlern kommt es nun darauf an, möglichst viele Informationen über
das 'schwarze Loch' einzuholen. Bisher hat noch kein Wissenschaftler der Erde die Möglichkeit gehabt, ein 'schwarzes Loch'
zu beobachten und zu untersuchen. Wir wissen, daß es 'schwarze
Löcher' gibt, aber es ist uns noch nicht gelungen, eines nachzuweisen."
Miriam Blister glaubte sich verhört zu haben. Sie begriff so gut
wie nichts. Sie fragte sich, was ein "schwarzes Loch" ist, und
wieso ein solches Gebilde einen ganzen Planeten vernichten
kann.
"Glücklicherweise haben Sie die Entscheidung nicht zu
treffen", sagte General Crinian und wischte damit jeden Einwand
von Oberst G. Camiel Jason zur Seite. "Commander Perkins und
Major Hoffmann werden sich von Professor Common nach Escape versetzen lassen. Darüber hinaus wird ein Team von Wissenschaftlern nach Escape gehen. Dieses Team wird Gelegenheit
erhalten, das 'schwarze Loch' zu untersuchen, falls es überhaupt
existiert. Und es wird klären, ob dieses 'schwarze Loch' tatsächlich auf Escape stürzt."
"Ich protestiere", rief Oberst G. Camiel Jason erregt. "Tun Sie
das", erwiderte der General gleichgültig. "Wenn wir uns auf
Escape sehen lassen, begehen wir den gleichen Fehler wie bei
Lightfire", wandte der Abwehrchef der Mondbasis ein. "Die
Folgen könnten verheerend sein."
Vier-Sterne-General Basil Lucan Crinian lächelte geringschätzig. Er erhob sich und gab damit zu erkennen, daß die Konferenz
beendet war. Da entdeckte er Miriam Blister, und das Lächeln
gefror auf seinen Lippen.
General Crinian wandte sich an Oberst Jason. "Hoffentlich
können Sie mir erklären, was das Mädchen im Konferenzraum zu
suchen hat", sagte der General scharf.
"Wer sind Sie?" gab der Abwehrchef von Delta 4 die Frage
weiter. "Was, zum Teufel, treiben Sie hier?"
Miriam Blister wich vor ihm zurück. Hilflos zeigte sie auf die
15

Tür.
"Eine Frau hat mich reingeschickt", sagte sie stotternd. "Sind
Sie Miriam Blister?" erkundigte sich Commander Perkins freundlich. Sie nickte.
Er streckte der jungen Frau die Hand entgegen. "Sie ist Biologin und hat gerade ihr Examen gemacht", erklärte er. "Aufgrund
ihrer wissenschaftlichen Arbeit soll sie an der Expedition nach
Escape teilnehmen. Jemand muß sie versehentlich hereingeschickt haben."
"Ja, so ist es", bestätigte Miriam.
General Crinian wandte sich an Oberst Jason. "Darüber reden
wir noch!" donnerte er. "Das Mädchen wird Commander Perkins
nach Escape begleiten und nicht eher zurückkehren, bis die
Angelegenheit mit dem Copaner geklärt ist!"
"Wieso?" fragte Miriam bestürzt. "Ich sollte doch nur eine bestimmte Untersuchungsreihe abschließen!"
"Tut mir leid", erwiderte der General kühl. Commander Perkins, der seinen Vorgesetzten lange genug kannte, wußte, daß
dieser sich nicht von dem einmal gefaßten Entschluß abbringen
lassen würde. "Sie haben einiges gehört, was nicht für die Ohren
der Öffentlichkeit bestimmt ist. Wir können es uns nicht leisten,
daß irgend etwas durchsickert."
Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, ging er an ihr vorbei und
verließ den Konferenzraum. Die anderen Teilnehmer der Besprechung folgten. Nur Commander Perkins und Major Hoffmann
blieben zurück.
"Nun machen Sie sich mal keine Sorgen", sagte Peter Hoffmann. "Die hohen Tiere brüllen gern herum. Das gehört wohl zu
ihrem Job!"
"Er kann mich doch nicht einfach zwingen, auf Escape zu
bleiben, wenn ich nicht will." Die junge Biologin war wütend. Ihre dunklen Augen blitzten. Das schmale, blasse Gesicht verriet
einiges über die Energien, über die Miriam verfügte.
Commander Perkins lächelte. "Peter hat recht", sagte er. Sie
sollten das alles nicht so wichtig nehmen. Für Sie kommt es doch
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nur darauf an, daß Sie mit dem Dimensionsbrecher nach Escape
gebracht werden, und daß Sie dort Ihre biologischen Studien betreiben können. Und dieses Mal nicht im Labor, sondern unter
freiem Himmel unter einer fremden Sonne. Einer grünen Sonne
übrigens."
"Ja, das stimmt." Miriam sah ein wenig hoffnungsvoller aus.
"Seien Sie doch froh, wenn Sie zwei oder gar drei Wochen auf
einer fremden Welt bleiben können. Dabei werden Sie mehr lernen und erleben, als Sie sich jetzt vorstellen können."
"Wenn Sie es so sehen", sie zuckte die Achseln, "haben Sie natürlich recht."
"Na also", sagte Peter Hoffmann. "Dann ist ja aller Kummer
vergessen."
"Noch nicht ganz", widersprach die Biologin. "Ich hätte gern
gewußt, was ein 'schwarzes Loch' ist. Darunter kann ich mir
nichts vorstellen."
"Später", entgegnete Perkins. "Wenn wir auf Escape sind,
haben wir mehr Zeit. Dann werde ich Ihnen alles erklären. Kommen Sie. Professor Common wartet schon auf uns."
"So schnell?"
"Ja! In einigen Minuten starten wir. Wir müssen die Schutzanzüge und die Atemmasken anlegen. Wie Sie ja wissen, gibt es auf
Escape gefährliche Mikroorganismen. Vergessen Sie niemals,
daß Sie die Maske nicht ablegen dürfen! Sie müssen sie ständig
tragen. Wenn Sie die ungefilterte Luft von Escape einatmen, kann
Ihnen niemand mehr helfen."
"Ich arbeite seit Jahren mit gefährlichen Mikroorganismen",
antwortete sie knapp. "Ich weiß genau, wie ich mich zu verhalten
habe."

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Der grüne Planet
Commander Perkins wandte sich Miriam Blister zu, um zu prüfen, ob ihre Atemschutzmaske einwandfrei saß. Das Gerät überdeckte Mund und Nase. Das übrige Gesicht blieb frei. Die auf
Escape vorhandenen Viren waren nur gefährlich, wenn sie in die
Atemwege gerieten.
"Nun, wie fanden Sie das, Miriam?" erkundigte er sich. "Wie
gefällt es Ihnen, mit dem Dimensionsbrecher zu reisen?"
Sie schüttelte den Kopf, als könne sie nicht fassen, was geschehen war. "Eben noch war ich auf dem Mond im Dimensionsbrecher. Ich sehe Professor Common und seine Tochter noch vor
mir. Dann habe ich die Augen zugemacht. Und jetzt... Ich bin auf
einem anderen Planeten! Wie ist das möglich?"
Randy Perkins, Miriam Blister und Major Hoffmann blickten
von einem Hügel auf die Küste des Meeres. Sie schwiegen einen
Augenblick. Grün spannte sich der Himmel von Escape über ihnen, und grün leuchtete die Sonne. Sie warf dunkelgrüne
Schatten und ließ die Wellen aussehen, als seinen sie aus
verflüssigtem Smaragd.
Auf dem Küstenstrich wuchsen nur einige Bäume und Büsche.
Kleine Tiere flüchteten vor den Terranern ins Wasser und tauchten unter. Vögel zogen in majestätischer Ruhe aufs Meer hinaus.
Die beiden Männer und die junge Frau trugen flammendrote
Kunststoffanzüge, die in dieser fremdartigen Landschaft ganz
besonders leuchteten.
"Der Dimensionsbrecher", durchbrach Peter Hoffmann die
Stille. "Der Effekt ist phantastisch. Ich werde mich wohl nie so
daran gewöhnen, daß er mich nicht mehr überrascht. Auf dem
Mond öffnet Professor Common mit seiner Maschine die
Dimensionen von Zeit und Raum. Entfernungen werden bedeutungslos, und plötzlich wechselt man vom Mond zu einer Welt
über, die Lichtjahre von unserem Sonnensystem entfernt ist. Bald
werden die Wissenschaftler mit dem Material nachkommen."
18

"Wir haben kein Recht, den Copanern Escape zur Vernichtung
anzubieten", flüsterte die Biologin. Ihre Augen verdunkelten sich,
und ihre Lippen zuckten. "Escape ist so schön."
Perkins nickte. "Mir gefällt das auch nicht, Miriam. Es ist jedoch nicht mehr zu ändern, und es ist unsere einzige Chance gewesen, die Erde zu retten."
Etwa fünfzig Meter entfernt erschienen wie aus dem Nichts
heraus mehrere Metallkästen. Sie enthielten wissenschaftliches
Material. Commander Perkins und Major Hoffmann achteten
kaum darauf. Sie wußten, daß diese Behälter mit Hilfe des
Dimensionsbrechers von Mondbasis Delta 4 hierher gebracht
worden waren. Miriam Blister aber konnte den Blick nicht von
dem Geschehen lösen. Sie schien nicht zu begreifen, was da geschah.
Einige Männer und Frauen in blauen und gelben Kunststoffanzügen und mit Atemschutzmasken folgten dem Material. Wissenschaftler, die die Aufgabe hatten, nach dem "schwarzen Loch" zu
fahnden. Lautlos erschienen sie unterhalb des Hügels. Sie blickten sich flüchtig um, grüßten zu den dreien hinüber und begannen
sofort zu arbeiten.
Die Augen des Mädchens füllten sich mit Tränen. "Dann
befassen sich meine Forschungsarbeiten mit einer sterbenden
Welt", sagte sie traurig. "Und ich habe mich so auf Escape
gefreut!"
"Dieser Planet oder ein anderer", entgegnete Major Hoffmann.
"Für irgendeinen mußten wir uns entscheiden. Wir mußten die
Erde retten. Denken Sie daran, Miriam, daß Sie die Atemschutzmaske niemals ablegen dürfen. Niemals. Und nun kommen Sie.
Blasen Sie nicht Trübsal, sondern freuen Sie sich, daß Sie hier
sind. Sie haben die Chance, eine wissenschaftliche Arbeit von
bleibendem Wert abzuliefern. Niemand wird nach Ihnen kommen, der sich mit Ihnen vergleichen kann. Und das meine ich
durchaus nicht zynisch."
Doch damit konnte er die Biologin nur wenig trösten. Miriam
konnte und wollte nicht begreifen, daß überhaupt etwas vernich19

tet werden mußte. Für sie war allein entscheidend, daß dieser
Planet dem Untergang geweiht war.
"Unser Fahrzeug, der Shaddy ist da", bemerkte Major Hoffmann. "Ich bin dafür, daß wir die Astronomen und Astrophysiker
für einige Zeit allein lassen und uns ein wenig in der Gegend umsehen. Die Wissenschaftler kommen ganz gut allein zurecht. Die
Sonne steht noch niedrig. Wir haben also wenigstens acht
Stunden Zeit, bis es dunkel wird."
Das Gesicht der Biologin hellte sich auf.
"O ja", sagte sie. "Ich würde gern etwas mehr von Escape sehen."
"Gut. Einverstanden", beschloß Perkins. "Wir fahren an der
Küste entlang. Wenn mich nicht alles täuscht, ist die Gegend im
Süden weitaus stärker bewaldet. Vielleicht gibt es dort mehr Wild
als hier."
Der Commander besprach noch einige Einzelheiten der kommenden Arbeiten mit den Wissenschaftlern, dann starteten sie.
Hoffmann übernahm das Steuer des Kettenfahrzeugs, das eine
geschlossene Kabine mit einer breiten Sitzbank und eine umfangreiche technische Ausrüstung besaß. Das Expeditionsfahrzeug
war für alle nur denkbaren Notfälle ausgerüstet. Es war sogar für
den Einsatz unter Wasser geeignet und konnte auf dem Meeresboden bis in eine Tiefe von fast tausend Metern vordringen. Mit
Hilfe von Greifern und Hebebeinen konnte es senkrechte Hindernisse auf dem Land bis zu einer Höhe von zehn Metern überwinden, so daß es praktisch unbegrenzt einsetzbar war.
Doch vorläufig wurden diese besonderen Eigenschaften des
Geländewagens nicht benötigt. Das Land fiel flach zum Wasser
hin ab, und der Wagen glitt stundenlang über einen breiten Strand
hinweg. Dennoch wurde die Fahrt in keiner Weise langweilig.
Zahlreiche Vögel aller Art jagten im flachen Wasser nach Beute.
Fische und amphibische Wesen von fremdartigem Aussehen
tauchten immer wieder in unmittelbarer Ufernähe auf. Nur selten
einmal sahen sie Landtiere. Diese näherten sich der Küste meist
nur dann, wenn ihnen Felsen genügend Verstecke boten.
20

Als sie fast vier Stunden gefahren waren, trat Major Hoffmann
auf die Bremse und hielt an. Vor ihnen erhob sich eine schroffe
Felswand, die jedoch nicht ganz bis ans Wasser reichte. Zwischen
ihr und dem Meer befand sich ein schmaler Sandstreifen.
"Ich würde gern ein wenig laufen", erklärte Hoffmann. "Gute
Idee", entgegnete Perkins. "Ich kann auch kaum noch sitzen!" Er
deutete auf zwei große Felsbrocken. "Stell den Wagen dort ab."
Major Hoffmann blickte ihn verwundert an. "Warum nicht
hier?" fragte er. "Auf Escape gibt es niemanden, der uns den
Shaddy klauen könnte."
Perkins lächelte, ging jedoch nicht auf diesen Einwand ein. Major Hoffmann schien auch nicht damit gerechnet zu haben. Er
fuhr weiter, bis der Wagen in der Deckung der Felsen stand.
Commander Perkins reichte Miriam und dem Major die Atemschutzmasken und überwachte, wie sie diese anlegten.
Miriam stieg als erste aus. Sie entfernte sich einige Schritte
vom Wagen. Dann blieb sie wie erstarrt stehen.
"Was hat sie?" fragte Hoffmann. "He, Randy! Da stimmt doch
was nicht."
Commander Perkins, der noch eine Eintragung in das
elektronische Logbuch machte, blickte verwundert auf.
Der Commander sprang aus dem Wagen und eilte zu der Biologin. Als er sie erreichte, konnte er einen Sandstreifen zwischen
den Felsen und dem Meer einsehen. Und jetzt wußte er auch, was
Miriam derart erschreckt hatte.
Aus dem Wasser kamen fremdartig aussehende Gestalten ans
Ufer. Ihre Arme und Beine besaßen flossenartige Auswüchse. Ihre Körper waren mit silbern schimmernden Schuppen besetzt.
Auf ihren Schultern wucherten farbenprächtige Gebilde, die wie
Polypen aussahen.
Die Köpfe waren mit kammartigen Gebilden besetzt, die in
allen Farben schillerten, und zwischen den vier Fingern ihrer
Hände befanden sich Schwimmhäute, die trotz des grünlichen
Lichts rot leuchteten.
"Sie haben behauptet, Escape sei unbesiedelt", sagte Miriam
21

anklagend zu Perkins. "Sie haben erklärt, daß es kein intelligentes
Leben auf diesem Planeten gibt. Aber das war eine glatte Lüge!"
Sie hob den Arm und zeigte auf ein Feuer, das einige dieser bizarren Gestalten in einer Felsnische am Ufer entzündet hatten.
Commander Perkins konnte deutlich erkennen, daß die Felsen an
dieser Stelle mit mechanischen Werkzeugen bearbeitet worden
waren.
"Sie wollen einen Planeten vernichten, auf dem es intelligentes
Leben gibt", fuhr sie mit schriller Stimme fort. "Sie sind ein
Mörder!"
"Beruhigen Sie sich. Und seien Sie vor allem leise", bat er.
"Sie sind ein Lügner und Betrüger", schrie sie erregt und stieß
seine Hände zurück, als er sie ihr besänftigend auf die Schulter
legen wollte. "Jetzt weiß ich, warum Sie hierher gefahren sind,
und warum Sie den Wagen versteckt haben. Sie wußten, daß sich
diese Wesen hier befinden!" Miriam wandte sich um und rannte
davon.
"Nein!" warnte Perkins. "Bleiben Sie!" Doch die junge Forscherin hörte nicht auf ihn. Sie lief auf die humanoiden Gestalten
zu, die aus dem Wasser gekommen waren.
"Hört mich an", rief sie verzweifelt. "Ich muß mit euch reden!
Hört mich an. Man will eure Welt vernichten. Ihr müßt etwas
tun!"
Commander Perkins und Major Hoffmann liefen hinter ihr her.
"Miriam, zurück", brüllte Peter Hoffmann. "Seien Sie doch vernünftig."
Die Schuppengestalten standen wie erstarrt auf dem Sand. Ihre
Gesichter verzerrten sich.
Die junge Frau kam direkt auf sie zu. Viel zu langsam holten
Commander Perkins und Major Hoffmann auf. Die Wasserwesen
stürzten sich auf Miriam. Sie hatten offensichtlich nicht die Absicht, ihr etwas zu tun, doch sie stolperte und stürzte zu Boden.
Dann waren Perkins und Hoffmann heran. Sie versuchten, die
fremdartigen Wesen zur Seite zu stoßen und Miriam hochzuziehen, doch sie schafften es nicht. Die Wasserwesen fühlten sich
22

bedroht und griffen an. Einige von ihnen schleppten die Forscherin ins Wasser. Jetzt erst begriff sie ihren ungeheuren Irrtum. Sie
hatte sich nicht klargemacht, daß sie sich keinesfalls ohne Vorbereitungen mit den Wasserwesen von Escape verständigen konnte.
Mit der Kraft der Verzweiflung kämpfte sie gegen die
Schuppengestalten.
Commander Perkins und Major Hoffmann versuchten, sie trotz
der Überzahl ihrer Gegner zu erreichen. Sie konnten sich gegen
einige von ihnen behaupten, mußten jedoch schließlich zurückweichen. Jetzt bedauerten sie, daß der Roboter Camiel nicht an
der Expedition teilnahm. Peter Hoffmann war der Ansicht gewesen, daß sie auf ihn verzichten konnten. Perkins hatte den
Freund jedoch im Verdacht, daß dieser die Auseinandersetzungen
mit dem Roboter fürchtete und dessen Einsatz deshalb abgelehnt
hatte.
Keiner von ihnen trug eine Waffe. Diese hatten sie im Wagen
zurückgelassen, weil sie davon überzeugt gewesen waren, daß sie
sie nicht benötigten.
Die Wasserwesen kämpften schweigend und in offensichtlicher
Panik. Immer wieder versuchten sie die Terraner zu Boden zu
werfen und dann ins Wasser zu zerren. So oft es ihnen jedoch gelang, einen der beiden zu überwältigen, so oft befreite der andere
diesen aus seiner Notlage.
Schließlich sah Commander Perkins ein, daß sie Miriam auf
diese Weise nicht helfen konnten. "Wir müssen zum Wagen, Peter", rief er. "Zurück!"
Peter Hoffmann stieß einen seiner Gegner um und brachte damit einige andere zu Fall. Zusammen mit Perkins rannte er zum
Geländewagen zurück. Die Wasserwesen folgten ihnen, waren jedoch nicht so schnell. Ihre flossenartigen Füße, auf denen sie sich
watschelnd voranbewegten, waren nicht zum raschen Laufen geeignet. Einige Meter Vorsprung genügten den beiden Terranern.
Sie sprangen durch die noch offenstehenden Türen des Geländewagens in die Kabine und verriegelten die Türen von innen.
Commander Perkins startete den Motor.
23

Die Wasserwesen blieben einige Schritte vom Geländewagen
entfernt stehen. Mit großen, fischähnlichen Augen blickten sie
das Gerät an, das ihnen fremd und unheimlich war. Nur einer von
ihnen wagte sich bis an den Wagen. Seine Hand glitt suchend
über die Fensterscheibe neben Major Hoffmann.
Dieser achtete jedoch nicht auf ihn. Er starrte auf die Stelle, an
der Miriam soeben im Wasser verschwunden war. Die
Schuppengestalten hatten die junge Forscherin überwältigt und in
die grünen Fluten gezerrt.
"Wir müssen ihr nach", sagte der Major beklommen. "Wir
müssen sie zurückholen!"
"Du hast recht, Peter. Aber sie ist sicher schon ertrunken!"
Commander Perkins ließ ein desinfizierendes Gas in die Kabine
strömen, um möglicherweise eingedrungene Krankheitserreger zu
vernichten. Dann stieß er einen Beschleunigungshebel nach vorn.
Der Shaddy rollte auf das Wasser zu. Die Wasserwesen flüchteten in panischer Angst ins Meer. Sie stürzten sich in die Wellen
und verschwanden.

Die Schuppenwesen
Das Wasser spritzte hoch auf, als der Wagen in die Wellen
raste.
Von den Schuppengestalten war nichts mehr zu sehen. Unfaßbar schnell hatten die Wasserwesen sich zurückgezogen. Einige
große Fische schnellten aus dem Wasser. Auch sie ergriffen die
Flucht vor der dröhnenden Maschine, die in ihre Welt eindrang.
Der Boden war sandig. Schnell glitt der Shaddy darüber hin.
Das Wasser war so klar und durchsichtig, daß die beiden Männer
etwa hundert Meter weit sehen konnten. Dichte Fischschwärme
umgaben das Fahrzeug. Ein drachenähnliches Geschöpf, das
kaum kleiner war als der Wagen, glitt träge vorbei.
24

Major Hoffman suchte die Umgebung mit Hilfe der
technischen Geräte des Wagens nach den Wasserwesen und Miriam ab. "Nichts", sagte er wenig später, als der Untergrund felsig
wurde und sich tiefe Schluchten vor ihnen öffneten. "Dieses dumme Ding", bemerkte er seufzend. "Wie konnte sie nur so etwas
tun!? Sie ist doch intelligent genug, zu begreifen, daß die Außerirdischen sie nicht verstehen. Es war völlig sinnlos, auf diese
Weise mit ihnen reden zu wollen. Diese Wesen, die aussehen wie
alte Darstellungen vom Meeresgott Neptun, sind noch nie zuvor
einem Menschen begegnet. Sie mußten einfach so reagieren."
"Sie war zu unerfahren", erwiderte Commander Perkins. "Ihr
mißfiel, daß wir diesen Planeten als Ersatz für die Erde angeboten haben. Der Anblick dieser Neptuner, wie du sie nennst, war
einfach zuviel für sie."
"Ich verstehe nicht, wie Oberst Jason eine solche Panne
passieren konnte", sagte Hoffmann.
"Wahrscheinlich wollte er einen schnellen Erfolg. Er ist gar
nicht auf den Gedanken gekommen, im Wasser nach intelligentem Leben zu suchen."
"Ich gebe zu, daß ich damit auch nicht gerechnet habe. Ich war
fest davon überzeugt, daß Escape unbewohnt ist. Und jetzt dies!
Wir müssen wieder einen anderen Planeten suchen, um ihn den
Copanern als Erde anzubieten."
"Du weißt, daß das nicht geht", widersprach Perkins. "Wir
können keinen Rückzieher machen. Die Copaner würden uns
nicht glauben."
Major Hoffmann blickte zum Seitenfenster hinaus. Kein
einziger Fisch war in ihrer Nähe. Hatten sich alle fluchtartig vor
ihnen zurückgezogen? Eine grüne Glaswand schien sie zu umgeben und sich irgendwo in unergründlicher Ferne zu verlieren.
Über ihnen glitzerte die Wasseroberfläche. Ein Schatten glitt
über sie hinweg, kehrte zurück und verharrte, ohne daß die
beiden Männer erkennen konnten, was es war.
Der Untergrund wurde felsig und uneben. Nur noch langsam
kam der Shaddy voran.
25

"Irgend etwas stimmt nicht", stellte Peter Hoffmann fest. "Ich
habe das komische Gefühl, daß wir beobachtet werden."
"Du täuscht dich, Peter. Niemand kann uns beobachten, ohne
daß wir ihn bemerken." Der Commander deutete auf die Videogeräte, die mit den verschiedensten Ortungssystemen verbunden
waren. Die unsichtbaren Strahlen dieser Geräte reichten viel, viel
weiter als die Blicke der beiden Männer.
Der Shaddy rollte durch eine bizarre Landschaft, in der steile
Felskegel bis über den Wasserspiegel hinaus aufstiegen. Starke
Strömungen zerrten an dem Fahrzeug, so daß Randy Perkins seine ganze Geschicklichkeit aufbieten mußte, es auf Kurs zu halten.
Dann zeichneten sich auf dem Bildschirm vor ihnen plötzlich
seltsam regelmäßige Formen ab. Commander Perkins änderte den
Kurs der Maschine, bis die Objekte direkt vor ihnen lagen.
"Wir haben sie", sagte Peter Hoffmann erregt. "Das sind die
Bauten einer Stadt."
Wenig später schälten sich die ersten Konturen aus dem Grün
des Wassers. Die beiden Männer sahen aufsteigende Säulen, weit
geschwungene Torbögen und Statuen mit menschlichen Formen.
"Eine Stadt am Meeresgrund!" Peter Hoffmann schüttelte den
Kopf, als könne er nicht fassen, was er sah. "Aber wo sind die
Schuppenwesen? Glaubst du, daß sie Miriam hierher verschleppt
haben? Wir sollten auch mal oben auf den Klippen nachsehen.
Vielleicht ist sie dort."
Perkins lächelte. "Abwarten, Peter. Wir müssen Geduld haben."
Der Shaddy schob sich langsam an die Untersee-Stadt heran.
Der Commander steuerte ihn bis zu einer Säule, die etwa zehn
Meter hoch war. Grüne Algen und schimmernde Muscheln überwucherten sie. Und auch die anderen Bauten der Stadt
verschwanden zumeist unter einer Schicht von Gewächsen und
Meerestieren. Die Algen, deren Fäden mehrere Meter in die Höhe
ragten, schwankten in der Strömung.
"Die Stadt sieht völlig verlassen aus", stellte Peter Hoffmann
enttäuscht fest. "Die Wasserwesen haben hier einmal gelebt, aber
das muß schon lange her sein."
26

Commander Perkins machte ihn auf einen riesigen Schatten
aufmerksam, der sich ihnen von der Seite her näherte. Es schien,
als schiebe sich ein ganzer Berg auf sie zu.
"Was ist denn das?" Hoffmann starrte in die grünen Fluten.
"Keine Ahnung. Vielleicht der Grund dafür, daß diese Stadt
nicht mehr bewohnt ist."
"Wir müssen uns zurückziehen, Randy. Hier haben wir ohnehin
nichts mehr zu suchen."
Der Commander nickte. Er lenkte den Shaddy einige Meter
weiter bis zu einer Sandfläche, auf der er mühelos wenden konnte. Der Schatten hatte sich ihnen weiter genähert. Eine weiße
Schlangenlinie schwebte dicht über dem Boden und schob sich
auf sie zu.
Commander Perkins beschleunigte, doch jetzt schoß das riesige
Wesen ruckartig heran. Ein weißer Schleier flog über sie hinweg.
"Eine Qualle", rief Hoffmann. "Eine riesige Qualle." Ein grün
und violett schimmernder Berg senkte sich auf sie herab, und
zahllose Schleimfäden umschlangen das Fahrzeug.
"Peter - da!" Commander Perkins zeigte auf einen Schatten, der
einige Meter von ihm entfernt vorbeiglitt.
"Was war da?" fragte Peter Hoffmann.
"Ich glaube, es war ein Neptuner. Oder ein Fisch."
"Du bist dir nicht sicher?"
"Nein. Keineswegs."
Die Schleimfäden waren armdick. Sie rutschten lautlos über die
Scheiben, und deutlich sahen die beiden Männer die Säure, die
aus den zahllosen Drüsen spritzte.
"Hoffentlich widerstehen die Scheiben dieser Säure."
Peter Hoffmann deutete hinaus. "Wer weiß, was das für ein
Zeug ist."
Commander Perkins lehnte sich in den Polstern seines Sessels
zurück. Er stoppte den Shaddy und fuhr die Greifer aus, um sich
mit ihnen in den Boden zu krallen. Er wollte keinesfalls von der
Meduse in andere Meeresregionen verschleppt werden.
"Können wir denn nichts tun?" fragte Peter Hoffmann.
27

"Wir könnten die Qualle mit den Greifern zerreißen. Wir könnten sie mit heißen Abgasen töten. Aber wozu sollten wir das tun?
Das kommt nur in Frage, wenn sie versucht, den Shaddy zu
knacken."
"Hoffentlich ist es dann nicht schon zu spät."
Commander Perkins beobachtete die Instrumente. Diese gaben
ihm exakt Auskunft über den Zustand des Fahrzeugs. Keines der
Instrumente zeigte einen bedrohlichen Wert an.
Peter Hoffmann hob die Hand und strich damit über die Frontscheibe. "Sie ist heiß", stellte er fest. "Ein wenig zu heiß, finde
ich."
Perkins prüfte die Scheibe ebenfalls. Er erschrak. Die Säure der
Qualle gefährdete die Scheibe stärker, als er angenommen hatte!
Wenn der Druck der Arme auf die Scheibe weiter anwuchs,
konnte sie bersten.
"Ich werde ihr einen. Stromstoß verabreichen", kündigte er an
und nahm einige Schaltungen vor. Dann drückte er eine Taste. Im
gleichen Moment zuckten die Arme der Qualle zurück. Das Tier
entfernte sich einige Meter weit. Die Frontscheibe kühlte sich im
kalten Wasser schnell ab.
Die Qualle schwebte unschlüssig über dem Fahrzeug. Sie schien sich auf einen zweiten Versuch vorzubereiten. Doch jetzt
schaltete Commander Perkins den Motor wieder hoch und
beschleunigte scharf. Gleichzeitig stieß er sich mit den Greifern
vom Boden ab. Der Shaddy schoß unter den Hautschleiern der
Qualle hervor und erreichte das offene Wasser.
"Weiter", drängte Hoffmann. "Vielleicht verzichtet sie darauf,
uns zu verfolgen."
Er schaltete auf die Heckkamera um, so daß er das riesige Tier
auf dem Bildschirm beobachten konnte. Aufatmend stellte er fest,
daß sie zurückblieb.
"Ein unangenehmer Nachbar", sagte er erleichtert. "Sie könnte
die Schuppenwesen aus ihrer Stadt vertrieben haben."
Als sicher war, daß die Qualle ihnen nicht folgte, schaltete er
die Ortungsgeräte wieder um. Er suchte die Umgebung des Ge28

ländefahrzeugs ab, ohne eine Spur von den Neptunern zu finden.
"Ich gebe zu, daß mir der Anblick der Stadt unter die Haut gegangen ist", erklärte Peter Hoffmann, während der Shaddy durch
die schweigende Unterwasserwelt glitt. "Sie ist ein Beweis dafür,
daß wir es wirklich mit intelligenten Wesen zu tun haben, mit Geschöpfen, die eine Kultur aufgebaut haben. Wahrscheinlich besteht irgendwo eine andere Stadt auf Escape, in der die Neptuner
leben. Vielleicht gibt es auch mehrere Städte. Niemand kann
sagen, wie viele Bewohner diese grüne Welt hat."
Commander Perkins antwortete nicht. Ihm erging es ähnlich
wie dem Freund. Auch ihm war bewußt geworden, welch große
Verantwortung die Menschheit trug. Je deutlicher die Zeichen der
fremden Kultur für sie wurden, desto entsetzlicher erschien die
Zerstörung des Planeten.
"Auf jeden Fall wird G. Camiel Jason, seines Zeichens
Abwehrchef von Delta 4, dir das nicht vergessen."
"Was wird er mir nicht vergessen ?" Peter Hoffmann lächelte.
"Daß du so unverschämt warst, seinen kapitalen Fehler aufzudecken", antwortete er. "Wenn er sorgfältiger vorgegangen wäre
und sein Freigabeurteil nicht so schnell gefällt hätte, wäre diese
Situation gar nicht erst entstanden."
Er wollte noch weiterreden, doch Perkins zog den Shaddy
plötzlich nach rechts. Er deutete nach vorn und lenkte das Fahrzeug an einer steil aufsteigenden Felswand entlang auf eine Felskante zu, hinter der es scheinbar in grundlose Tiefen ging.
Blaue Korallen säumten den Felsrand. An ihnen waren Netze
befestigt, die ins Endlose zu führen schienen. Sie überspannten
einen Abgrund.
Unmittelbar vor den Korallen hielt Perkins an. "Ein geknüpftes
Netz", stellte Peter Hoffmann fest, während er die Videokamera
auf den Abgrund richtete. "Zunächst dachte ich, es sei gewachsen. Aber das war wohl ein Irrtum."
Wenige Schritte von ihnen entfernt strich unter dem Netz ein
Fisch vorbei. Er war etwa einen Meter lang. Ihm folgten wenig
später weitere Fische der gleichen Größe.
29

"Eine Fischfarm", sagte Perkins. "Sicherlich von den
Schuppenwesen angelegt. Sie halten sich hier ihren Fischvorrat
und züchten vermutlich auch den Nachwuchs in dieser Senke."
Die Fische näherten sich einer Stelle, an der eine breite Lücke
im Netz klaffte. Es schien, als würden sie dadurch in die Freiheit
entfliehen. Doch plötzlich schoß ein krakenähnliches Tier aus der
Tiefe herauf. Es hatte zwölf Tentakel, die mit Fangfäden besetzt
waren. Damit ergriff es die Enden des Netzes und zog es zusammen, so daß sich die Lücke schloß. Die Fische schwammen
vorbei, und schon im nächsten Moment begann das zwölfarmige
Tier das Netz zu flicken.
"Nicht nur die Neptuner scheinen intelligent zu sein", bemerkte
Peter Hoffmann verblüfft. "Dieses Ding da auch. Ob es der
Fischfarmer ist? Oder ob es für die Neptuner arbeitet?"
"Das finden wir vielleicht noch heraus", erwiderte Perkins,
"aber im Grunde genommen spielt das keine Rolle. Es ist egal, ob
es eine oder mehrere Intelligenzen auf diesem Planeten gibt. Entscheidend ist, daß wir etwas für seine Rettung tun müssen."
Die beiden Männer diskutierten kurz über den Kurs, den sie bei
ihrer Suche nach dem Mädchen einschlagen wollten. Sie entschieden sich dafür, die Umgebung der Fischfarm abzufahren und
der Korallenkante zu folgen, an der das Netz befestigt war.
Sie stellten fest, daß sie sich in einem Talkessel befanden, der
einen Durchmesser von etwa zwei Kilometern besaß. Er wurde
von Felswänden begrenzt, die zehn Meter und mehr nahezu senkrecht aufstiegen. Immer wieder stießen die beiden Männer auf
Höhlen und Spalten. Sie durchsuchten sie in der Hoffnung, irgendwo den Zugang zum Versteck der Neptuner zu finden.
Hin und wieder entdeckten sie Dinge, die sie an Werkzeuge
denken ließen. In einer Höhle lag ein kugelförmiger Gegenstand,
der vollkommen von Algen überwuchert war. Commander Perkins kratzte ihn mit einem Greifer des Geländefahrzeugs sauber.
"Sieht aus wie der Kopf einer Statue", sagte Peter Hoffmann.
"Wir müssen hier also in der Nähe einer Stadt sein."
"Ich glaube, daß sie in einer ganz anderen Gegend leben",
30

widersprach Perkins. "Vielleicht zehn oder zwanzig Kilometer
weiter nördlich von hier. Wir sollten unsere Methode ändern. Wir
versuchen zunächst einen Neptuner aufzuspüren und werden
diesem dann folgen. Vielleicht haben wir dann bessere Aussichten. Fürs erste brechen wir die Suche ab. Wir setzen sie später
fort."
Die beiden kehrten an die Küste zurück, und bald darauf jagte
der Shaddy mit Höchstgeschwindigkeit über den Strand zum
Lager der Wissenschaftler.

Escape darf nicht sterben
Als sie sich dem Lager näherten, sahen sie, daß die Wissenschaftler bereits viel Arbeit geleistet hatten. Mehrere Großzelte
aus Metallfolie waren entstanden. In ihnen war das wissenschaftliche Gerät ausreichend geschützt.
Einer der Wissenschaftler kam Commander Perkins und Major
Hoffmann entgegen. Sie erkannten den Astrophysiker Ferdo
Frank, einen zurückhaltenden, bedächtigen Mann, der selten einmal Begeisterung zeigte und oft nur schwer ansprechbar war.
Ferdo Frank schnitt sich das blonde Haar zumeist selbst, weil er
es als lästig empfand, sich von einem Roboter verschönern zu
lassen, war dabei aber nicht sonderlich geschickt. Die Folge war,
daß sein Haar ein wirres Durcheinander bildete.
"Sie werden es nicht für möglich halten", sagte der Wissenschaftler, als die beiden Männer ausgestiegen waren, "wir haben
schon jetzt Erfolg gehabt! Wir haben ein 'schwarzes Loch' entdeckt, und wenn nicht alles täuscht, rast es auf diesen Planeten
zu.
Er blickte Commander Perkins an, als erwarte er, von diesem
ein begeistertes Lob ob dieses Erfolgs zu hören. Als es ausblieb,
stutzte er. Dann fiel ihm auf, daß die junge Biologin fehlte.
31

"Wo ist sie?" fragte er.
"Vermutlich tot", erwiderte Perkins. "Escape ist von intelligenten Wesen bewohnt. Das haben wir vor wenigen Stunden
entdeckt. Sie haben Miriam entführt und wahrscheinlich getötet.
Ich muß sofort zum Mond."
Ferdo Frank war so bestürzt, daß er keine Worte fand.
Schweigend wandte er sich ab und ging den beiden Männern
voran zum Lager der Wissenschaftler.
"In knapp zehn Minuten wird Professor Common ein
Erfassungsfeld errichten und erste Berichte ins Solsystem zurückholen", erklärte er, als sie es erreicht hatten. "Das ist eine Gelegenheit für Sie, mitzugehen."
Commander Perkins rief die Wissenschaftler im Lager zusammen und informierte sie darüber, was geschehen war.
"Major Hoffmann wird hierbleiben und Ihnen weitere Auskünfte geben", schloß er seinen Bericht. Die Wissenschaftler
waren entsetzt. Keiner von ihnen hatte damit gerechnet, daß
Escape von intelligenten Wesen bewohnt wurde.
Er blickte auf sein Chronometer. Dann ging er zu einem Metallzelt, das die Wissenschaftler in der Mitte des Lagers errichtet
hatten. Er betrat es durch eine Schleuse. In dieser ergoß sich ein
Strom desinfizierender Flüssigkeit auf ihn. Er legte seinen Anzug
und seine Atemschutzmaske ab und ging in das Innere des Zeltes.
Kaum hatte er es erreicht, als Professor Com-mon auf dem viele
Lichtjahre entfernten Mond den Dimensionsbrecher einschaltete.
Unermeßliche Kräfte packten den Commander und ließen ihn in
die Dimensionen eintauchen. Er glaubte, ins Bodenlose zu
stürzen und die Sterne sehen zu können, wie sie mit unfaßbarer
Geschwindigkeit an ihm vorbeirasten. Er glaubte, das Echo des
Universums vernehmen zu können. Doch diese Eindrücke waren
nur Täuschungen. Perkins wechselte im Bruchteil einer Sekunde
vom Planeten Escape über ins Laboratorium des Dimensionsbrechers in der Mondbasis Delta 4.
Cindy Common befand sich allein an der Schaltwand des
Dimensionsbrechers. "Sie kommen zurück, Randy?" fragte sie
32

überrascht. "Was hat das zu bedeuten?"
"Escape darf nicht sterben", antwortete er ernst. "Der Planet ist
bewohnt!"
Sie war so überrascht und schockiert, daß sie sich setzen mußte.
"Sie müssen sich irren", erwiderte sie. "Es kann nicht sein.
Oberst Jason hat alles genau überprüft."
"Ich muß mit ihm reden", sagte der Commander. "Wo ist er?"
"In seinem Büro. General Crinian ist bei ihm."
"Das trifft sich gut!"
Randy Perkins verließ das Laboratorium, und betrat kaum zwei
Minuten später das Büro des Abwehroffiziers. Er bemerkte sofort, daß der General eine Auseinandersetzung mit Oberst Jason
gehabt hatte. Beide Männer sahen erregt aus.
"Ich hoffe, Sie haben einen wirklich wichtigen Grund, uns zu
stören", sagte Oberst Jason mit eisiger Stimme.
"Den habe ich", erwiderte der Commander. "Vor etwa drei
Stunden haben wir entdeckt, daß es intelligente Wesen auf Escape gibt. Das bedeutet, daß der Planet nicht zerstört werden darf."
"Unmöglich", entfuhr es dem Abwehrchef. Er sprang aus seinem Sessel auf. "Das ist ein abgekartetes Spiel! Sie versuchen
sich mit einer böswilligen Intrige dafür zu rächen, daß ich oft gezwungen war, meinen Willen Ihnen gegenüber durchzusetzen."
Commander Perkins hatte Oberst Jason noch niemals so erregt
gesehen. Der ranghöchste Offizier der Mondbasis war kreidebleich. Seine Unterlippe bebte. Es schien, als wolle er sich auf
den Commander stürzen.
Perkins ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Mit knappen
Worten berichtete er, was geschehen war.
Vier-Sterne-General Basil Lucan Crinian hörte zu, ohne zu unterbrechen. Seine bernsteinfarbenen Augen wurden dunkel, als
hätten sie die Schwärze des Weltalls eingefangen, und das kantige Gesicht bekam noch schärfere Konturen. Er erkannte die
ganze Tragweite der Entdeckung.
"Regen Sie sich ab, Jason", sagte er kühl, als Perkins seinen
Bericht beendet hatte. "Vorläufig macht Ihnen noch keiner einen
33

Vorwurf. Sie haben einen Fehler gemacht, aber das ist jetzt zweitrangig. Entscheidend ist, daß wir Escape retten müssen."
"Sie haben doch gehört - es ist unmöglich", entgegnete der
Oberst. "Ein 'schwarzes Loch' rast auf den Planeten zu und wird
mit ihm zusammenprallen. Die Copaner haben ihre Drohung
wahr gemacht. Sie schlagen mit aller Härte zu. Wollen Sie, daß
die Copaner dahinterkommen, daß wir sie getäuscht haben?
Wollen Sie ihre ganze Wut auf die Erde lenken?"
"Wollen Sie die Augen zumachen und Escape untergehen
lassen?" fragte Commander Perkins. "Wollen Sie, daß die
Menschheit sich eine derartige Schuld auflädt?"
"Wir haben uns in eine Sackgasse verrannt", stellte General
Crinian fest. "Schon der Entschluß, den Copanern einen anderen
Planeten als Erde anzubieten, war falsch. Wir hätten etwas unternehmen müssen, um sie zu versöhnen, aber wir hätten keinen
Bluff versuchen dürfen. Die Lage wird immer schlimmer für
uns." Er erhob sich und blickte sinnend auf eine Fotografie der
Milchstraße an der Wand. "Nach den uns vorliegenden Informationen sind wir ein kleines, unbedeutendes Volk am Rande der
Galaxis", fuhr er fort. "Im Zentrum der Galaxis gibt es vermutlich
viele Völker, die uns weit überlegen sind. Und eines Tages
werden wir vor ihnen stehen. Dann, Oberst Jason, möchte ich
nicht sagen müssen, daß wir einen ganzen Planeten mit seiner Bevölkerung vernichtet haben! Vernichtet, um unsere eigene Haut
zu retten!"
General Crinian blickte Commander Perkins an. Seine Augen
wurden wieder etwas heller. Er nickte kaum merklich, und der
Kommandant der GA 88 66 SPACE BOY wußte, daß seine Botschaft angekommen war.
Vier-Sterne-General Crinian war eine Persönlichkeit, die wußte, was Verantwortung bedeutet.
"Ich kehre nach Escape zurück", erklärte Commander Perkins.
"Ich habe Miriam Blister noch nicht aufgegeben. Ich werde sie
suchen. Außerdem ist es wohl notwendig, daß wir Kontakt zu den
Wasserwesen aufnehmen." Er lächelte. "Major Hoffmann
34

nennt sie 'Neptuner'!" schloß er seinen Bericht.
"Eine gute Idee", bestätigte Oberst Jason. "Nehmen Sie Kontakt
auf. Bereiten Sie die Neptuner darauf vor, daß sie wahrscheinlich
ihren Planeten verlassen müssen. Wir werden sie auf eine andere
Welt bringen, auf der sie leben können."
"Um damit auf dieser anderen Welt weitere Konflikte auszulösen", fügte Perkins bitter hinzu.
Oberst Jason blickte ihn feindselig an, und Commander Perkins
war froh, daß er in diesem Fall nicht die alleinige Entscheidungsgewalt hatte.

Im grünen Palast
"Das habe ich befürchtet", sagte Major Hoffmann seufzend, als
Commander Perkins mit dem Roboter KA-ZD-TR 3379 nach
Escape zurückkehrte. Cindy Common hatte sie mit Hilfe des
Dimensionsbrechers inmitten aufgestapelter Kisten und Kästen
abgesetzt. "Mußtest du diese Plastik-Olive unbedingt mitbringen?"
Peter Hoffmann spielte auf das olivgrüne Äußere des Roboters
an, der Commander Perkins begleitete, und den er mit dem Spitznamen Camiel bedacht hatte. Camiel war auch der Vorname von
Oberst Jason.
Commander Perkins ging nicht auf den Vorwurf ein. Doch der
Roboter KA-ZD-TR 3379 schwieg nicht.
"Ich soll dir einen schönen Gruß von meinem edlen Schöpfer,
Dr. Mario Andreotti, übermitteln, Paps", schnarrte er.
"Danke", entgegnete der Major und bemühte sich, die vertrauliche Anrede zu überhören. "Was läßt er mir ausrichten?"
"Das wirst du schon noch merken."
Hoffmann blickte den Roboter verblüfft an.
"Randy", sagte er anklagend. "Es geht schon los! Hättest du
35

Andreotti nicht veranlassen können, diesen wandelnden Computer anders zu programmieren?"
"Du übersiehst wieder einmal, Paps, daß ich der siebenundzwanzigsten Generation entstamme und der Individualklasse
angehöre", erklärte Camiel würdevoll. "Daher wäre ich ohne weiteres in der Lage gewesen, einen entsprechenden Befehl meines
Meisters als Scherz zu erkennen."
"Da hörst du es, Randy", sagte Peter Hoffmann protestierend.
"Er ist übergeschnappt. Und da wir ihn unter Wasser ohnehin
nicht einsetzen können, bin ich dafür, ihn sofort zum Mond zurückzuschicken."
"Willst du damit andeuten, ich sei nicht ganz dicht, Paps?"
fragte der Roboter. "Du irrst dich. Ich kann auch unter Wasser
arbeiten."
Major Hoffmann setzte zu einer Antwort an, schüttelte dann
aber nur hilflos den Kopf und drehte sich um. Er entfernte sich
einige Schritte von Commander Perkins und dem Roboter. Dann
blieb er stehen und blickte nachdenklich auf den Boden. Wenig
später nickte er und wandte sich Perkins grinsend wieder zu.
"Ich habe verstanden, Randy", sagte er. "Du willst das Problem
endgültig für mich lösen. Ein schwarzes Etwas wird vom Himmel
fallen, und Camiel wird auf einem Hügel sitzen und das Ding beobachten, bis es einschlägt. Ist das richtig?"
Commander Perkins lachte leise.
"Ganz bestimmt nicht, Peter", antwortete er. "Ich habe nicht
vor, Camiel hier auf Escape zu lassen, damit er Bestandteil des
'schwarzen Lochs' wird."
"Nicht?" Peter Hoffmann sah enttäuscht aus. Er zuckte mit den
Schultern. "Dann eben nicht. Mir wird schon noch etwas anderes
einfallen. Verlaß dich drauf, Camiel. Wir werden noch unseren
Spaß haben."
"Das glaube ich, Paps. Genau das hat mein Meister Andreotti
auch zu mir gesagt."
Die Plänkelei zwischen dem Roboter und Peter Hoffmann wäre
sicherlich noch weitergegangen, wenn der Astrophysiker Ferdo
36

Frank nicht zu ihnen gekommen wäre.
"Wir sind jetzt sicher, daß wir richtig beobachtet haben", erklärte er.
"Ich werde mir später ansehen, zu welchen Ergebnissen Sie gekommen sind", erwiderte Commander Perkins. "Wir werden zunächst noch einmal nach Miriam und den Wasserwesen suchen.
Ich denke, daß ich in spätestens sechs Stunden zurück bin."
"In zwei Stunden wird es dunkel", entgegnete der Wissenschaftler. "Wollen Sie nicht lieber bis morgen früh warten?"
"Wir haben schon genug Zeit verloren. Camiel wird uns helfen,
unser Ziel auch in der Dunkelheit zu erreichen."
Wenig später waren die beiden Männer und der Roboter mit
dem Geländewagen auf dem Weg nach Süden.
"Schade, daß wir keinen Gleiter von Lightfire mit zum Mond
nehmen konnten", sagte Major Hoffmann. "Damit wären wir
schneller gewesen, und wir hätten über dem Wasser fliegen
können. Vielleicht hätten wir dabei früher und leichter die Neptuner gefunden."
"Mit diesem Ding können wir auch unter Wasser operieren",
erklärte Perkins. "Das ist wichtiger!"
Camiel lenkte die Maschine. Er fuhr mit Höchstgeschwindigkeit und wich geschickt allen Unebenheiten aus. Hin und wieder
schreckte der Shaddy kleinere Tiere auf, die in Bodenrillen nach
Nahrung suchten. Es waren zumeist vierbeinige Geschöpfe mit
langgestreckten Köpfen und biegsamen Rüsseln, mit denen sie
den Boden aufwühlten.
Als der Shaddy etwa die Hälfte der Strecke bis zu dem Ziel zurückgelegt hatte, das Commander Perkins anstrebte, stieg ein
riesiger Raubvogel vor dem Fahrzeug auf. Die mächtigen
Schwingen hatten eine Spannweite von fast vier Metern. In den
Krallen hielt der Vogel ein pelziges Büschel.
Camiel löste das Signalhorn aus. Der Raubvogel erschrak so
sehr, daß er seine Beute fallen ließ und" heftig flatternd aufs
Meer hinaus flog.
Der Roboter bremste und hielt an.
37

"Was soll das nun wieder?" fragte Peter Hoffmann. "Hast du
vergessen, daß wir auf der Suche nach Miriam sind?"
"Ein Roboter vergißt nichts", stellte Camiel fest. "Schließlich
ist ein Roboter kein Mensch und daher auch nicht mit Schwächen
behaftet."
"Es gibt gewisse Dinge, die ich als Mensch bestimmt nicht
vergessen werde", verkündete Peter Hoffmann. "Dazu gehört, dir
die Ohren langzuziehen."
"Wenn du mit Ohren die hochempfindlichen Mikrophone
meinst, Paps, die zu meinem Informationssystem gehören, dann
dürfte es dir schwerfallen, diese langzuziehen."
"Mußt du immer das letzte Wort haben?" fragte Hoffmann erschöpft.
"Natürlich nicht, Paps. Ich fühle mich jedoch verpflichtet, die
Ungenauigkeiten deiner Aussagen zu verbessern." Camiel wandte
sich an Commander Perkins. "Erlauben Sie, Sir?"
Perkins sah das kleine Pelzwesen, das einige Meter vor dem
Shaddy im Sand kauerte. Es bot einen beklagenswerten Anblick.
Die Krallen des Raubvogels hatten es verletzt.
"Nur zu", erwiderte er.
"Danke, Sir. Ich bin nun einmal eine mitleidige Seele. Ich kann
eine solche Kreatur nicht leiden sehen."
"Jetzt ist er total verrückt geworden", sagte Peter Hoffmann, als
der Roboter ausgestiegen war und sich neben dem Tier in den
Sand kniete. "Will er sich um jedes Wesen kümmern, das auf
Escape Opfer eines anderen geworden ist? Dann würde er die
ganze Natur dieses Planeten umkrempeln, und wenigstens die
Hälfte aller Tiere würde verhungern."
Camiel hob das Pelzwesen vorsichtig hoch und drückte es sich
an die Brust.
"Er ist verrückt geworden", wiederholte Peter Hoffmann. "Wir
müssen aufseine Dienste verzichten, Randy."
Er rutschte zur Seite und setzte sich hinter die Steuerelemente.
Er löste die Bremsen und beschleunigte voll. Der Atommotor
heulte auf. Der Sand flog hinter dem Shaddy weg. Dann raste das
38

Fahrzeug an Camiel vorbei. "Willst du ihn nicht mitnehmen?"
fragte Perkins.
Peter Hoffmann grinste schadenfroh. "Grünspecht soll laufen."
Er blickte auf den Tacho. Die elektronische Anzeige wies einen
Wert von etwas mehr als hundert aus. Im Rückspiegel sah Hoffmann den Roboter, der hinter dem Geländewagen herlief. Camiel
hielt das Pelzbündel in den Armen. Hoffmann fuhr noch ein
wenig schneller.
Commander Perkins grinste. "Wie lange soll das gehen, Peter?"
Der Major strich sich schmunzelnd mit dem Handrücken über
das Kinn.
Dann tippte er auf das Funkgerät.
"Bis Freund Camiel uns signalisiert, daß ihm die Puste ausgeht.
Aber das wird wohl noch einige Zeit dauern."
"Oder bis dir klargeworden ist, daß ein Roboter in diesem
Sinne keine Puste hat?"
Peter Hoffmann fluchte. Er bremste so heftig, daß Camiel beinahe gegen das Heck des Geländefahrzeugs geprallt wäre. Im letzten Moment konnte der Roboter noch zur Seite springen.
Peter Hoffmann und Randy Perkins legten die Atemschutzmasken an. Dann öffnete der Major die Tür.
"Hallo, Grünspecht", sagte er. "Komm her und steige ein. Deine
sportlichen Ambitionen kannst du ein andermal befriedigen."
Wortlos stieg der Roboter ein. Er setzte sich an die Tür neben
Peter Hoffmann. Das winzige Pelzwesen, das er geborgen hatte,
saß auf seiner Hand. Es war etwa so groß wie ein Eichhörnchen,
hatte einen runden Kopf mit zwei schwarzen Augen und einer
keck hervorragenden Nase. Auf dem Kopf erhoben sich zwei grüne Pelzbüschel, die nun allerdings arg zerzaust aussähen. Das
Wesen hatte einen buschigen Schwanz, der länger war als es
selbst. Es legte ihn sich in geradezu hoheitsvoll anmutender Bewegung um die Schultern.
"Ein Bein ist gebrochen", berichtete Camiel. "Ich habe es bereits geschient."
"Wann hast du das gemacht?" fragte Perkins verblüfft.
39

"Als ich das Vergnügen hatte, hinter dem Shaddy herlaufen zu
dürfen."
"Da hast du Zeit gefunden, einen Stock zu suchen, ihn aufzunehmen, damit das Bein zu schienen und das Ganze auch noch
mit dieser Pflanzenfaser zu umwickeln?"
Das Pelzwesen stieß einen schrillen Schrei aus. Peter Hoffmann
hielt sich die Hände an die Ohren.
"Wir werden kaum lange genug auf Escape bleiben, um das
Tier ausreichend pflegen zu können", stellte Perkins fest.
"Es braucht nur ein wenig Ruhe", erwiderte Camiel. "Ich habe
ihm den Namen Lucky gegeben."
"Hoffentlich bleibt Lucky das einzige Wesen, das du pflegen
willst", sagte Peter Hoffmann.
Das Pelzwesen begann wieder zu schreien, und Peter Hoffmann verzog das Gesicht. Die Klagelaute des Tieres waren so
schrill, daß ihm die Ohren weh taten.
"Du könntest recht haben, Camiel", bemerkte Commander Perkins, der plötzlich erriet, aus welcher Überlegung heraus der Roboter das verletzte Tier aufgenommen hatte. "Wenn wir Miriam
finden, und wenn sie noch lebt, dann könnte Lucky genau das
richtige für sie sein. Er könnte ihr helfen, sich aus dem Schock zu
lösen, den sie zweifellos erlitten hat."
"Hm - das könnte sein", stimmte Hoffmann zu.
Lucky begann zu schreien, als er die Stimme des Majors hörte.
"Was ist denn los mit dem Biest?" fragte Hoffmann. "Weshalb
schreit es immer, wenn ich den Mund aufmache?" Lucky schrie
noch etwas lauter und noch schriller.
"Vielleicht möchte mein kleiner Freund, daß du still bist?" Camiel streichelte das Pelzwesen.
Peter Hoffmann verengte die Augen. Er wechselte mit dem
Commander den Platz. Voller Argwohn blickte er den Roboter
an. "So weit kommt es noch", empörte er sich. "Du sammelst eine
verletzte Kreatur auf, und fortan muß ich den Mund halten. Wer
erteilt hier eigentlich wem die Befehle?"
"Du mir, Paps."
40

"Dann halte dich gefälligst auch daran." Lucky schrie noch
lauter. Er preßte sich die kleinen Pfötchen an die Ohren.
"Was hast du mit ihm gemacht?" fragte Peter Hoffmann.
"Nichts weiter, Paps", eröffnete Camiel ihm. "Ich habe Lucky
nur ein wenig dressiert. Lucky ist klug. Sicherlich kann ich ihm
noch viel mehr beibringen, als nur zu schreien, wenn er deine
Stimme hört!"
Hoffmann sank die Kinnlade nach unten. Sprachlos blickte er
den Roboter an.
"Da ist ein Neptuner", rief Camiel plötzlich und wies in Richtung auf die untergehende Sonne. Commander Perkins sah den
Kopf eines Neptuners in den Wellen versinken. Peter Hoffmann
aber reagierte viel zu spät. Ihm zeigte der Roboter auf dem Videoschirm, was er entdeckt hatte. Währenddessen lenkte Commander Perkins den Wagen bereits ins Wasser. Er verringerte die
Geschwindigkeit nicht. Wie ein Geschoß schlug der Wagen
durch die Wellen.
Als er die Wasseroberfläche durchbrochen hatte, beobachteten
die beiden Männer Hunderte von großen, farbenprächtigen
Fischen, die vor einem fast zehn Meter langen Wesen flohen, das
zwei langgestreckte Köpfe mit furchterregenden Zahnreihen
hatte. Vor diesem Meeresräuber versteckte sich der Neptuner in
einer Felsspalte. Offenbar hatte er das Fahrzeug noch nicht
wahrgenommen.
Commander Perkins verringerte die Geschwindigkeit. In
diesem Moment blickte die Schuppengestalt zu ihnen herüber.
Der Neptuner fuhr erschrocken zurück, warf sich herum und floh.
Dabei bewegte er sich mit eleganten, schwingenden Bewegungen, die an den Schultern begannen und sich bis in die Fußspitzen hinein fortsetzten. Sie glichen den Schwimmbewegungen
des terranischen Delphins. Dabei entwickelte er eine erstaunliche
Geschwindigkeit. Er war so schnell, daß der Shaddy Mühe hatte,
ihm zu folgen.
Unvermittelt tat sich eine Schlucht vor ihnen auf. Der Neptuner
stürzte hinein und verschwand.
41

Commander Perkins stoppte den Shaddy am Rande der
Schlucht. Vor ihm ging es steil in die Tiefe. Er konnte nur noch
etwa dreißig Meter tief sehen, dann wurde das Wasser schwarz
und undurchdringlich.
"Er kann noch nicht da unten sein", sagte Major Hoffmann. "Er
hatte einen Vorsprung von vielleicht zwanzig Metern. Wir müßten ihn noch sehen können."
"Wahrscheinlich hat er sich in einer Felsspalte versteckt. Genau
wie vorhin", vermutete Perkins.
"Ich werde eine seismische Untersuchung vornehmen", schlug
Camiel vor, "falls Sie keine Einwände haben, Sir."
"Ich habe keine Einwände", erklärte Hoffmann großzügig. Der
Roboter wandte ihm das stilisierte Gesicht zu.
"Dich hatte ich nicht gemeint, Paps", erwiderte er, während er
bereits mit seinem Experiment begann. "Ich würde niemals ,Sir'
zu dir sagen!"
"So! Würdest du nicht! Verdammt noch mal, und warum
nicht?"
"Aber, Paps", entgegnete Camiel. Auf dem Bildschirm vor ihm
erschienen mehrere gezackte Linien. "Weißt du das wirklich
nicht?"
"Nein. Ich weiß es nicht", erklärte Hoffmann gereizt. "Heraus
damit."
"Weil mein Herr und Meister Doktor Andreotti mir eine derartige Auszeichnung für dich nicht einprogrammiert hat", antwortete Camiel. "Er ist der Ansicht, daß du . . ."
"Es reicht", sagte Hoffmann stöhnend. Er blickte Perkins
verzweifelt an. "Randy, ich schwöre dir, daß dies der letzte Einsatz ist, bei dem ich diese Nervensäge akzeptiere. Wenn du
nicht..."
"Da ist eine Höhle", unterbrach ihn der Roboter. "Paps, das ist
wichtig. Die Höhle hat erhebliche Dimensionen. Sieh selbst."
Hoffmann vergaß seinen Ärger. Er blickte auf die Zeichnung,
die der Bordcomputer angefertigt hatte. Unter ihnen lag tatsächlich eine Höhle. Sie begann etwa sechzig Meter unter ihnen
42

und setzte sich mit großer Wahrscheinlichkeit über viele Kilometer hinweg fort.
"Die sehen wir uns an", beschloß Perkins. Zugleich lenkte er
den Shaddy über den Rand der Schlucht hinaus. Ein Schwarm
von handgroßen Fischen zog an ihnen vorbei. Er war so dicht,
daß sich das Meer schwarz färbte, und die Sicht sich auf wenige
Meter reduzierte. Doch das hielt Perkins nicht auf. Das Geländefahrzeug war mit so vielen Orientierungsgeräten ausgerüstet, daß er auf direkte Sicht nicht angewiesen war.
Er fuhr zwei Teleskopbeine aus und stützte sich damit an den
Seitenwänden der Schlucht ab. Dann ließ er den Shaddy langsam
nach unten sinken. Der Fischschwarm löste sich auf, und wenig
später verharrte das Fahrzeug vor einer gezackten Öffnung im
Fels.
"Hier muß es sein." Peter Hoffmann deutete nach vorn. Perkins
schaltete die Scheinwerfer ein. In ihrem Licht leuchteten die mit
grünen und roten Korallen bedeckten Wände eines Tunnels auf,
der schräg in die Tiefe führte. Einige Weichtiere, die wie schwebende Netze aussahen, flüchteten in seitliche Spalten. Sie stießen
einen Schwall von Luftblasen aus, um ihren Rückzug zu tarnen.
"Ich könnte durch die Schleuse nach draußen gehen und
erkunden, wohin der Tunnel führt", sagte der Roboter.
"Damit warten wir, bis es so eng wird, daß wir mit dem Shaddy
nicht mehr weiterkommen", widersprach Perkins und trieb das
Fahrzeug voran. In mäßiger Fahrt drang es in den Tunnel ein.
Als sie etwa zwanzig Meter weit gekommen waren, schien die
Höhlung zu Ende zu sein. Schwarze Algen wuchsen wie eine
Wand vor dem Spezialfahrzeug auf.
"Laß dich nicht täuschen, Randy", sagte Hoffmann. "Dahinter
geht es weiter."
Die Wand teilte sich, und ein langgestreckter Körper schoß auf
den Shaddy zu. Unwillkürlich fuhren die beiden Männer zurück.
Ein spitz zulaufender Kopf prallte krachend gegen die
Frontscheibe. Der Aufschlag war so hart, daß der Shaddy
schwankte und fast einen Meter weit zurückgetrieben wurde.
43

Doch die Scheibe hielt. Der Angreifer warf sich zur Seite. Für
den Bruchteil einer Sekunde konnten die beiden Männer und der
Roboter einen Fisch sehen, der fast fünf Meter lang war. Dann
verschwand das Tier im Dunkel.
"Der Fisch hat einen Dorn, mit dem er wahrscheinlich jeden
Gegner aufspießen kann", stellte Camiel fest. "Die Scheibe war
allerdings zu hart für ihn."
"Glücklicherweise!" Peter Hoffmann blickte auf die Glaskuppel, die sich schützend vor ihm wölbte. Er war sich dessen sicher, daß sie auch einem Angriff der Neptuner standhalten
würde. Unangenehm konnte es für sie im Shaddy nur werden,
wenn es den Wasserwesen gelang, das Fahrzeug so im Tunnel zu
verkeilen, daß es sich festsetzte und sich nicht mehr aus eigener
Kraft befreien konnte.
Der Tunnel endete in einer kugelförmigen Höhle, deren Innenseiten mit zahllosen Polypen besetzt waren.
"Da vorn ist ein Schacht", erklärte Camiel. "Er führt senkrecht
in die Tiefe. Den seismischen Untersuchungen zufolge geht es etwa siebzig Meter weit nach unten. Dann müßten wir den tiefsten
Punkt der Höhle und zugleich ihren Zugang erreicht haben."
Commander Perkins ließ den Wagen über die Schachtöffnung
gleiten und absinken. Die Kabine schwankte leicht.
Als die Ketten den Grund des Schachts berührten, wußten die
beiden Männer, daß sie ohne den Wagen nicht mehr nach oben
kommen konnten. Sie befanden sich so tief unter der Wasseroberfläche, daß sie dem Druck nicht mehr ohne Schutzanzüge hätten
standhalten können.
Commander Perkins schaltete die Scheinwerfer aus.
"Was soll das?" fragte Hoffmann.
"Vor uns ist etwas", antwortete Perkins. Die Augen der beiden
Männer gewöhnten sich schnell an die Dunkelheit. Das Wasser
um sie herum war schwarz. Vor ihnen aber leuchtete es smaragdgrün!
"Licht", rief Hoffmann überrascht. "Da vorn ist Licht!" Commander Perkins ließ den Wagen nach vorn rollen. Allmählich
44

schob er sich näher an die Lichtquelle heran. Der Tunnel, in dem
sie sich befanden, stieg nun leicht an, und bald konnten die
beiden Männer und der Roboter sehen, daß schräg über ihnen
eine schimmernde Fläche lag.
"In der Höhle befindet sich eine Luftblase", erklärte Camiel.
"Sie sorgt dafür, daß das Wasser nicht eindringen kann."
Tatsächlich durchstieß das Spezialfahrzeug schon Sekunden
später die Wasseroberfläche und glitt in eine gewaltige Höhle, die
von einem geisterhaften Licht erfüllt war. Die Wände der Höhle
wölbten sich über dem Fahrzeug. Sie waren mit grün leuchtenden
Lichtquellen übersät.
"Ein grüner Palast", sagte Camiel.
Commander Perkins, Major Hoffmann und er blickten in eine
phantastisch anmutende Welt. Fremdartig geformte Pflanzen von
exotischer Schönheit wuchsen von der Decke der Höhle herab.
Sie bildeten eine Art Schirm über einer Insel, auf der sich grüne
und gelbe Bauten erhoben, die wie an der Oberseite abgeschnittene Bienenkörbe aussahen. Zwischen ihnen standen etwa
zweihundert Neptuner. Die Wasserwesen blickten voller Entsetzen auf das Spezialfahrzeug, das sich ihnen summend und
rasselnd näherte.
Vor einer unregelmäßig geformten Säule, die etwa fünf Meter
hoch war, brannte ein Feuer. Daneben saß eine Frau. Sie winkte
ihnen lachend zu.
"Miriam", sagte Major Hoffmann fassungslos. "Sie lebt."
"Und sie trägt keine Schutzmaske", bemerkte der Commander.

Tödliche Gefahr
Miriam Blister sprang auf und eilte Major Hoffmann entgegen.
Sie freute sich so, daß sie unwillkürlich die Arme ausbreitete.
Doch dann blieb sie einige Schritte vor ihm stehen und streckte
45

ihm nur die Hand entgegen. Ihr fiel auf, daß der Offizier seine
Atemschutzmaske trug, und sie erinnerte sich daran, welche Bedeutung diese hatte. Im Licht der unzähligen Kristalle, die die
Höhle zu einem grünen Palast machten, sah Miriam aus, als sei
sie Teil einer Pflanze. Major Hoffmann glaubte, bereits deutliche
Anzeichen einer Krankheit an ihr erkennen zu können.
"Miriam - Sie leben", sagte er. "Wir haben kaum noch damit
gerechnet."
"Dennoch haben Sie mich gesucht?"
"Das war doch selbstverständlich", entgegnete Commander
Perkins, der sich nun zu ihnen gesellte. Auch er trug seine Atemschutzmaske, um sich gegen die tödlich wirkenden Mikroorganismen abzuschirmen, die es überall auf Escape gab. An seiner Seite
befand sich Camiel.
"Sie ist tatsächlich so schön, wie man mir gesagt hat", erklärte
der Roboter. "Ich freue mich, Sie zu sehen, Miriam."
"Geben Sie nichts auf seine Worte", sagte Hoffmann. "Der Roboter hat keine Gefühle. Er kann sich gar nicht freuen."
"Dennoch war nett, was er gesagt hat. Danke, Robot." Sie legte
die Hände an die Wangen. Commander Perkins sah, daß sie
zitterte. "Ich trage keine Maske. Ich habe sie verloren. Beim
Kampf mit den Wasserwesen. Ob es die Mikroorganismen wohl
auch hier in der Höhle gibt?" Camiel verneigte sich leicht.
"Mein Name ist Camiel. Bisher habe ich hier keine Mikroorganismen feststellen können. Dennoch rate ich, eine Schutzmaske anzulegen. Im Wagen ist noch eine. Ich werde sie holen.
Doch zuvor noch ein Wort. Einwände, wie sie Major Hoffmann
erhoben hat, treffen mich nicht. Ich weiß, daß er eifersüchtig auf
mich ist!"
Miriam lachte hell auf. Sie schien vergessen zu haben, daß sie
in tödlicher Gefahr schwebte. Sie wandte sich um und zeigte auf
die Schuppengestalten, die sich ihnen zögernd näherten.
"Sie müssen meine Freunde begrüßen", sagte sie.
"Wieso leben Sie noch, Miriam?" fragte Perkins und wechselte
einen schnellen Blick mit Hoffmann. Die beiden Offiziere wuß46

ten, daß Camiel die Unwahrheit gesagt hatte. Der Roboter hatte
keine Untersuchung der Luft vorgenommen. Er konnte daher
noch nicht wissen, ob es hier Mikroorganismen gab oder nicht.
Offensichtlich hatte er Miriam nur trösten wollen. "Wir haben
gesehen, wie die Neptuner Sie in die Wellen gezogen haben. Wie
sind Sie in diese Höhle gekommen? Sie können unmöglich so
lange die Luft angehalten haben." Sie lachte erneut.
"Das habe ich auch nicht", erwiderte sie. "Als die Neptuner,
wie Sie sie nennen, mich ins Wasser zogen, dachte ich, ich müßte
ertrinken. Ich habe mich gewehrt. Ich wollte wieder nach oben.
Aber da hat mir einer von ihnen seine Lippen auf den Mund gepreßt und mir Luft hineingeblasen. Ich hatte Angst, und ich habe
mich vor ihnen geekelt, aber dann merkte ich, daß ich ertrunken
wäre, wenn sie mir nicht auf diese Weise geholfen hätten. Ich
hatte keine andere Wahl. Sie zogen mich in die Tiefe. Ich habe
schon oft getaucht, und so wußte ich, wie ich mich zu verhalten
hatte. Es ging ganz schnell. Ich merkte, daß sie mich in die Tiefe
schleppten. Diese Höhle hier muß sehr weit unter der Oberfläche
liegen. Der Druck stieg immer mehr an, bis ich ohnmächtig
wurde. Ich weiß nicht, wie lange ich bewußtlos war. Als ich
wieder zu mir kam, befand ich mich in dieser Höhle. Die Neptuner standen um mich herum und starrten mich an mit ihren seltsamen Fischaugen." Sie lachte. "Verrückt war das! Sie glotzten
mich immer nur an. Ich versuchte mich mit ihnen zu verständigen, aber bisher ist mir das nicht geglückt, obwohl auch sie sich
Mühe gegeben haben. Wenn ich einen elektronischen Übersetzer
gehabt hätte, wäre alles viel leichter gewesen."
Commander Perkins bemerkte, daß sich einige Neptuner dem
Spezialfahrzeug genähert hatten und es neugierig betasteten. Die
Wasserwesen wußten offensichtlich mit dem Wagen nichts anzufangen. Sie unterhielten sich. Zumindest sah es so aus. Ihre seltsamen Arme und Beine, und die kammartigen Gebilde am Kopf
bewegten sich.
Camiel ging zum Shaddy.
Als er zurückkehrte, hielt er Lucky in den Händen, die er an47

einandergelegt und zu einer Schale geformt hatte. Er verneigte
sich leicht vor der Biologin und hielt ihr das Pelzwesen hin.
"Ich habe hier einen kleinen Patienten", erläuterte er. "Wir
haben ihn am Strand gefunden. Er braucht Pflege. Leider sind wir
nicht dazu in der Lage, sie ihm zu geben. Darf ich Sie bitten, das
zu übernehmen ?"
Miriam lächelte.
Behutsam nahm sie Lucky entgegen. Verängstigt versuchte das
Tier aus ihren Händen zu flüchten, beruhigte sich jedoch schnell,
als Camiel leise pfiff.
"Leider beginnt das Biest sofort zu jaulen, wenn ich etwas
sage", beklagte sich Peter Hoffmann.
Lucky antwortete sogleich mit einigen schrillen Lauten, und
Hoffmann hielt sich gequält die Ohren zu.
"Ein bescheidener Versuch, die oft unqualifizierten Aussagen
von Paps einzudämmen", erklärte Camiel.
Miriam lachte hell auf, und auch einige Neptuner lachten. Die
schrillen Schreie schienen ihnen zu gefallen.
Miriam streichelte Lucky und untersuchte das geschiente Bein.
Commander Perkins war davon überzeugt, daß sie sich intensiv
um Lucky kümmern, und daß sie diese Pflege von einigen
anderen Problemen ablenken würde.
Dann näherten sich einige der Schuppenwesen. Sie trugen Geschenke in den Händen: Fische, Krebse, Muscheln, Korallen,
Kristalle voller Feuer und verschiedene einfache Werkzeuge.
Einige Meter von ihnen entfernt legten die Neptuner die Geschenke auf den Boden. Sie gestikulierten heftig.
"Sie erwarten, daß wir ihnen auch Geschenke übergeben, Sir",
erklärte Camiel. "Sie halten Sie und Paps für Götter, die gekommen sind, um ihnen Mut für die Rückkehr zur Oberfläche zu machen."
"Du kannst sie verstehen?" fragte Hoffmann überrascht.
"Teilweise, Paps", erwiderte der Roboter. "Immerhin gehöre
ich zur Individualklasse und verfüge über einen besonders hohen
Intelligenzquotienten. Es ist mir daher möglich, aus den mir ver48

ständlichen Bruchstücken mittels logischer Kombination den
Sinngehalt ihrer Äußerungen zu ermitteln."
Peter Hoffmann seufzte. "Kannst du nicht einfach antworten:
Ja?'" fragte er. "Mußt du mir jedesmal Vorträge über deine besonderen Qualitäten halten?"
"Wir haben einige Dinge im Shaddy, auf die wir verzichten
können", unterbrach Commander Perkins das beginnende Wortgefecht. "Die können wir den Neptunern schenken."
Wenig später überreichte er den Wasserwesen einige Werkzeuge und Ausrüstungsgegenstände. Die Neptuner nahmen sie
dankbar entgegen.
"Ich muß Ihnen etwas zeigen!" Miriam griff nach Commander
Perkins' Arm. "Sie müssen es unbedingt sehen. Wenn Sie eine
tragbare Kamera an Bord haben, nehmen Sie sie bitte mit."
Die Biologin führte die beiden Männer und den Roboter tiefer
in die Höhle hinein. Dabei schien sie völlig vergessen zu haben,
daß sie mit Mikroorganismen durchsetzte Luft einatmete, die tödlich für sie war. Sie hielt die Atemmaske in den Händen, setzte
sie jedoch nicht auf. Dieses Verhalten war für die beiden Männer
um so überraschender, als sie gerade auf dem Gebiet der Mikrobiologie eine Spezialistin war. Bereits als Vierzehnjährige hatte
sie, unter der Anleitung eines Lehrers, damit begonnen, sich mit
Mikroorganismen zu befassen. Sie wußte um die Gefahren, und
sie hatte während ihrer Forschungsarbeiten immer wieder bewiesen, daß sie sich der Verantwortung bewußt war, die sie im
Umgang mit Viren und Bakterien trug. Und außerdem hatte sie
vor ihrer Reise einen Lehrgang absolviert, bei dem ihr beigebracht worden war, wie sie sich auf Escape zu verhalten hatte.
Ihre Sorglosigkeit war völlig unverständlich.
Miriam wußte, daß sie nie ohne Atemschutzmaske sein durfte.
Sie wußte, wie man einen Shaddy, die sterilen Forschungsstätten
und die Unterkünfte der Wissenschaftler durch eine Desinfektionsschleuse betrat. Und sie wußte, welche Vorschriften bei der
Rückkehr zum Mond zu beachten waren, damit keine Mikroorganismen auf den Stützpunkt oder gar die Erde eingeschleppt
49

wurden.
Wäre sie nicht in dieser sorgfältigen Weise wie alle anderen
Wissenschaftler auch auf die Expedition nach Escape vorbereitet
worden, hätte sie niemals die Erlaubnis erhalten, daran teilzunehmen.
Und nun war gerade das eingetreten, was die Verantwortlichen
hatten vermeiden wollen. Commander Perkins machte sich Vorwürfe, obwohl ihn keine Schuld traf. Er war für die junge Galakto-Biologin verantwortlich. Das allein zählte.
Jetzt war es zu spät. Es hatte keinen Sinn mehr, Miriam die
Maske aufzusetzen. Sie mußte sich bereits infiziert haben.
Gegenmittel gegen die von den Mikroorganismen ausgelöste
Krankheit, die sich in einem plötzlichen Zusammenbruch äußerte,
waren bisher nicht gefunden worden. Ganz auszuschließen war
allerdings nicht, daß die Luft in der tief unter der Wasseroberfläche liegenden Höhle von tödlichen Keimen frei war.
Miriam führte Commander Perkins, Major Hoffmann und Camiel durch einen niedrigen Gang in eine weitere Halle, die etwa
hundert Meter lang, fünfzig Meter breit und dreißig Meter hoch
war. An den Wänden strahlten Millionen von Kristallen, die ein
geisterhaftes Licht verbreiteten.
Staunend blieben die beiden Männer stehen.
Der Boden der Halle war mit Kunstschätzen bedeckt. Statuen
erhoben sich bis in eine Höhe von zehn Metern. Es waren Darstellungen von Neptunern, die seltsam geformte Gegenstände in
den Händen trugen. Daneben standen abstrakte Skulpturen von
unvergleichlicher Schönheit. An den Wänden befanden sich Mosaiken, die Szenen aus dem Leben der Neptuner zeigten. Commander Perkins bemerkte, daß diese sich keineswegs nur auf die
Unterwasserwelt bezogen, und er erinnerte sich an die Übersetzung Camiels, in der dieser angedeutet hatte, daß die Neptuner
an eine Rückkehr zur Oberwelt dachten.
Er begann Aufnahmen mit der elektronischen Kamera zu machen. Seine besondere Aufmerksamkeit richtete sich auf die Mosaiken. Auf ihnen waren Neptuner zu sehen, die Fischspeere
50

trugen. Diese erinnerten ihn an altgriechische Darstellungen.
Die Bilder zeigten Szenen aus dem Leben eines heiteren, unbeschwerten Volkes.
"Nun?" fragte Miriam angriffslustig. "Wollen Sie den Neptunern nicht endlich mitteilen, daß Sie diese Welt vernichten
müssen? Erklären Sie ihnen doch, daß Sie ihren Lebensraum und
diese Kunstschätze zertrümmern werden."
Perkins wandte sich um. Er sah, daß ihnen etwa fünfzig Neptuner gefolgt waren. Deutlich erkannte er den wohlwollenden und
freundlichen Ausdruck in ihren Gesichtern, und er begriff, daß
Miriam eine tiefe Sympathie für dieses Volk gefaßt hatte.
Für ihn war erstaunlich, wie schnell sich die Neptuner mit der
für sie neuen Situation abgefunden hatten. Noch niemals zuvor in
ihrer Geschichte waren Intelligenzen bei ihnen gewesen, die nicht
von diesem Planeten stammten. Unendlich viel trennte sie voneinander. Vielleicht sahen die Neptuner wirklich so etwas wie
Götter in ihnen.
Miriam wandte sich um und lief davon. Sie flüchtete in die von
Kunstschätzen gefüllte Halle hinein.
"Bleibt hier", bestimmte Perkins. "Ich gehe ihr nach. Kümmert
ihr euch um die Wasserwesen!"
Langsam folgte er der jungen Frau.
Er fand Miriam unter dem Porträt eines Neptuners mit einem
golden glänzenden Anzug. Das Wasserwesen stand vor einem
Kuppelgebäude, das einem terranischen Planetarium glich.
Die Wissenschaftlerin kauerte auf dem Boden und schien den
Commander nicht zu sehen.
"Ich möchte gern etwas für die Neptuner tun", sagte Perkins
leise. "Aber ich weiß nicht, was. Das 'schwarze Loch' ist da, und
wir können es nicht beeinflussen."
"Was ist ein 'schwarzes Loch'?" fragte sie wie aus weiter Ferne.
Major Hoffmann betrachtete die Schuppengestalten, die sich
angeregt miteinander unterhielten. Obwohl er ihre Sprache nicht
verstand, erkannte er mühelos, daß sie über die Geschenke diskutierten, die sie bekommen hatten. Mit einiger Sorge beobachtete
51

er, wie ein Neptuner mit einer Axt herumfuchtelte. Offensichtlich
wußte der Wasserbewohner nicht, wie scharf der Stahl war,
welch gefährliche Waffe er in Händen hielt.
Um zu verhindern, daß er andere verletzte, wollte Peter Hoffmann dem Neptuner entgegengehen, als es plötzlich extrem still
in der Halle wurde. Der Major blieb stehen und lauschte. Die
Schuppenwesen wichen vor dem Shaddy zurück. Nur ein kleiner
Neptuner blieb daneben stehen.
"Was ist los, Camiel?" erkundigte sich der Major.
"Offenbar ein Feind", antwortete der Roboter sachlich.
Peter Hoffmann trat einige Schritte zur Seite, bis er das
Wasserloch sehen konnte, durch das sie mit dem Shaddy in die
Höhle gekommen waren, und das den einzigen Zugang zur Höhle
darstellte.
Ein amphibisches Wesen kroch auf die Felsen. Es hatte einen
klobigen Kopf mit zahllosen, bizarren Auswüchsen, die wie Korallen auf der blauen Haut zu wuchern schienen. Zwei faustgroße
Augen starrten drohend in die Höhle.
Das Wesen glich entfernt einem terranischen Nilpferd, besaß
jedoch Flossen wie ein Seehund und vier kantige Hornplatten, die
den Rücken bedeckten. Die Oberflächen dieser Platten wirkten
durchsichtig. Hoffmann glaubte, unter ihnen eine Bewegung erkennen zu können, so als ob kleinere Geschöpfe in und unter den
Platten lebten.
Die Neptuner zogen sich bis in den äußersten Winkel der
vorderen Höhle zurück. Keiner von ihnen kümmerte sich um die
kleine Schuppengestalt, die etwa zehn Meter von dem amphibischen Wesen entfernt immer noch am Shaddy spielte.
Es schien, als sei der kleine Neptuner, offenbar ein Kind, unfähig zu flüchten.
Da trat plötzlich eines der Wasserwesen vor. Es hielt eine
riesige Muschel in den Armen, die einen Durchmesser von etwa
einem Meter hatte. Über die Hohlseite spannten sich drei Saiten.
Es strich mit einem Stock über die Saiten und entlockte dem Instrument eine Reihe von Tönen, die ohne Zusammenhang zu sein
52

schienen, so daß sich für die Ohren Peter Hoffmanns keine Melodie ergab. Für ihn klang dieses Instrument noch schlimmer als
Luckys Geschrei.
Das Meeresungeheuer richtete sich schnaufend auf. Es öffnete
das Maul und zeigte sein Raubtiergebiß, bei dessen Anblick es
dem Major eiskalt über den Rücken lief. Dennoch zögerte er
nicht länger. Er wußte instinktiv, daß das amphibische Wesen den
kleinen Neptuner mit einem Sprung erreichen konnte. Er rannte
zum Shaddy, riß das Kind an sich und flüchtete damit zu den
Wasserwesen.
Das Saitenspiel endete abrupt. Der Neptuner legte das Instrument auf den Boden und wandte sich ab.
Wieder lag diese lauernde Stille über der Höhle. Die Neptuner
flüchteten schweigend bis in den Durchgang zur hinteren Höhle,
so, als würden sie durch den Major bedroht.
Camiel erfaßte die Gefahr augenblicklich.
Er eilte zu Peter Hoffmann und nahm das Saiteninstrument an
sich.
Er setzte den Stab an und strich damit über die Saiten.
Peter Hoffmann stöhnte auf. "Muß das sein?" fragte er. "Mit
diesen Geräuschen bringst du die Höhle zum Einsturz."
Camiel spielte unbeeindruckt weiter. Die Saiten schrien gequält
auf. Die Muschel verstärkte die Laute zu einem Geräuschinferno,
das Hoffmann Tränen in die Augen trieb.
"Ich weiß gar nicht, was du willst, Paps", erwiderte der Roboter. "Ich finde den Klang dieses Instruments ausgesprochen
schön."
Im nächsten Moment schien es, als wolle er allein mit dem
Quietschen und Kreischen der Saiten das Ungeheuer vertreiben.
Er drückte den Stab fester gegen die Saiten und bewegte ihn noch
kräftiger. Selbst die Neptuner hielten sich nun entsetzt die Ohren
zu.
Das amphibische Wesen bewegte sich ruckartig auf Camiel zu.
Der Roboter wich keinen Zentimeter zurück. Er spielte weiter, als
habe er seine Umgebung vergessen.
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"Es reicht", rief Peter Hoffmann. "Siehst du nicht, daß du diese
Bestie anlockst?"
Das amphibische Wesen war nur noch einen Meter von Camiel
entfernt. Neugierig betrachtete es ihn. Die bizarren Auswüchse an
seinem Kopf richteten sich zu Büschen auf und wedelten durch
die Luft, als wollten sie auch die geringste Tonschwingung auffangen.
Dann schob sich der mächtige Kopf vor und fuhr Camiel
schnüffelnd über die Brust. Im nächsten Moment warf sich das
fremdartige Wesen herum und flüchtete schnaufend und ächzend
ins Wasser. Es tauchte unter und stieß einen Luftschwall aus, so
daß das Wasser aufbrodelte.
Peter Hoffmann lachte laut, als Camiel das Saiteninstrument
endlich auf den Boden legte.
"Hast du das auch genau bemerkt, Camiel?" erkundigte er sich
scheinheilig. "Du verbreitest offenbar einen unerträglichen
Gestank. Damit kannst du selbst solche Bestien in die Flucht
schlagen."
Seine Worte gingen in dem Jubel der Neptuner unter. Die Höhlenbewohner umringten Camiel und klopften ihm anerkennend
auf die Schulter. Sie sprachen begeistert auf ihn ein. Offensichtlich erkannte keiner von ihnen, daß sie es nicht mit einem
lebenden Wesen, sondern mit einer Maschine zu tun hatten.

Das "schwarze Loch"
"Was ist ein 'schwarzes Loch'?" wiederholte Miriam ihre Frage,
ohne sich von dem Lärm irritieren zu lassen, der aus der zweiten
Höhle zu ihr herüberhallte.
Commander Perkins setzte sich zu der Biologin auf den Boden.
"Das läßt sich nicht so leicht erklären", erwiderte er. "Ich will es
jedoch versuchen. Sehen Sie, Miriam, wir glauben immer, daß
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Sterne unsterblich sind, daß sie für alle Zeit so sind, wie sie sind.
Aber das stimmt nicht. Sie verändern sich ständig. Sie werden geboren, und sie sterben. Alle Sterne strahlen Licht ab und geben
somit Energie ab. Diese Energie kommt aus den Sonnen, und ihr
Vorrat ist begrenzt."
"Das ist mir klar", erwiderte sie tonlos. "Das lernt man doch in
der Schule! Die Sterne gewinnen ihre Energie durch einen atomaren Verschmelzungsprozeß."
"Ganz recht!" Perkins ging nicht auf ihren ablehnenden Tonfall
ein. "Dabei entstehen aus leichten schwere Elemente. Und dieser
Prozeß setzt sich fort, bis sich ein bestimmter Teil des Sterns in
Eisen verwandelt hat. Dann hört die Energieproduktion auf. Jetzt
bricht der Stern in sich zusammen. Er verwandelt sich in einen
sogenannten Neutronenstern, falls der Zusammenbruch bei einem
bestimmten atomaren Prozeß endet. Das ist häufig der Fall."
"Und was ist, wenn das nicht der Fall ist?"
"Dann geschieht etwas Unheimliches", antwortete Perkins.
"Dann verschwindet der Stern! Er wird zu einem 'schwarzen
Loch'."
"Das verstehe ich nicht." Miriam schüttelte den Kopf.
"Zunächst einmal spricht man deshalb von einem 'schwarzen
Loch', weil es alles Licht, das darauf fällt, in sich aufsaugt. Natürlich ist es auch nicht wirklich ein Loch, sondern der Rest einer
Sonne, die in sich zusammengestürzt ist. Also eine schwarze
Kugel."
"Wie groß ist denn so ein 'schwarzes Loch'?" Die Biologin sah
ihn aufmerksam an.
"Wenn wir von unserer Sonne ausgehen", erklärte Perkins,
"wäre alles, was von ihr bliebe, so groß wie meine Faust. Dieses
winzige Ding aber hätte unvorstellbare Kräfte. Die Gravitation
wäre tatsächlich so hoch, daß nicht einmal das Licht von diesem
schwarzen Ding reflektiert werden würde. Ein 'schwarzes Loch'
reißt alles mit unwiderstehlicher Gewalt an sich, was in seine Nähe kommt."
"So klein?" Hoffnung keimte in Miriams Augen auf. "Dann ist
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es vielleicht gar nicht so gefährlich. Ein so großer Planet wie
Escape wird vielleicht mit ihm fertig."
"Bestimmt nicht." Perkins mußte ihr die volle Wahrheit sagen.
"Wenn so ein 'schwarzes Loch' auf Escape stürzt, dann reißt es
alles an sich. Escape würde zunächst in sich zusammenstürzen.
Die Atome würden zerbrechen. Die Materie würde sich immer
mehr verdichten, bis Escape selbst nur noch so groß ist wie eine
Erbse, und dieser winzige Rest würde mit dem 'schwarzen Loch'
verschmelzen."
"Ich kann mir nicht vorstellen, daß ein Planet so klein wird."
"Es ist aber so."
"Es darf nicht sein! Wir müssen die Neptuner retten." Ihre
Augen wurden feucht. "Wir dürfen doch so etwas nicht zulassen."
"Miriam", sagte er sanft. "Ein 'schwarzes Loch' nähert sich
diesem Planeten. Die Copaner haben es auf Kollisionskurs gebracht. Wir können nichts mehr tun. Ein 'schwarzes Loch' ist
das gewaltigste und gewalttätigste Ding, das es im Universum
gibt. Wir haben nicht die technischen Mittel, es aufzuhalten. Wir
wissen noch nicht einmal ganz genau, was ein 'schwarzes Loch'
ist. Wir wissen nur, daß es existiert."
"Die Copaner haben es aber geschafft, das 'schwarze Loch' auf
Kurs zu bringen", stellte sie bitter fest.
"Die Copaner sind uns weit überlegen. Wir können uns nicht
mit ihnen vergleichen. Wenn sie mit einem 'schwarzen Loch' umgehen können, dann heißt das doch nicht, daß wir es auch
können. Wir könnten noch nicht einmal einen Mond um einen
Millimeter aus seiner Bahn drängen. Viel weniger können wir
einen Planeten bewegen und schon gar keine Sonne. Ein 'schwarzes Loch' ist aber noch viel mächtiger als eine Sonne. Uns allen
ist ein Rätsel, wieso die Copaner es beherrschen."
"Aber es muß doch etwas geschehen!"
"Sicher. Ich weiß nur nicht, was. Nur die Copaner könnten uns
noch helfen."
"Aber Sie glauben nicht, daß die Copaner das tun werden." Perkins schüttelte den Kopf. "Nein!" Wie aus dem Nichts tauchte
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Camiel plötzlich vor ihnen auf.
"Sir - Sie sollten kommen", sagte er.
"Ist etwas passiert?" fragte der Commander, während er sich
erhob.
"Noch nicht", erwiderte Camiel. "Ich glaube, die Neptuner
wollen Sie zum Essen einladen, und daraus könnte sich etwas
ergeben."
Miriam Blister blickte Perkins beschwörend an.
"Bei mir haben sie stark reagiert, als ich ihr Essen angenommen
habe. Sie haben sich gefreut. Sie können die Krabben und Fische
ruhig essen, und Sie müssen es! Für die Neptuner ist das
wichtig", sagte sie. "Und was sie anbieten, schmeckt wunderbar."
Commander Perkins antwortete nicht. Er sah, daß Peter Hoffmann mit den Neptunern vor der Säule am Feuer saß. Vor ihm
hatten die Wasserwesen zahlreiche Speisen ausgebreitet. Auf
Kristallscheiben lagen Fische, Krebse, Muscheln und Krabben.
Alle Speisen waren roh - und zum Teil noch recht lebendig.
Einer der Neptuner kam Perkins entgegen. Er breitete die
Schwimmarme aus, blickte ihn freundlich an und lud ihn zum
Essen ein. Camiel übersetzte seine Worte.
"Sage ihm, daß wir die Einladung nicht annehmen können",
befahl der Commander. "Erkläre ihm, daß wir die Atemschutzmasken nicht abnehmen dürfen, und daß wir aus diesem Grunde
die Speisen nicht zum Mund führen können."
"Aber, Commander", wandte Miriam ein. "Natürlich können
Sie das. Ich trage doch auch keine Maske, und ich fühle mich
völlig gesund."
"Wir werden die Masken nicht ablegen", entgegnete Perkins.
"Dann werden die Neptuner böse", warnte die Biologin. "Das
können Sie nicht tun. Sehen Sie. Sie werden schon unruhig."
Peter Hoffmann erhob sich. Auch er trug die Atemschutzmaske
noch. "Gut, daß du kommst, Randy", sagte er. "Wir müssen etwas
tun!"
Einige Krebse versuchten, von den Tellern ins Wasser zu flüchten, doch die kleinen Schuppenwesen fingen sie wieder ein und
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trugen sie ans Feuer zurück. Peter Hoffmann massierte sich den
Hals.
"Ich könnte ohnehin keinen lebenden Krebs essen." "Camiel,
erkläre es ihnen", wiederholte Perkins. Und der Roboter begann
in der seltsamen Flüstersprache der Neptuner zu reden. Der Commander beobachtete gleichzeitig die Wasserwesen. Er war nicht
bereit, sein Leben zu riskieren, um sich das Wohlwollen der Bewohner von Escape zu bewahren. Er sah, wie sich ihre Haltung
veränderte. Die Neptuner, die bisher auf dem Boden gesessen
hatten, standen auf. Sie nahmen eine feindselige
Haltung an. Einige von ihnen eilten zum Shaddy. Doch noch
fühlte Perkins sich nicht durch sie bedroht. Er war davon überzeugt, daß sie das Vielzweckfahrzeug nicht beschädigen konnten.
"Das können Sie nicht tun!" Miriams Stimme zitterte. "Die
Neptuner sind so freundlich. Noch nie haben sie es mit Wesen
von einer anderen Welt zu tun gehabt. Sie können nicht erwarten,
daß Sie Verständnis dafür haben, daß Sie sie so beleidigen."
"Miriam, wir werden jetzt zum Shaddy gehen und uns zurückziehen. Wir fahren nach oben. Es wird Zeit, daß Sie in ärztliche
Behandlung kommen!" entschied Perkins, ohne auf ihren Einwand zu achten.
Einer der Neptuner sagte etwas.
"Die Neptuner drohen, Ihnen die Masken abzureißen, Sir",
erläuterte der Roboter. "Sie fühlen sich außerordentlich beleidigt
dadurch, daß Sie die Speisen ablehnen. Ihr Angebot hat offenbar
eine tiefe Bedeutung."
"Das ist nicht zu ändern! Kommt! Wir gehen zum Shaddy.."
"Das wird nicht leicht sein, Sir." Camiel zeigte auf die Neptuner, die erkannt hatten, daß der Shaddy die einzige Fluchtmöglichkeit für die beiden Männer und die junge Frau bot.
Die Wasserwesen bildeten eine Abwehrkette vor dem Spezialfahrzeug. Einige von ihnen hielten Wurfspieße in den Händen,
mit denen sie sonst Fische jagten. Jetzt wollten sie sie gegen Perkins, Hoffmann und Miriam Blister richten.
Einer von ihnen schlug